idi i smotri (elem klimov, udssr 1985)

Veröffentlicht: Mai 27, 2012 in Film
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Weißrussland, 1943: Der junge Fliora (Aleksey Kravchenko) findet ein Gewehr und meldet sich freiwillig für die Partisanenarmee, die sich den Nazis entgegenstellt. Doch statt des von ihm erwarteten Abenteuers wird er nur mit Schmerz, Tod, Grauen, Verzeiflung und Trauer konfrontiert: Er verliert sein Gehör bei einem Bombenangriff, findet heraus, dass seine Familie und alle Einwohner seines Dorfes umgebracht wurden, überlebt nur ganz knapp eine der grausamen „Säuberungsaktionen“ der Nazis und ist am Ende weit über seine Jahre hinaus gealtert …

IDI I SMOTRI – kommt und seht: Hinter dieser harmlos klingenden Einladung des Filmemachers Elem Klimov verbirgt sich ein Film, nach dem nicht nur für den Protagonisten nichts mehr so ist wie vorher. Klimov konfrontiert seine Zuschauer mit den unbegreiflichen Schrecken des Naziterrors, ungeschönt durch eine appetitliche Dramaturgie, die den Schock abmildern oder das Unfassbare fassbar macht; ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, das Erlebte ordentlich „abzuheften“, es wie in einen Setzkasten ein- und damit auch wegzusortieren, an einem dafür vorgesehenen Platz abzulegen, fein säuberlich abgegrenzt vom anderen. Klappe zu, Affe tot. Am Ende von IDI I SMOTRI stehen Wut, Schmerz, Trauer und Fassungslosigkeit über das zerstörerische Potenzial des Menschen, seine Mitleidlosigkeit und seinen grenzenlosen Sadismus. Worte sind danach hinfällig, leer, hilflos und, ja: dumm. IDI I SMOTRI zeigt das Ende der Vernunft, ihre rasende Kapitulation, den um sich selbst kreisenden Triumphzug des Wahnsinns. Man muss das eigentlich so stehenlassen, weil man das Gesehene unmöglich verrationalisieren kann. Man muss den Film schweigend ertragen und hoffen, dass man danach irgendwie weitermachen kann. Aber natürlich funktioniert das nicht: das darüber Schweigen. Während der 140 Minuten des Films passiert so viel mit und in einem, dass man sich mitteilen muss, um nicht unter der Last der Eindrücke zusammenzubrechen. Auch weil, und das ist das eigentlich Perfide an IDI I SMOTRI, Elem Klimovs Film oft einfach nur wunderschön ist. So schön, dass das Grauen, dass auf das Schöne folgt, umso unerträglicher ist.

