the dark half (george a. romero, usa 1992)

Veröffentlicht: Juli 6, 2012 in Film
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Der Autor und Dozent Thad Beaumont  (Timothy Hutton) hat unter dem Pseudonym „George Stark“ gutes Geld mit harten Pulp-Romanen verdient. Als ein Erpresser ihm droht, die wahre Identität von George Stark offenzulegen, beschließt Beaumont, ihm zuvorzukommen: Schnell wird für die Presse ein Fotoshooting arrangiert, bei dem Beaumonts Alter ego sprichwörtlich beerdigt wird. Doch als wenig später Menschen im Umfeld Beaumonts sterben, muss der sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Stark weitaus realer ist, als er bisher angenommen hatte. Und er ist stinksauer darüber, dass er mitleidlos für tot erklärt wurde …

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor rund 20 Jahren, als die deutsche Version des hier abgebildeten Posters die Wand meines Zimmers zierte. Es scheint noch nicht so weit weg, aber trotzdem ist THE DARK HALF ein Relikt aus einer fernen Vergangenheit: einer Zeit, in der George A. Romero noch dicke Studioproduktionen inszenieren durfte (es sollte für viele Jahre sein letzter Film bleiben) und Stephen-King-Verfilmungen einen nicht unbeträchtlichen Teil des jährlichen Horrorfilmangebots ausmachten. Heute dreht der eine kleine Zombiefilme auf Digivideo, der andere schreibt zwar immer noch fleißig wie eh und je, ist aus dem Kino aber weitestgehend verschwunden. THE DARK HALF – beileibe kein schlechter Film – bietet aufschlussreiches Anschauungsmaterial, wie es dazu kommen konnte. Der Film beginnt dabei sehr vielversprechend: Das Bild eines gewaltigen Schwarms von Spatzen, der sich von herbstlichen Baumwipfeln erhebt, um dann in bizarren Formationen, die einer für das menschliche Auge nicht nachvollziehbaren Logik folgen, ihre Kreise zu ziehen, ist ebenso faszinierend-hypnotisch wie suggestiv. Vor dem Auge verschwimmen die schwarzen Punkte und die sich hinter diesen stetig verändernden weißen Flächen zu einem organischen weißen Rauschen: Romero startet mit einem starken, weil bekannten, aber doch geheimnisvollen Bild, das zur folgenden Geschichte um Doppelidentitäten, verborgene Eigenschaften, geheime Begierden, fehlgeleitete Wünsche nicht realisierte Potenziale eher eine intuitive Verbindung herstellt. Die Exposition des Films ist rundum gelungen: Verschiedene Erklärungsansätze für das Doppelgänger-Bild werden eingeführt, von der biologischen mit dem absorbierten Zwilling bis hin zu eher psychologischen Interpretationen, wie jener der „dunklen Hälfte“, einer animalischen, unterdrückten Seite des Individuums, die sich etwa in der Kunst Ausdruck verleiht. Es ist wohl die Stärke von King, dass er diese Erklärungen aufbieten kann, ohne das Grauen kaputtzurationalisieren. Romero jedenfalls hat diese Gabe nicht.

Und so versandet THE DARK HALF genau in langweiliger Konkretion, als er eigentlich abheben sollte. Ein Problem ist die Figur des George Stark selbst: Zwar müht sich Hutton redlich, den Psychopathen mit der Elvisfrisur lebendig werden zu lassen, er kommt über eine Karikatur aber nicht hinaus (die mich zudem an John C. Reilly erinnert hat, was auch nicht eben hilfreich war). So gerät der Film jedesmal ins Stolpern, wenn er eigentlich seine Suspense-Höhepunkte erreichen sollte. Der Mittelteil, bei dem sich Romero vor allem den mörderischen Streifzügen Starks zuwendet, gerät so zu einer eher zähen Angelegenheit: unoriginell, pflichtschuldig, ohne rechte Überzeugung. THE DARK HALF erholt sich davon leider nicht mehr so recht: Das letzte Drittel ist mit seiner Erklärbärhaltung weit vom eigentlich angepeilten intelligenten Horror entfernt, das Finale, bei dem es zum Duell zwischen den beiden Zwillingen kommt, wirkt gar wie aus einem ganz anderen Film. So fungiert THE DARK HALF wieder mal nur als längst überflüssiger Beleg für die These, dass sich die Romane des Meisters nur schwerlich in Bilder übersetzen lassen. Man darf aber auch argwöhnen, dass Romero eh nicht der richtige Mann für diesen Stoff war. Machen wir uns nichts vor: So genial seine ursprüngliche Zombietrilogie oder Filme wie MARTIN oder THE CRAZIES auch sind, sie zeichnen sich nicht eben durch Subtilität, sondern eben vor allem durch griffige Bilder, einen scharfen Blick für gesellschaftliche Missstände und ihren bissigen Humor aus. Ein starkes Bild hat Romero er, wie ich eingangs erwähnte, auch für THE DARK HALF gefunden, aber George Stark hätte besser niemals Gestalt angenommen. Thad Beaumont würde mir da wahrscheinlich Recht geben.

