inferno (dario argento, italien 1980)

Veröffentlicht: März 2, 2012 in Film
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INFERNO, der mittlere Teil der mit SUSPIRIA begonnenen und 2007 mit LA TERZA MADRE beendeten Drei-Mütter-Trilogie, war für mich bislang eigentlich immer das Companion Piece zum direkten Vorgänger: Wie SUSPIRIA ist auch INFERNO kein Giallo, sondern ein im Fantastischen verorteter Film, wie jener handelt er von einem unheimlichen Haus in dem merkwürdige Dinge passieren, die mit Alchimie, Okkultismus und Hexerei zu tun haben, wie zuvor kreiert Argento mithilfe expressiver Lichtsetzung, elaborierten Set-Designs und einem markanten Soundtrack eine fremdartige Stimmung. Doch von jenen oberflächlichen Elementen abgesehen, unterscheiden sich beide Filme tatsächlich sehr stark voneinander. Auf der Anchor-Bay-DVD, die mir vorliegt, leitet Argento selbst INFERNO mit der Behauptung ein, es sei sein wahrscheinlich „reinster“ Film. Und mit dieser Aussage dringt er geradewegs zum Hauptunterschied zwischen SUSPIRIA und INFERNO vor.

Es ist schon fast ein Klischee geworden, darauf hinzuweisen, dass man von Argento-Filmen nicht erwarten sollte, eine Geschichte erzählt zu bekommen; schon Hahn & Jansen wendeten sich in ihrem umstrittenen „Lexikon des Horror-Films“ mit dem Diktum an den italienischen Regisseur, „ein Film [solle] auch eine Geschichte erzählen“ und nicht bloß aus beeindruckend gestalteten Set Pieces bestehen. Dass der implizite Vorwurf aber ausgerechnet in der Kritik zu SUSPIRIA gemacht wurde, ist eigentlich ein Hohn, denn gerade dieser Film orientiert sich in seiner Narration sehr eindeutig an traditionellen Märchen (worauf etwa das „Black Forest“-Plakat, das in der Eingangssequenz am Müchener Flughafen hängt, hinweist): Ein junges Mädchen reist auf der Suche nach Erfolg und Anerkennung in die weite Welt, wird mit rätselhaften Vorgängen konfrontiert, die ihr Leben bedrohen und muss sich ihrer Haut erwehren, um am Ende gestärkt weiterziehen zu können. SUSPIRIA mag fremdartig und expressionistisch sein, aber er verfügt über eine ganz klare narrative Struktur. INFERNO ist da von anderem Kaliber: Der Film handelt von einem Haus und jeder Versuch, seine Handlung über diese vage Beschreibung hinaus zu spezifizieren, ist zum Scheitern verurteilt. Jeder Ballast wurde von Argento über Bord geworfen, sodass es eigentlich kaum noch sinnvill ist, INFERNO als Horrorfilm zu bezeichnen.

INFERNO beginnt mit Rose (Irene Miracle), die ein Buch des Alchimisten und Architekten Varelli liest, dessen Stimme als Voice-over die Zeilen rezitiert, in denen er vom Bau dreier Häuser als Heimstatt für  drei grausame Mütter berichtet. Warum Rose dieses Buch liest, warum sie den Worten des Schriftstellers überhaupt Bedeutung beimisst, wer diese drei Mütter mit den lateinischen Namen Mater Suspiriorum, Mater Tenebrarum und Mater Lacrimarum sein sollen, wird nicht weiter erklärt. Nur wenig später steigt Rose in den dunklen Keller des Hauses hinab, weil im Buch die Rede davon war, dass „der zweite Schlüssel“ im Keller versteckt sei. Statt ihn jedoch zu finden, fällt der ihre in eine Luke, die in ein überflutetes Zimmer führt. Sie tut, was wohl niemand in dieser Situation, an diesem Ort tun würde: Sie taucht hinein, um ihren Schlüssel zu holen und stößt dabei auf eine verwesende Leiche. Wieder in ihrer Wohnung schreibt sie einen Brief an ihren Bruder Mark (Leigh McCloskey) in Rom, in dem sie ihn bittet, sofort zu ihr nach New York zu kommen. Mark ist Musikstudent und wird während einer Seminarstunde von einer mysteriösen Schönheit mit Perserkatze so intensiv beäugt, dass er darüber glatt den Brief vergisst. Seine Kommilitonin Sara (Eleonora Giorgi) nimmt ihn mit, liest ihn, fährt in eine Bücherei, um etwas über die „drei Mütter“ zu erfahren, von denen im Brief die Rede ist, begegnet in einer Hexenküche unter der Bücherei einem merkwürdigen Mann, der versucht sie umzubringen, kann fliehen und wird schließlich in ihrer eigenen Wohnung erdolcht, nachdem sie Mark angerufen hat. Der tritt auf den Plan, kann aber nur noch die Leiche von Sara betrauern und erweist sich immer noch nicht als der Protagonist, der dem Film noch fehlt, weil der sich danach wieder Rose in New York zuwendet. Auch sie wird ermordet, nachdem sie Mark per Telefon erneut gebeten hat, so schnell wie mölich zu ihr zu kommen. Mark trifft wenig später ein, von Rose keine Spur. Der Film ist jetzt eine halbe Stunde alt, es gibt bereits zwei Tote, immerhin endlich eine Hauptfigur, aber immer noch keine Spur von einem Plot, an dem man sich festhalten könnte. Und dabei bleibt es auch.

