juan de los muertos (alejandro brugués, spanien/kuba 2011)

Veröffentlicht: April 3, 2012 in Film
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Juan (Alexis Díaz de Villegas) ist ein Faulpelz und Lebenskünstler. Gemeinsam mit seinem besten Freund Lazaro (Jorge Molina) hält er sich mit kleinen Gelegenheitsarbeiten und Gaunereien über Wasser, genießt die kubanische Sonne auf seinem Dach hoch über den Straßen von Havanna, arbeitet an einer Mauer aus leeren Rum-Flaschen, vögelt die heiße Nachbarin und trauert Frau und Tochter hinterher, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben gen USA verdrückt haben. Letztere weilt just in dem Moment wieder auf Kuba, als die Straßen der Hauptstadt plötzlich von Zombies unsicher gemacht werden und im Chaos versinken. Juan, der die Wiedervereinigung mit seiner Familie noch nicht aufgegeben hat, sieht zunächst vor allem die Gelegenheit, mit einem Todesschwadron etwas Geld zu verdienen. Doch bald erkennt er, dass es Zeit ist, Verantwortung für seine Lieben zu übernehmen …

Eine kubanische Zombiekomödie mit einem von SHAUN OF THE DEAD inspirierten Titel? Man sieht schon mit Grausen die neueste Funsplatter-Unzulänglichkeit vor dem eigenen Auge ablaufen, einen Film „von Fans für Fans“, der Unterhaltung mit beständigem Nerd-Jerking verwechselt, dessen Macher das Genrekino von Romero bis Jackson in sich aufgesogen, aber nicht verstanden und auch sonst nichts mitbekommen haben. Sprich: Genau einen jener Filme, die man gerade nicht gemeinsam mit der anvisierten Zielgruppe sehen möchte, weil man sich dabei ungefähr so fühlt wie ein praktizierender Satanist beim Kirchentag. Doch die Befürchtungen sind unberechtigt, JUAN DE LOS MUERTOS ist minichten der neueste Beitrag zum wohl spießigsten Subgenre des Horrorfilms, sondern eine sehr charmante und lebenskluge Horrorkomödie, die nicht als minderbemittelte Nummernrevue hohler Zoten funktioniert, sondern tatsächlich über die liebenswerten Charaktere und seinen lakonischen, manchmal tiefschwarzen, aber dabei immer sehr menschlichen Witz. Dazu kommt, dass Brugués  seinen Romero tatsächlich verstanden hat. Die Zombies sind in allererster Linie Projektionsfläche, ihr unverkennbar allegorisches Potenzial wird niemals voll ausformuliert, tatsächlich muss die Frage nach dem Wie und Warum hinter der Zombieinvasion gar nicht geklärt werden. Man versteht auch so, dass dieses Kuba, das seit 50 Jahren vom sozialistischen Regime Castros geknechtet wird, ein Land ohne Morgen ist. Was JUAN DE LOS MUETOS von den ernsteren Romero-Filmen abhebt und gleichzeitig zu einem eigenständigen, sympathischen und wahrscheinlich wirklich zu einem genuin kubanischen Zombiefilm macht, das ist die Gelassenheit, mit der er diese Erkenntnis teilt. Das Land mag vor die Hunde gehen, aber: das Meer! die Sonne! der Rum! Jaja, etwas muss sich verändern, aber das kann doch auch bis morgen warten.

