public enemies (michael mann, usa 2009)

Veröffentlicht: März 20, 2012 in Film
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In den letzten Tagen ist es hier etwas ruhig gewesen: Grund dafür ist meine Sichtung von PUBLIC ENEMIES, der mich doch etwas ausgebremst hat. Ich weiß immer noch nicht genau, was ich über den Film eigentlich schreiben oder sagen soll: Er hat mich überhaupt nicht dazu motiviert, mich irgendwie zu ihm zu äußern. In dieser Erkenntnis steckt eine Menge Frustration und Schmerz: Michael Mann zählt zu meinen Lieblingsregisseuren, müsste ich meine 50 liebsten Filme aufzählen, so hätten sein MIAMI VICE, MANHUNTER und THIEF ausgezeichnete Chancen auf eine Nennung, ALI, COLLATERAL und THE KEEP haben ebenfalls einen Platz in meinem Herzen (THE LAST OF THE MOHICANS, HEAT und INSIDER müsste ich mal wieder sehen). Die mit seinem Namen verbundene Erwartungshaltung kann eine ziemliche Bürde sein: Und PUBLIC ENEMIES hat sie – in Verbindung mit meiner kurz zuvor erfolgten Sichtung von John Milius‘ großartigem DILLINGER – das Genick gebrochen.

Michael Manns Adaption eines Buches von Bryan Burroughs, das sich mit der Fallgeschichte eines der berühmtesten Verbrecher der USA beschäftigt, ist schlicht und ergreifend durchschnittlich. Sklavisch ackert er die in Hunderten von Gangsterfilmen und Biopics standardisierten Plotpoints ab, zeichnet Klischeefiguren, die miteinander Klischeebeziehungen unterhalten und belegt die historische Figur Dillinger und seine „Karriere“ so mit einer dicken Patina, anstatt für Klarheit zu sorgen. Was den Gangster und seine gesichts- und seelenlos bleibenden Kumpane antreibt, bleibt unklar. Klar, irgendwie spielt in der Depression das Geld eine Rolle, aber Mann zeichnet Dillinger – vor allem in seiner Beziehung zur schönen Billie Frechette (Marion Cotillard) – lieber als verträumten und tollkühnen Romantiker, der sich seine Fantasien nicht von der schnöden Realität kaputtmachen lassen möchte, als Künstler und Rebellen, die Staatsdiener hingegen als eiskalte Rationalisten und die eigentlichen Schurken: ein Ansatz, der als hoffnungslos naiv und einseitig bezeichnet werden muss. Tatsächlich gibt es gleich zwei Szenen, die Dillinger als ausgesprochenen Filmfan zeigen und den verklärenden Ansatz Manns zu reflektieren scheinen: Während der ersten sehen sich Dillinger und seine Gang bei einem Kinobesuch plötzlich einem Wochenschau-Bericht über ihre Machenschaften und einem Aufruf ans Publikum, im Saal nach den Verbrechern Ausschau zu halten, ausgesetzt. Doch der Verbrecher bleibt unerkannt, wird förmlich unsichtbar in der vergnügungssüchtigen Menge. Die zweite spielt ebenfalls in einem Kino, unmittelbar vor seiner Erschießung. Gebannt und glücklich wie ein Kind folgt er dem Spiel von William Powell und Clark Gable in MANHATTAN MELODRAMA, völlig befreit und nicht ahnend, dass sein Leben bald ein Ende finden, dies sein letzter Film sein wird. Es ist einer der wenigen wirklich brillanten Momente des Films: Jede Dillinger-Verfilmung behandelt diesen letzten Kinobesuch, erwähnt das Kino und den Film, den Dillinger als letztes sah, doch Mann ist der erste, der Dillinger zeigt, wie er sich diesen Film anschaut. In diesen Sekunden wird der Protagonist tatsächlich lebendig, entsteht eine Verbindung zwischen dem Zuschauer von PUBLIC ENEMIES und dem bankraubenden Zuschauer Dillinger. Vorher blieb der Mann distanziert, eine Chiffre, eine weitere Figur in Depps langer Rollenliste – und eine weitere, die hinter dem Star verschwindet.