Was meint Argento also, wenn er INFERNO als seinen „reinsten“ Film bezeichnet? Vielleicht, dass es sein erster Film ist, in dem jedes Filmbild nur noch für sich steht, nicht mehr „Übersetzung“ eines dahinter stehenden Gedankens ist oder Puzzleteil in einem größen Ganzen. In SUSPIRIA gibt es ja diese eine krass aus dem sonst sehr homogenen Film herausfallende Szene, in der sich die Protagonistin Suzy (Jessica Harper) auf der Suche nach Erklärungen für die von ihr in der Ballettschule beobachteten Phänomene mit einem Wissenschaftler (Udo Kier) trifft: ein mehrminütiger Dialog voller trockener Exposition, die für die Wirkung des Films letztlich keinerlei Bedeutung hat. INFERNO ist völlig frei von solchen „erklärenden“ Szenen und die Protagonisten sind genauso ahnungslos wie der Zuschauer. INFERNO ist einer dieser Filme, die gleichzeitig vollkommen leer und übervoll sind. Die barocken Designs aus SUSPIRIA sind solchen von ausgestellt lebloser Künstlichkeit gewichen: Die Figuren scheinen sich ausschließlich in verwaisten Bühnenbildern herumzutreiben. Man fragt sich, ob ihnen denn gar nicht auffällt, wie bizarr und sinnlos ihr Leben ist. (Als Sara den uralten Bibliothekar in der riesigen Bibliothek nach dem Buch „Die Drei Mütter“ fragt, antwortet dieser ihr, dass sie direkt davorsteht, und sie wundert sich über diesen höchst verdächtigen Zufall überhaupt nicht.) Während die zerbrechliche Jessica Harper noch den Beschützerinstinkt des Zuschauers ansprach, ihre Mitschülerinnen über ein Leben zu verfügen schienen, da stellen der seltsam alterslose und persönlichkeitsfreie Leigh McCloskey und die anderen Darsteller nur noch ihre Körper zur Verfügung, damit die Bilder noch ein halbwegs menschliches Zentrum haben. Immer, wenn man meint, es böte sich eine Möglichkeit, in den Film einzusteigen – etwa wenn sich die Komplizenschaft zwischen Mark und der Mieterin Elise (Daria Nicolodi) anbahnt -, grätscht der Film brutal dazwischen und zerstört den Ansatz von Bedeutung und Sinn. INFERNO ist nur noch Stimmung, reines Kino, das man nicht hermeneutisch entschlüsseln muss, um der dahinterliegenden „echten“ Bedeutung auf den Grund zu gehen. Wenn ich mich recht erinnere, dann stellte Norbert Stresau in seinem Buch „Der Horror-Film“ den Vorrang des Sachlich-Materiellen gegenüber dem Menschlichen in INFERNO heraus: Argento lässt das Abstrakte über das Konkrete triumphieren, die Architektur über den Menschen, den universellen Tod über das individuelle Leben. So muss man sich wohl tatsächlich die Hölle vorstellen.

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Ich hab mir die vorzüglich aufgemachte und ausgestattete BluRay besorgt und gestern den Film dann zum ersten Mal endlich gesehen. Was bedeutet, dass ich auch die „Drei Mütter-Trilogie, wie die originalen Star Wars-Filme in der merkwürdigen Reihenfolge: 1-3-2 gesehen habe. 😉

    Der Film besticht in der Tat durch seine künstliche Atmosphäre und die alptraumgleiche Ordnung seiner Episoden. Der Protagonist ist hier eher ein Platzhalter für den Zuschauer – er taumelt von einem Ort zum anderen, hat aber auf die Geschehnisse nicht den geringsten Einfluss. Im letzten Drittel wird noch kurz eine Verschwörung von zwei Bediensteten angedeutet, die ihre reichen Mieter ausrauben wollen. Dies wirkt wie ein Story-Fragment aus einem anderen Drehbuch wie auch zumindest zwei der Mordtaten noch von klassischen Giallo-Mördern mit schwarzen Handschuhen ausgeführt werden. Aber diese verschwinden anschliessend in das Nichts aus dem sie gekommen sind.

    Alles ist reine Willkühr, eine Komposition aus Farben, Licht und Bauten nur durch Schnitt und Filmmusik zusammengehalten. Wobei letztere das einzige Element des Films war, das mir weniger gefallen hat – ich kann mit dieser Art von progressiven Jazzrock einfach nichts anfangen und das Schlussthema kam dann auch noch derart dröhnend daher, dass ich meinen Fernseher sofort zwei Stufen leiser drehen musste.

    Nach der Sichtung von „Inferno“ wirkt es gleich nochmal so traurig, dass „Mother of tears“ weder eine Rückkehr zur Form, noch ein runder Abschluss der Trilogie, sondern ein kompletter Schuss in den Ofen geworden ist.

  2. […] „INFERNO ist nur noch Stimmung, reines Kino, das man nicht hermeneutisch entschlüsseln muss, um der dahinterliegenden “echten” Bedeutung auf den Grund zu gehen.“ – Oliver Nöding, Remember It For Later […]

  3. […] „INFERNO ist nur noch Stimmung, reines Kino, das man nicht hermeneutisch entschlüsseln muss, um der dahinterliegenden “echten” Bedeutung auf den Grund zu gehen.“ – Oliver Nöding, Remember It For Later […]

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