JUAN DE LOS MUERTES ist ein Film über die Underdogs und Underachievers, über den einfachen Kubaner, der es seit Jahrzehnten gewohnt ist, vom Schicksal verarscht zu werden.  Juan und seine Freunde geben sich längst keinerlei Illusionen über die Lage ihres Landes mehr hin, nehmen diese aber mit Humor. Die Zombieinvasion schockt sie dann auch nicht besonders, man ist bereits einiges gewohnt. Not macht erfinderisch und weil ihr Leben beständige Not ist, sind sie darin besonders gut: Gegen Bezahlung versprechen sie, zombiefizerte Verwandte in die ewigen Jagdgründe zu schicken, ein Job, der ein paar Piepen einbringt, die dummerweise aber nichts mehr nutzen, weil die Zivilisation bereits kollabiert ist. So streifen sie durch die Straßen der „ausgestorbenen“ Stadt, bestreiten ihre kleinen Scharmützel und ziehen sich abends auf ein Glas Rum auf Juans Dachterrasse zurück. JUAN DE LOS MUERTOS ist in erster Linie Stimmung: Ein Gefühl der Bedrohung stellt sich nie ein, weil die Protagonisten es längst gewöhnt sind, sich gegen widrige Umstände zu behaupten. Da lässt man sich auch von Zombies nicht mehr aus der Ruhe bringen. Diese Gelassenheit ist das herausragende Merkmal des Films und sie bindet den Zuschauer an die Figuren, die nicht hysterisch werden oder ihr Leid klagen, sondern die Ärmel hochkrempeln und – Vorsicht: Phrase – die Misere als Chance begreifen. Während Horrorkomödien oft zur Hysterie und zum Klamauk neigen, da besticht dieser JUAN DE LOS MUERTOS durch einen immer sicheren Rhythmus. Hier wird nicht mit Gewalt, Kettensägen-Close-ups und inflationärem Kuntsbluteinsatz um die Gunst der Nerds gebuhlt, sondern sich ganz auf die Kraft der Geschichte verlassen. Gags werden einem weder mit dem Hammer eingeprügelt noch penetrant abgefeiert und sie haben ihren Ursprung immer in den Charakteren des Films. So funktionieren hier auch solche Witze, die in einer US-Produktion regelmäßig Anlass zur Fremdscham geben: Dass eine Transe etwa als Mensch wahr- und ernstgenommen wird, ihr Tod einen der tragischeren Momente des Films bildet, darf man durchaus als begrüßenswerten Glücksfall betrachten. Sogar der eine wahscheinlich unvermeidliche Schwulenwitz trifft ins Ziel, weil er vor allem die latente Homophobie aufs Korn nimmt, anstatt ausschließlich die eigene Verbohrtheit auszustellen. Großen Anteil an diesem Gelingen haben die Darsteller, die allesamt perfekt sind in ihren Rollen und beweisen, wie wichtig gutes Casting ist. Vor allem Juan-Darsteller Alexis Dáiz de Villegas muss hervorgehoben werden: eine echte Entdeckung.

JUAN DE LOS MUERTOS, den ich insgeheim schon als unerträglichen Kinderkram vorverurteilt hatte, hat sich als absoluter Glückstreffer erwiesen: Er ist wahrscheinlich die beste Horrorkomödie seit Jahren und die zunächst unverschämt erscheinende SHAUN OF THE DEAD-Referenz trifft tatsächlich ziemlich ins Schwarze, weil sich beide Filme im Geiste sehr ähnlich sind. Nimmt man dann noch den kleinen Exotenbonus dazu, der zwar nicht ausschlaggebend sein sollte, aber ja dann doch nicht ganz unwesentlich ist, dann kann man JUAN DE LOS MUERTOS nur noch als Gewinner bezeichnen: Die Bilder des maroden Havanna und seiner Einwohner allein sorgen schon für einzigartige Atmosphäre, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Doch JUAN DE LOS MUERTOS ist weit mehr, er ist ein im besten Sinne humanistischer Film, weil er echte Empathie für seine Protagonisten erzeugt , ohne sie zu Krücken einer Ideologie zu degradieren oder mit fragwürdigen Methoden um Mitleid für sie zu betteln. Diese Leistung ist kaum überzubewerten. Und wenn man nach 90 unterhaltsamen, witzigen, herzerwärmenden und turbulenten Minuten von einer großartig animierten Zeichentricksequenz zu Sid Vicious‘ Version von Sinatras „My way“ aus dem Film entlassen wird, möchte man eigentlich noch nicht gehen, sondern bei Juan bleiben und ihm dabei zusehen, wie er die Hürden des Lebens nimmt.

Kommentare
  1. Thomas Hemsley sagt:

    Ist das der Beginn deiner Weltreise? Egal, scheint ein guter Film zu sein. Kleine Besserwisserei: „My Way“ ist nur von Sinatra einigermaßen definitiv interpretiert worden – ich finde auch Elvis` Version toll – aber letzten Endes ist es dann doch nur eine unter vielen Versionen, wie eben Sid´s eigenwillige Interpretation. Der Text ist von Paul Anka und die Musik von einem französischen Chanson. Aber das ist nur ein Manko an deiner Kritik, das nur Leuten ohne Leben auffällt;-)

    • Oliver sagt:

      Nee, den habe ich bei den FF Nights gesehen, die Weltreise beginnt nächste Woche und dann natürlich in diesem unseren Vaterland.

      Danke für den Hinweis bzgl. Sinatra. Man darf sich aber auch nie auf das angebliche eigene „Wissen“ verlassen. 🙂

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