khabgah-e dokhtaran (mohammad hossein latifi, iran 2005)

Veröffentlicht: Juni 4, 2012 in Film
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Roya (Baran Kosari) und Shirin (Negar Jahaverian), beste Freundinnen, sind aufgeregt: Weil sie endlich ihr Studium beginnen können, ziehen beide weg von ihren skeptischen Eltern und der Großstadt und aufs Land. Ihr Apartment ist klein und baufällig, aber weil es ihre erste eigene Wohnung ist, fühlen beide sich pudelwohl. Nur das leerstehende und heruntergekommene Haus gegenüber macht ihnen Angst, zumal unheimliche Geräusche von dort herüberdringen, die die Spukgeschichten der Nachbarn zu bestätigen scheinen. Eine nächtliche Besichtigungstour des Hauses fördert zwar weder Geister noch Dämonen zutage, aber dafür ein Zimmer, das über und über mit alten Brautkleidern ausgestattet ist. Wenig später trifft Roya dort dann den Bewohner des Hauses, einen geistig verwirrten Mann, und der entwickelt nach der Begegnung mit dem Mädchen ein ausgeprägtes Interesse an ihr …

Diese iranische Produktion – deren Inhalt ich mir in Ermangelung einer Untertitelspur selbst zusammenreimen musste – verblüfft zunächst mal mit ihren doch recht hohen Produktionsstandards: Latifis Film sieht sehr schön aus, ersetzt die kontrastreiche Farbpalette, die man aus Horrorfilmen gewöhnt ist, mit pastelligen Tönen, die das Ganze eher ins Märchenhafte rücken. Narrativ fühlt man sich als westlicher Genrefreund schnell heimisch: Mit der Exposition des Films orientiert sich Latifi ohne Zweifel am US-amerikanischen Slasherkino und auch im weiteren Verlauf folgt er weitestgehend dessen Plotvorgaben. Amerika ist eben überall und selbst im Iran kann man sich dem Einfluss des Hollywood-Kinos nicht mehr versperren. Es sind dann auch eher Details, die KHABGAH-E DOKHTARAN als Vertreter einer anderen Kultur erkennbar machen: Da sind zum einen der Anteil an eher melodramatischen oder komödiantischen Familienszenen, die etwas an Soap Operas oder Telenovelas gemahnen, zum anderen die Abwesenheit von Erotik und Sex, die aus dem westlichen Genrekino ja kaum wegzudenken sind. Die weiblichen Haupt- und Nebenfiguren bleiben immer schamhaft verhüllt, auch der oberste Hemdknopf stets fest geschlossen und die Kopftücher werden selbstverständlich nie abgelegt. (Nur ganz zum Schluss gibt es mal einen verschämten Blick auf einen bestrumpften Fuß.) Mit dieser Keuschheit geht zumindest über weite Strecken die Abwesenheit grafischer Gewalt oder überhaupt körperlicher Konkretion einher: Es reicht die Andeutung eines Spuks, der Blick auf eine über den Teppich krabbelnde Schabe, um die Mädchen in Angst und Schrecken zu versetzen. Und als Roya dann schließlich Bekanntschaft mit dem Filmunhold macht, bedarf es bloß der Andeutung von Gewalt, um sie förmlich in Schockstarre zu versetzen. Diese Zurückhaltung mag man vielleicht als Verklemmtheit und somit als Bestätigung gängiger Vorurteile gegenüber dem Islam werten, tatsächlich ist Latifis Film von einer Fragilität und Sensibilität gekennzeichnet, die sich kaum in Übereinstimmung mit Bildern Zeter und Mordeo schreiender Fundis bringen lassen, das uns in unseren Breiten gern vermittelt wird (besten Dank an PI, die Achse des Gute und Vorzeigeprovo Henryk M. Broder!). Auch die Szenen der in gemeinsamer Vorfreude über die bevorstehende Hochzeit zwischen Roya und Shirins Bruder Farhad schwelgenden Familien, die gemeinsam essen, singen und feiern, bilden einen harten Kontrast zu den oft dysfunktionalen und materialistischen Familien aus vergleichbarer US-Ware.

Auch wenn es mir aufgrund der bestehenden Sprachbarriere nahezu unmöglich ist, ein abschließendes, belastbares Urteil über KHABGAH-E DOKHTARAN zu fällen, ich ihn insgesamt schon als ein bisschen unspektakulär und langatmig empfunden habe: Um Klischees und Vorurteile über ein Land abzubauen, von dem einem fast ausschließlich Schreckens- und Elendsbilder bekannt sind, ist er nahezu perfekt. Und was Cineasten und Kennern des Kinos von Abbas Kiarostami schon lang bekannt ist, nämlich dass aus dem Iran Filme kommen, die den internationalen Vergleich keinesfalls zu scheuen brauchen, das weiß jetzt auch ich engstirniger Genrekinofreund. Und genau für solche die Augen öffnenden Erlebnisse macht man schließlich so eine Weltreise.


 

Kommentare
  1. […] my hobby heißt… einen ersten türkischen film habe ich nicht wach überstanden. israel und iran sind schlicht hinten runter gefallen – ist ja auch nicht meine weltreise, ich mache das nur […]

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