IDI I SMOTRI beginnt märchenhaft. Von zwei etwas tumb wirkenden Soldaten wird Fliora abgeholt, er landet im Lager der Partisanenarmee im Wald, einem bunten Haufen unterschiedlichster Menschen, der an einen Wanderzirkus denken lässt. Die Ermahnungen des Anführers zu Aufmerksamkeit und Kaltschnäuzigkeit wirken streng und unverhältnismäßig, weil der Krieg doch unendlich weit weg scheint. Als Fliora zurückgelassen wird, weil er nur „der Neue“ ist, er die schöne Glasha (Olga Mironova) trifft, mit ihr einen Bombenangriff überlebt, der zwar erschreckend ist in seiner Urgewalt (so sehr, dass man auch vor dem Bildschrim noch mit voller Wucht getroffen wird), aber in der Abwesenheit eines Urhebers und seiner Ziellosigkeit eben auch seltsam unwirklich, und sich danach mit ihr durch die Wälder schlägt, zurückkehrt in einen Zustand kindlicher Unschuld und Sorglosigkeit, da meint man noch, es könne hier möglicherweise so etwas wie Trost geben, eine Chance, das Kriegsgrauen durch die Augen eines Kindes romantisieren zu können. Doch dann reißt Klimov sukzessive jeden schützenden Schleier weg, lässt einen geradewegs in die Fratze des Unfassbaren starren. Und was man da sieht, wird man wahrscheinlich nie wieder vergessen können. Es beginnt mit einem flüchtigen Blick auf einen in einem toten Winkel verborgenen Leichenberg, der aus einer fürchterlichen Ahnung innerhalb von Sekundenbruchteilen Gewissheit werden lässt: Es wird hier keine Chance auf Schonung geben. Der Wahnsinn ist schon längst da. Nach einer weiteren Episode, in der Klimov die Allgegenwart eines mitleidlosen Todes ins Surreale verzeichnet, bricht dann buchstäblich die Hölle los. Eine gut 30-minütige Sequenz zeigt die Hinrichtung einer ganzen Dorfgemeinschaft durch die Nazis, stellt den Sadismus der Soldaten der nackten Angst ihrer Opfer entgegen, lässt den auf dem Zuschauer lastenden Druck mittels einer dröhnenden Tonspur ins schier Unermessliche steigen. Es gibt kein Entkommen vor den Bildern: vor denen des Films genauso wenig, wie vor denen, die diese im Kopf des Betrachters auslösen. Hier versagt dann auch endgültig die Sprache. Es ist das Gesicht Flioras, eines Jungen, dessen ganze Unschuld unwiderruflich zerstört wurde, der Dinge mitansehen musste, die kein Mensch mitansehen sollen müsste und die tiefe Furchen in sein vor kurzem noch kindliches Gesicht gegraben haben, das dem Zuschauer dabei hilft, das Gesehene irgendwie einzuordnen. Den Wunsch, das Gesehene wie das Geschehene ungesehen, ungeschehen zu machen, teilt man mit ihm. Aber das geht nicht.

IDI I SMOTRI ist eine Grenzerfahrung. Meine liebe Frau konnte sich den Bildern irgendwann nicht länger aussetzen, zog sich völlig aufgelöst zurück. Eine adäquate, gesunde Reaktion. Ich harrte aus, zur Salzsäule erstarrt. Als am Ende dann auch bir mir die Tränen flossen, war das auch ein Reflex zur Selbstreinigung. Irgendwie muss man reagieren, wenn man nicht für immer schweigen will. Dabei ist IDI I SMOTRI, das möchte ich hier betonen, kein Film, der sich in Explizität suhlt, der seinen aufklärerischen Impetus als Alibi nähme, um seinem Publikum ins Gesicht zu kotzen. Er bleibt auf Distanz, lässt den Opfern ihre Würde und nimmt den Betrachter in die Verantworung. Alle diese wohlfeilen Filme über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, sie wirken lächerlich nach IDI I SMOTRI: verzweifelte Versuche, etwas zu dramatisieren, was sich doch, wie ich oben sagte, jedem Streben nach Struktur widersetzt, den Glauben an Ordnung und Vernunft aushöhlt, wenn nicht gar völlig zerstört. Unter Klimovs Regie gerinnt alles das, was sich nicht sagen lässt, in Bildern, die keine Fragen mehr übrig lassen, greifbar machen, was sich dem Zugriff durch den Verstand entzieht. Und IDI I SMOTRI macht wütend. Wütend darüber, wie der Mensch als „Krone der Schöpfung“ sein ihm mitgegebenes Potenzial so mit Füßen treten, sich so über den Nächsten hinwegsetzen, ihn buchstäblich zum Schlachtvieh degradieren kann. Er lässt einen verzweifeln über die Welt, die so gut sein könnte, aber doch nur grotesk unvollkommen ist. (In der Gegenüberstellung der gleichgültigen Schönheit der Natur mit dem menschgemachten Schrecken erinnert er etwas an Malicks THE THIN RED LINE.) Und ich habe mich geschämt als Deutscher, der nur drei bis vier Generationen entfernt ist von diesen Mördern – und immer wieder konfrontiert wird mit Menschen, die meinen, es sei doch jetzt endlich mal gut. IDI I SMOTRI ist das Heilmittel. Kommt und seht – und vergesst nie wieder.

