adam (yona day, israel 1974)

Veröffentlicht: Juni 4, 2012 in Film
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Der Psychologe Dr. Avissar (Ilan Dar) und seine Gattin (Iris Davidesco) werden von einem unbekannten Anrufer terrorisiert. Zwar macht dieser keine konkreten Drohungen, ist eher im Gegenteil sogar ausgesprochen intelligent und wortgewandt, doch seine Hartnäckigkeit lässt kaum Zweifel daran, dass er keine guten Absichten verfolgt. Hinter der Stimme verbirgt sich der Arzt Dr. Dan Adam (Shmulik Kraus), ein Soziopath, der Avissar eine Lektion erteilen möchte: Der vertritt nämlich die These, dass ein „gesunder“ Mensch, einer, der im Gegensatz zu einem Irren, in sich selbst ruht, niemals einen Mord ausüben würde, um sich eines Problems zu entledigen. Adam ist da anderer Überzeugung …

Ein Mann füttert seinen Greifvogel mit weißen Mäusen und schaut dem bemitleidenswerten Nager fasziniert bei seinem Todeskampf zu. Mit einem Tonbandgerät läuft er durch futuristisch anmutende Siebzigerjahre-Häuser und lauscht den Worten eines Mannes, dessen Stimme vom Band kommt. Auf einem Motorboot rast er über die Wellen, lässt sich die Gischt in das wie aus Stein gemeißelte Gesicht peitschen. Im Operationssaal quittiert er die schweren Verletzungen eines kleinen Mädchens ungerührt mit den Worten „Ich kann nichts für sie tun.“, bevor er seine Kollegen ratlos mit ihr zurücklässt. Mit seiner Sekretärin macht er eine Spazierfahrt aufs Land, wo er mit ihr zwei Pferde beim Kopulieren betrachtet. Einer von seiner Mutter einberufenen Vorstandssitzung wohnt er mit unverhohlenem Desinteresse bei, präsentiert ihr zum Abschied die Zeichnung eines Grabes. Dieser Mann ist lange Zeit die Identifikationsfigur für den Zuschauer: Es ist Dr. Dan Adam (gespielt vom israelischen Sänger Shmulik Kraus, von dem auch der Titelsong des Films stammt) und sein scharfkantiges maskenhaftes Gesicht, das unter einem dichten schwarzen Harrschopf liegt, kann die dahinter liegenden Abgründe nicht länger verbergen.  

ADAM, 1974 in den israelischen Kinos gestartet und nach nur kurzer Laufzeit in die Archive gesperrt, ist ein befremdlicher, gleichzeitig wunderschöner wie zutiefst verstörender Film, wie er nur in den Siebzigerjahren entstehen konnte. Optisch zeigt er sich mit seinen immer wieder in den Vordergrund gerückten Design-Exponaten vom italienischen Giallo beeinflusst, ersetzt dessen Faible für Pulp, Beat und Sleaze aber durch jene futuristische Eiseskälte, die man aus den Science-Fiction-Dystopien jener Zeit, etwa den frühen Filmen David Cronenbergs, kennt. Innerhalb der israelischen Filmlandschaft war ADAM eine Art schwerer Ausnahmefehler: In einer Zeit, in der Bourekas, melodramatische Komödien und Schnulzen, das Gros der israelischen Filmproduktionen ausmachten, konnte ADAM wohl nur entstehen, weil sein Regisseur Yona Day eben kein Filmschaffender war: ,The only education I had in filmmaking was from standing on the side and watching whenever I saw people shooting a movie somewhere. That’s it,‘ […] ,I saw the mistakes others made, and I saw who did things right. For the most part what I saw was not to my liking. I believed that cinema does not have to be local in nature. I knew that if I were to make a movie, I’d make something more universal.‚“ (Der verlinkte Artikel befasst sich ausführlich mit ADAM und seinem One-Time-Director Yona Day und ist uneingeschränkt zu empfehlen – aber nur dann, wenn man bereit ist, sich auf die Suche nach diesem einzigartigen Film zu machen, den man danach unweigerlich sehen will.) Dass ADAM von einem fachfremden Autodidakten inszeniert worden sein soll, mag man angsesichts der visuellen Pracht des Films kaum für möglich halten. Und alle narrativen Idiosynkrasien, die der Film sich erlaubt, verstärken nur sein verstörendes, desorientierendes Potenzial.  