Natürlich ist Mann ein Regisseur, der in seinen Filmen immer mehr am Mythos und der Rezeption als an der Realität dahinter interessiert war. Die meisten seiner Filme erzählen typische Genregeschichten, nutzen Archetypen, sind in einer Traum- und Popwelt angesiedelt und nicht in einer historisch verbrieften Wirklichkeit. Auch PUBLIC ENEMIES fügt sich da nahtlos ein und es ist nicht unbedingt eine Überraschung, dass Mann an Dillingers Idealisierung strickt, anstatt ihn zu entlarven.  Das ist nicht das Problem. Doch anders als in seinen stärkeren Filmen gelingt es Mann meiner Meinung nach hier nicht, sich mithilfe der Form von der Formel zu emanzipieren. In MIAMI VICE evoziert er eine unheimliche Empathie mit seinen beiden Klischeepolizisten, weil er insgeheim von ihrem Kampf gegen die sie einengenden (Film-)Konventionen berichtet. Im Grunde ist MIAMI VICE ein Metafilm. In PUBLIC ENEMIES hat er mit dem Problem zu kämpfen, erst einen Riesenhaufen Exposition bewältigen zu müssen, ihm steht genau das im Weg, was ihn sonst immer am wenigsten kümmert: Handlung. Während der ersten eineinhalb Stunden hechelt der Film durch die Karriere Dillingers, hakt die wichtigsten Daten seines Lebens ab, kümmert sich nebenbei um den Aufstieg Hoovers und seines FBI, die Jagd Purvis‘ auf den Superverbrecher, und vergisst dabei, dass es gerade die Momente der Ruhe sind, die seine Filme sonst immer ausgezeichnet haben. Die Beziehung zwischen Dillinger und Billie, die wohl die affektive Bindung des Zuschauers gewährleisten soll, kommt einfach nur corny, unglaubwürdig und halbgar daher. Und diese Formelhaftigkeit hindert dann auch Dante Spinottis Fotografie daran, ihre Durchschlagskraft zu entfalten. In den Actionszenen setzt der auf Digivideo (sorry, bin kein Technikexperte) gedrehte Film eine ungemeine Kraft frei, genau jene Unmittelbarkeit und Direktheit, die dem Film dank seiner klischierten Dramaturgie sonst völlig abgeht. Und Dillinger ist eine Figur, deren Tod eben nicht tragisch ist: Er ist folgerichtig. Wäre er in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, hätte er einen Schlussstrich unter seine Laufbahn gezogen und wäre er mit seinem Geld nach Mexiko gegangen, dann wäre das ein Stoff für Mann geworden. Diesen Film hätte ich lieber gesehen, als wieder einmal die Räuberpistole vom Mann, der durch das Schwert lebt und durch das Schwert stirbt.

Natürlich hat der Film seine Momente, vor allem in der letzten halben Stunde: Ein Besuch Dillingers im Polizeipräsidium Chicagos und den Räumlichkeiten der „Dillinger Squad“ am Tag seiner Erschießung, als bereits alle Beamten zu den entsprechenden Vorbereitungen ausgeflogen sind, der den Staatsfeind Nr. 1 als Held und Zuschauer seines eigenen Films zeigt, ist großartig und zeigt, welche erleuchtende Kraft Dichtung haben kann und sollte. Auch gibt es wieder diese typischen Mann-Bilder, wenn kurz der Fokus verloren geht, das Zentrum in der Unschärfe oder am Rand verschwindet, die Kamera – wie ich in meiner alten MIAMI VICE-Rezension geschrieben habe – sich abzuwenden scheint, weil sie die Schönheit des Bildes nicht ertragen kann. Und obwohl sich die Einzelteile nicht zu einem Ganzen summieren wollen, zeichnet auch diesen Film wieder diese träumerische Atmosphäre aus, die einem das Gefühl vermittelt, der 130-Minüter verdichte sich auf wenige bis zum Bersten aufgeladene Augenblicke. das alles erinnert trotzdem nur schmerzhaft daran, was hätte sein können.

Kommentare
  1. Whoknows sagt:

    Obwohl WordPress Google-Benutzer bei dir in letzter Zeit systematisch abzulehnen scheint, nehme ich mal wieder einen Anlauf via Gravatar. 😦

    Die DVD setzt bei mir schon seit einiger Zeit Staub an und harrte einer Sichtung entgegen (ich war mal ein richtiger Fan von Johnny Depp, wenn er nicht gerade auf Seeräuber machte). Du hast meine Motivation definitiv gedämpft. Man will schliesslich nicht 130 Minuten seines Lebens vergeuden. Sollte ich mich doch einmal zu einer Sichtung aufraffen, werde ich dich nicht mit einer Besprechung konkurrieren: Was zu sagen ist, dürfte gesagt worden sein.