PS Eigentlich hatte ich etwas Jugoslawisches angekündigt, aber nach dem letzten Satz meines Textes zu DIKAYA OKHOTA KOROLYA STAKHA gab es wirklich keinen vernünftigen Grund, nicht diesen Film zu sehen.

Kommentare
  1. MäcFly sagt:

    Weise Worte, die ich so ähnlich zu diesem Meisterwerk wählen würde, wenn ich dazu fähig wäre. Habe „Geh und sieh“ vor knapp zwei Wochen zum ersten Mal gesehen und bin immer noch kaum dazu imstande, Worte darüber zu verlieren. Ging mir seinerzeit mit Zulawskis „Possession“ ähnlich, aber Klimovs Film ist da noch einmal eine andere Hausnummer. Deinen Vergleich mit „Thin Red Line“, was die Gegenüberstellung der „gleichgültigen Schönheit der Natur mit dem menschgemachten Schrecken“ angeht, kann man ebenfalls unterschreiben, wenngleich auch die beiden Filme im Gesamtbild völlig verschieden sind – aber so eine unfassbar schöne Sequenz wie die fünf Minuten im Wald bei Sonne und Regen hat nicht einmal Malick hinbekommen.

    Auf jeden Fall klasse, dass du „Idi i smotri“ auf deiner Weltreise „besucht“ hast, freue mich schon auf die nächsten Stationen. 🙂

    • Oliver sagt:

      Ich danke dir!

      POSSESSION ist natürlich auch ein Monsterfilm, aber ich finde ihn nicht so unmittelbar emotional treffend, einfach weil er sein Thema sehr viel verklausulierter behandelt. Man muss sich ja erst einmal durch seine Bilder hindurch arbeiten, bevor man begreift, worum es da eigentlich geht. Bei IDI I SMOTRI ist der Zugang natürlich sehr viel einfacher, er ist klarer als Zulawskis Film, weniger kopflastig, würde ich sagen.

      Und ich bin froh, mit meinem Malick-Vergleich – der natürlich nur eine begrenzte Reichweite hat, keine Frage – nicht ganz daneben gelegen zu haben. 🙂

  2. […] geschehnisse sind, hilft nichts: ähnliches geschieht immer noch, immer wieder, an anderen orten. mein mann stellte ganz richtig die frage: wie macht man nach einem solchen film weiter? Teilen?Gefällt […]

  3. Thomas Hemsley sagt:

    Da du deine liebe Frau selber erwähnst, finde ich, ihr Erleben ist eine bereichernde Ergänzung zu deinem Text, deshalb hier als komplementärer Anhang, diese kurze Passage:

    „ich habe es leider nicht ausgehalten, idi i smotri bis zum ende zu sehen. abgesehen vom stress, der von der tonspur ununterbrochen auf mich einwirkte, fällt es mir weiterhin schwer, mich vom gesehenen zu trennen: alles passiert sozusagen in mir. zu wissen, dass die geschehnisse gefilmt sind, hilft nichts: sie bilden ja eine reale vergangenheit ab. zu wissen, dass es vergangene geschehnisse sind, hilft nichts: ähnliches geschieht immer noch, immer wieder, an anderen orten.“

    If I´m overstepping my boundaries, then you can delete this post.

    Mir sind bei deiner Inhaltsangabe als Vergleichsfilme die des seltsamen Subgenres des „Kriegs-Coming-of-age-Films“ eingefallen: Boorman´s HOPE & GLORY, Spielbergs Ballard-Verfilmung EMPIRE OF THE SUN und irgendwas von Vilsmair. Ein Klassiker der amerikanischen Literatur ist hierbei noch sehr zu empfehlen: Ambrose Bierce´s Verarbeitung seiner eigenen Bürgerkriegserfahrung – eine der brutalsten Schlachten des Krieges „aus der Sicht“ (nicht im Sinne der Erzählperspektive) eines Sechsjährigen: „Chickamauga“

    http://en.wikisource.org/wiki/Chickamauga

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