Universell ist schon der Titel von ADAM, der sich nicht nur auf den Namen des Protagonisten bezieht, sondern natürlich auf das hebräische Wort für „Mann“ oder generell „Mensch“ – und in der Verbindung dieser beiden Bedeutungen der gesamten Menschheit ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt. Die Frage, die seinen Titelhelden beschäftigt, einen Mann, der aller Boshaftigkeit zum Trotz seltsam eigenschaftslos und indistinkt wirkt, ist eine der philosophischen Kernfragen: Was bezeichnen die Begriffe von Gut und Böse? Was trennt sie voneinander? Und: Sind beides tatsächlich feste Kategorien oder laufen sie an den Rändern nicht untrennbar ineinander? Der Sadismus von Dr. Adam hat auch etwas Kindliches, Unschuldiges: Seine Gewalt richtet sich nicht ohne Grund zunächst vor allem gegen Tiere. Wenn er der Maus bei ihrem Todeskampf zuschaut, ein Schwein umbringt oder mitleidlos einen Frosch zertritt – die entsprechenden Tiersnuff-Szenen verlangen dem Zuschauer Einiges ab -, vollzieht er ein Experiment, dass nur so straffrei zu haben ist. Wie fühlt man sich, wenn man sich über das Andere hinwegsetzt? Was geht in einem vor, wenn man ein Leben nimmt? Dass Dr. Adam sich mit der Gewalt gegen Tiere nicht länger zufrieden gibt, sein philosophisches Interesse zur nächsten Stufe strebt, ist eine Konvention des Genres. Er steht in der Tradition der Protagonisten von Hitchcocks ROPE oder Fleischers COMPULSION (oder auch – etwas weniger klar – Finchers SE7EN): gefühllose Herrenmenschen, die mit jener verabsolutierten Ratio vorgehen, die die Menschheit im 20. Jahrhundert in die Barbarei zurückgeworfen hatte.

Days Film beginnt rätselhaft, expressiv und dialogarm, lenkt den Fokus dann vom kalten Soziopathen auf sein Opfer, und wird mit diesem Wechsel auch in seiner Bildsprache bodenständiger, bevor der Film im letzten Drittel, in dem die beiden Männer in offenen Konflikt miteinander treten, seine klare Form wieder verliert, sich im Gegensatz zu seinem ersten Drittel nun aber vollkommen aufzulösen scheint. Die Ermittlungen der Polizei versanden in Ratlosigkeit, die vom Ehemann in Sicherheit gebrachte Gattin versucht die traumatischen Erlebnisse in langen Gesprächen zu verarbeiten, die aber keinen Trost, sondern immer nur neue Unklarheit bringen, Dr. Avissar schließlich, der doch anscheinend fest im Leben stand, steht am Ende vor den Trümmern seiner Existenz und seiner Überzeugungen. Dass alles nur ein böser Scherz war, lindert den Schmerz nicht, im Gegenteil. ADAM ist ein in jeder Hinsicht beeindruckender Film, den man mit Worten nicht ganz zu fassen bekommt. Da bleibt ein Rest, der sich nicht einordnen lässt, der einen weiter piesackt wie ein Phantomschmerz oder ein nicht vollständig entferntes Schildchen im Hemdkragen. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir makelbehaftet sind – und bleiben.

Kommentare
  1. […] der rape is my hobby heißt… einen ersten türkischen film habe ich nicht wach überstanden. israel und iran sind schlicht hinten runter gefallen – ist ja auch nicht meine weltreise, ich mache […]

  2. […] Geleit: Ein großer Dank an Oliver Nödings blog, ohne dessen Besprechung mir diese bizarre Perle der Filmgeschichte wohl für immer verschlossen […]

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