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Ich erinner mich daran, den bei seinem Kinostart gesehen zu haben. Damals lief er in Darmstadts größtem Kino und war nahezu ausverkauft. Heute würde wahrscheinlich einmal auf dem FFF gezeigt werden und danach schnellstmöglich in die DVD-Theken wandern.

    Ich würde „The dark half“ eigentlich bei den gelungeneren King-Verfilmungen einsortieren, habe ihn allerdings auch schon lange nicht mehr gesehen. Kann also durchaus sein, dass die positive Erinnerung einer ähnlichen Ernüchterung Platz machen müsste wie bei Dir.

    Dass Stephen Kings Romane sich so schwer adaptieren lassen, liegt wahrscheinlich seiner Art, die Spannung aus einem sorgfältig eingeführtem Handlungsort zu entwickeln. Was auf dem Papier eine ungeheure Sogwirkung entfacht, wirkt auf der Leinwand oft behäbig – besonders dann, wenn sich der Horror auch noch auf „Buhh! Erschreck Dich!“-Effekte reduziert.

    Zu Georges Ehrenrettung sollte man noch hinzufügen, dass während der Postproduktion Orion Pictures pleite ging und somit kein Geld mehr für aufwendigere Effekte vorhanden war. Ob ein knalligeres Finale aber auch einen besseren Film ergeben hätte steht auf einem anderen Blatt.

    • Oliver sagt:

      Ein richtig schlechter Film ist THE DARK HALF ganz gewiss nicht, dafür sind dann doch zu viele Könner am Werk. Und er macht der Vorlage wahrscheinlich auch keine Schande. Enttäuschend finde ich ihn dennoch, weil am Ende einfach zu wenig rumkommt, finde ich. Dass Orion Pleite ging wusste ich, dass das während TDH passiert, war mir neu. Man meint, das im Finale sehen zu können: Die visuellen Spatzeneffekte wirken etwas mit heißer Nadel gestrickt, das abrupte Ende ist auch etwas desorintierend.

      Zur Einschätzung von King als schwierig verfilmbarem Autor würde ich dir zustimmen. Ich habe aber auch irgendwie den Eindruck, dass oft die falschen Leute mit der Regie betraut wurden. Die besten King-Filme stammen nach meiner Meinung allesamt von Regisseuren, die eben keine ausdrücklichen Genre-Regisseure sind: De Palma, Kubrick, Cronenberg (OK, der war 1983 wahrscheinlich noch ein solcher), Rob Reiner, Taylor Hackford. Liegt wahrscheinlich daran, dass der Horror bei King vor allem aus einer sehr lebhaft und glaubwürdig geschilderten Normalität entspringt – und daher eben vor allem Zeit braucht.

  2. Frank Stegemann sagt:

    Die Entstehungsgeschichte dieses Films, den ich trotz allem sehr mag, ist ja alles andere als unkompliziert: Nicht nur, dass es häufig Ärger mit dem wenig einfachen Timothy Hutton gab; Romero selbst wurde während der Produktion und Postproduktion von den studio executives wahlweise permanent bevormundet und/oder im Stich gelassen, natürlich auch wegen der besagten Orion-Krise.
    Das Interview mit ihm in Gaschlers/Vollmars „Dark Stars“ wurde just geführt, als man ihn mal wieder auf Preview-Auswertungen zwecks möglicher Ummontierung warten ließ. Die Postproduktion von „The Dark Half“ war zu diesem Zeitpunkt – im Herbst ’91! – bereits acht Monate im Gange und Romero völlig fertig und enerviert. „‚The Dark Half‘ […] is the first real big budget production I ever did with round about 15 Million Dollars. I hated every single minute working on it. It’s been a tough fight just from the beginning.“

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