    • Oliver sagt:

      Keine Ahnung, woran das mit dem Google-Account liegt. Ich habe nix geändert, ehrlich. 🙂

      Auch wenn das jetzt wie ein Widerspruch zu meinem Text klingt: Ich hatte nicht das Gefühl, Zeit vergeudet zu haben. Eine Enttäuschung kann ja zuweilen auch ganz heilsam sein und eine Katastrophe ist PUBLIC ENEMIES nun auch nicht gerade. Vielleicht gefällt er dir nach meiner Kritik ja sogar ein bisschen besser, wer weiß?

      • Whoknows sagt:

        Ich glaube, es liegt weniger an euch WordPress-Bloggern als am Fehler, sich einst ein Gravatar-Konto zugelegt zu haben, das jetzt mit WordPress „fusioniert“ hat. Damit muss ich mich von jetzt an abfinden. 😉

        Es ist durchaus schon vorgekommen, dass ich nach kleineren „Verrissen“ mit einem „So übel is‘ er nun auch wieder nicht!“ reagierte. In diesem Fall ziehe ich es aber vor, ein wenig Zeit vergehen zu lassen. Es warten ohnehin unzählige DVDs auf eine Sichtung. Und unser dämliches Blog nimmt so viel Zeit in Anspruch… 😀

  2. ilsadelmar sagt:

    Ich kann mich deiner Rezension nur anschließen. „Public Enemies“ war einer der enttäuschendsten Kinobesuche meines Lebens. Wir waren in ganz großer Runde damals reingegangen und wusste danach alle nicht so recht, was da gerade über uns herein gebrochen ist. Unfassbar langatmig und ich kann micht tatsächlich nur noch an einzelne Momente der Handlung erinnern.

  3. genzel sagt:

    Interessanterweise ist der Text dafür, daß der Film bei dir wenig Äußerungsbedürfnis angeregt hat, überdurchschnittlich lang geworden.
    Ich saß aber ähnlich leer nach dem Ansehen da. Wenn mich jemand nach dem Film fragt, schaffe ich’s immer noch nicht, mehr als „er ist schon okay“ zu sagen. Irgendwann gehe ich ihn nochmal an – vielleicht wächst er beim zweiten Ansehen. Aber schwer motiviert für den zweiten Anlauf bin ich nicht …

  4. Oliver sagt:

    @genzel

    Das von dir angesprochene Missverhältnis ist mir auch schon aufgefallen. Liegt wahrscheinlich daran, dass meine Einstiegsbekundung eher ein Kniff war, um überhaupt einen Einstieg hinzubekommen. Zum zeitpunkt des Verfassens lag die Sichtung schon einige Tage zurück und ich wollte den Text vor allem hinter mich bringen. 🙂

    • Dass Du von diesem Michael Mann enttäuscht bist, kann ich teilweise nachvollziehen. Was die Zeichnung der Figuren angeht, gibt es sicher Vieles, „was hätte sein können“. Gerade die Beziehung Dillinger/Frechette beschreibst Du mit „halbgar“ sehr treffend.

      Mein Gedanke nach dem Film war: Wenn einem die Hintergrundgeschichte nicht bekannt ist, fällt es tatsächlich schwer, mit den Protagonisten „warm“ zu werden. Leicht kommt da Beliebigkeit auf und die Figuren sind einem beinahe egal. Vielleicht war das einer der Gründe für Deine anfängliche Unlust, über den Film zu schreiben. Anders stehen die Dinge aus meiner Sicht, wenn man die historischen Details um John Herbert Dillinger kennt. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich es durchaus verschmerzen, dass das Thema Motivation/Charakterentwicklung vielleicht etwas auf der Strecke bleibt. Denn ist nicht Dillinger schon längst ‚public‘ und ist nicht im Grunde alles zu dieser Person gesagt?

      Für mich ist Michael Mann ‚kinetisches Bildkino‘ – unter diesem Aspekt hat „Public Enemies“ genau so geliefert, wie Du es ausdrückst: Kraft freisetzend, unmittelbar und direkt.

      Viele Grüße und Daumen Hoch für Deinen gesamten Blog!

      • Oliver sagt:

        Danke für deinen Kommentar!

        Zu PUBLIC ENEMIES kann ich gar nichts mehr sagen, die Sichtung ist schon zu lange her. Mit Dillinger kenne ich mich zwar nicht wirklich, aber immerhin ein bisschen aus, da ich auch Milius und Teagues jeweilige Filme gesehen habe. Aber vielleicht wäre es wirklich sinnig gewesen, an PUBLIC ENEMIES nicht zu viele Ploterwartungen heranzutragen.

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