knightriders (george a. romero, usa 1981)

Veröffentlicht: Juli 11, 2012 in Film
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Die Gruppe „Fight or Yield“ zieht von einem kleinen Mittelaltermarkt zum nächsten: Es handelt sich um gesellschaftliche Außenseiter und Aussteiger, motorisierte Ritter der Gegenwart, die in Turnieren gegeneinander antreten und dabei die Loyalität zu ihrem König Billy (Ed Harris) unter Beweis stellen. Doch es kommt zu Spannungen: Während der Purist Billy die Spiele als Ausdruck eines von Einfachheit, Ehrlichkeit und Integrität geprägten Lebensstiles betrachtet, will der ehrgeizige Morgan (Tom Savini) Ruhm und Reichtum erlangen. Die Gruppe zerbricht …

KNIGHTRIDERS ist ein Unikat. Auch wenn der zentrale Konflikt des Films nicht neu ist, eigentlich sogar einen Standard des hippieesken Außenseiterdramas darstellt, wie es seit den Sechzigerjahren florierte, man außerdem durchaus Parallelen zum restlichen Schaffen Romeros findet, so scheint KNIGHTRIDERS mit seinen Motorradrittern auf den ersten Blick so kurios, so beispiellos speziell und marginal, dass man sich ein Gelingen des Films jenseits der Komödie oder der Parodie kaum vorstellen kann.  Moderne Ritter auf Motorrädern? Nun sind extravagante Hobbys natürlich dankbarer Stoff für kreative Drehbuchautoren, aber weder ist Romeros Blick Ausdruck eines sensationsgeilen Voyeurismus, noch betrachtet er seine Protagonisten als merkwürdige Sonderlinge oder liebenswerte Spinner mit komischen Interessen. Nein, eigentlich sind die Mitglieder von „Fight or Yield“ fast die einzigen Menschen in seinem Film, die völlig normal sind. Und so inszeniert er auch ihre Turniere: Als wagemutig und tollkühn, ja, aber doch so, als sei es eine sehr naheliegende Idee, sich mit Lanzen vom Motorrad zu stoßen, sich in Ritterrüstungen und mittelalterliche Gewänder zu hüllen, einem ritterlichen Ehrenkodex zu folgen und der vermeintlichen gesamtgesellschaftlichen Normalität zu entsagen.

So nüchtern inszeniert Romero, dass sein Film während der ersten 40 Minuten – einem „Auftritt“ der Gruppe, bei dem alle Figuren eingeführt, das „Spiel“ erläutert als auch die für die Geschichte zentralen Konflikte aufgebaut werden – fast dokumentarischen Charakter annimmt. Die Kamera folgt mal diesem, mal jenem Charakter, fängt das Milieu ein, in dem sie sich alle bewegen, lässt sich neugierig treiben und vermittelt so einen sehr lebhaften Eindruck vom mittelalterlichen Leben in der Gegenwart. Die eher statische Struktur des Films, dessen Geschichte sich überwiegend in breit angelegten Tableaus statt in einer schnellen Abfolge kleinerer Episoden vollzieht, erinnert mit ihren langen Dialogen und dem Fokus sowohl auf inner- wie intrapersonellen Konflikten an klassische Dramen, was die Aus-der-Zeit-Gefallenheit der Charaktere noch unterstreicht. Und wenn einige der Mitglieder nach dem Auseinanderbrechen der Gruppe versuchen, einem normaleren Leben nachzugehen, dann verdeutlicht nicht zuletzt das abrupte Ende dieses Abschnitts mit der nach den vorigen Streitereien plötzlich sehr eiligen Rückkehr zu King Billy und seinem klaren Verhaltenskodex wie wenig diese Menschen für die Welt „da draußen“ geeignet sind. So wenig, dass das Happy End dieses großen, außergewöhnlichen Films gleichzeitig eines der traurigsten ist, die ich kenne.

KNIGHTRIDERS ist einer der unbesungenen Filme Romeros, um nicht zu sagen, dass er fast totgeschwiegen wird. Nach DAWN OF THE DEAD hatte man wahrscheinlich anderes von ihm erwartet als einen gänzlich unblutiges Drama über die Nöte einer Gruppe von Mittelalterenthusiasten. Ich musste mich auch erst etwas einfinden in diesen Film, dessen Charaktere mir doch zuerst vor allem einmal reichlich fremd vorkamen. Doch dann entwickelte sich KNIGHTRIDERS zu einem echten Gewinner – nicht zuletzt gerade wegen seines außergewöhnlichen Sujets. Romero ist ein sehr reicher, gleichermaßen warmherziger wie unsentimentaler Film über die Möglichkeit des richtigen Lebens im Falschen gelungen, in dem Ed Harris brilliert und einen der beeindruckendsten (Anti-)Helden der Filmgeschichte abgibt. Romeroenthusiasten können sich zudem über ein Wiedersehen mit den DAWN OF THE DEAD-Stars Ken Foree, Scott Reiniger, David Emge und John Amplas freuen. Viele Gründe also, diesen großartigen Film neu zu entdecken und ihm etwas von der Liebe und Begeisterung zukommen zu lassen, die er zweifellos verdient hat.

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