captain america: the first avenger (joe johnston, usa 2011)

Veröffentlicht: Juli 16, 2012 in Film
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Der schmächtige Steve Rogers (Chris Evans) wünscht sich nichts mehr, als gegen die Nazis ins Feld ziehen zu können, doch aufgrund seiner Statur fällt er bei der Musterung stets durch. Dann begegnet er dem Wissenschaftler Dr. Abraham Erskine (Stanley Tucci): Der ist von der Entschlossenheit des jungen Mannes so beeindruckt, dass er ihn nicht nur für tauglich erklärt, sondern auch als Versuchskaninchen für das neuartige Supersoldier-Programm vorschlägt. Mithilfe der Erfindungen des genialen Unternehmers Howard Stark (Dominic Cooper) verwandelt sich der dürre, kleinwüchsige Steve in einen kräftigen hochgewachsenen Elitesoldaten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Und die braucht er auch, denn der größenwahnsinnige abtrünnige Nazi Johann Schmidt (Hugo Weaving) hat eine mythische Waffe erbeutet, mit der er die Welt unterjochen will …

Die Wurzeln des Comichelden Captain America liegen in der Propaganda: 1941 erschien unter der Marke „Timely Comics“, einem Marvel-Vorläufer, die erste Geschichte um den uramerikanischen Supersoldaten, der in die Farben des Star Spangled Banners gehüllt gegen die Nazis und andere Feinde der Freiheit antrat. Später diente die Figur ihren Auoren zum einen als fleischgewordener Anachronismus, als moralischer Anker in einer stetig komplexer werdenden Welt, aber auch als Katalysator, um einen Diskurs darüber in Gang zu treten, welche Idee eigentlich hinter den USA steht, was es mit dem amerikanischen Traum überhaupt auf sich hat. Captain America ist auch ein Opfer: Er hat seine Identität aufgegeben, um eine Idee zu verkörpern, doch seine Auftraggeber sind nicht immer genauso von deren Bedeutung überzeugt. Nachdem er sich für die Rettung der Welt geopfert hat und im ewigen Eis verschwunden ist, wird er erst Jahrzehnte später wieder entdeckt und aufgetaut. Die Welt hat sich massiv verändert, ein Captain America ist nur noch ein Relikt aus einer anderen, vergangenen Zeit. Oder doch nicht?

Die oben skizzierte Geschichte ist auch die Geschichte dieses Films, aber nicht nur. Joe Johnston erzählt vor allem von Captain Americas Genese, von seinem ersten Einsatz, dem Abstieg zum Frontunterhalter und Armeeemaskottchen, schließlich seinem Kampf gegen den Superschurken Red Skull/Johann Schmidt und dessen Geheimorganisation Hydra. Sie endet mit seinem vermeintlichen Freitod und seiner Wiedergeburt in der Gegenwart, wo er von Nick Fury (Samuel L. Jackson) für die Avengers rekrutiert wird. CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER scheint damit ganz in der Tradition jener Comicverfilmungen zu stehen, die zunächst einmal die Origin-Story ihres Protagonisten abwickeln müssen. Doch erstens ist es Johnston besser als anderen vor ihm gelungen, einen wirklich homogenen, flüssigen Film zu inszenieren, zum anderen nimmt die Vergangenheit für Captain America eine deutlich größere Bedeutung ein als für andere Helden: Sie ist nicht nur ein letztlich arbiträrer Zeitpunkt, an dem er seine Fähigkeiten erlangte, sondern vielmehr der „Ort“, der ihn vollständig prägte. Nie machte es so viel Sinn wie bei Captain America, in die Zeit seiner Entstehung zu reisen.

Es ist somit kein Wunder, dass CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER zutiefst melancholisch ist. Johnston hat nicht nur Captain Americas Origin-Story verfilmt, er zollt mit seinem Film einer Zeit Tribut, in der die Verfassung der Welt erst den Nährboden lieferte, auf dem viele Helden gedeihen konnten. Dabei versteigt sich Johnston nicht zur blinden Heldenverehrung: Die an Besessenheit und Todessehnsucht grenzende Selbstlosigkeit Rogers‘, die ihn sich zwei Wissenschaftlern für ihre Frankenstein’schen Experimente überantworten lässt, trägt etwas durchaus Beunruhigendes in sich. Und in jenen Szenen, in denen ein kostümierter Steve Rogers im Varieté-Shows vor tanzenden Showgirls für Spendenfonds wirbt und einen Hitler-Statisten K.O. schlägt, lassen keinen Zweifel an der teuflischen Macht der Propaganda, die die Wiege  des Protagonisten ist. Johnstons Captain America ist ohne Zweifel ein Held, in seinen Aktionen ein strahlender darüber hinaus, aber sein Heldentum ist gleichzeitig die Quelle seiner Tragik, weil er vollständig instrumentalisiert ist. Seine Freiheit – jenen Wert, den zu verteidigen er ursprünglich angetreten ist – hat er mit seiner Teilnahme am Supersoldaten-Programm komplett aufgegeben und dieser Verlust wird zum ihn in seinem Innersten bestimmenden Element: Er ist Repräsentant eines Vergangenen, das er allein noch verkörpert. Das macht Captain America nach westeuropäischem Verständnis zu einem denkbar ungeeigneten oder wenigstens fragwürdigen Helden: Er steht eben nicht für Autonomie und Ungehorsam, sondern im Gegenteil für Disziplin, Gehorsam, Unterordnung und Selbstaufgabe. Johnston beschäftigt sich mit dem Captain America inhärenten Problem noch nicht, weil er sich ganz auf eine Zeit konzentriert, in der der dargestellte Nationalismus und Patriotismus vielleicht zum letzten Mal unschuldig sein konnten. Aber zwischen den Zeilen legt er das individuell-ideologische Dilemma seiner Hauptfigur schon an und es trägt viel zur inneren Spannung des Films – und kommender Filme – bei.

Zur äußeren Spannung muss man nicht viel sagen: Johnston hat schon mit dem weit unterschätzten, wunderbaren THE ROCKETEER bewiesen, dass er die Mischung aus Superheldenfilm und Period Piece beherrscht wie kein Zweiter und es tut dem Film außerordentlich gut, dass er sich den Sprung in die Gegenwart verkniffen hat, sich ganz auf die Origin Story konzentriert, die zudem untrennbar mit dem Kampf gegen den Red Skull verbunden ist – und somit schon eine reizvolle Schurkenfigur aufweist. (Ich muss es hier mal so sagen: Ich liebe Nazis!) CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER ist, wie ich schon sagte, wie aus einem Guss, gönnt sich die Zeit, seine Figuren atmen und ein Bild der Zeit vor dem Auge des Zuschauers entstehen zu lassen, anstatt ihn über eine Achterbahn wilder Action-Set-Pieces zu schicken. Wenn es dann knallt, wirkt es umso mehr und Johnston gelingen viele wunderbar ikonische Momente, von denen dennoch keiner so sehr beeindruckt wie der Anblick eines mithilfe moderner Effektechnologie heruntergehungerten Chris Evans. Captain America, das sollte klar geworden sein, ist eine faszinierende Figur, gerade weil es ungleich schwieriger ist, sich zu ihr zu positionieren als etwa zu Thor oder Spider-Man. Johnston ist eine der besten Superheldenverfilmungen überhaupt gelungen. Einfach ein schöner Film.

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Kommentare
  1. Thomas Hemsley sagt:

    Hab ihn jetzt gesehen, und fand ihn besser, als erwartet. Was vielleicht daran liegt, dass der Film etwas Essenzielles einfängt (und sogar wörtlich „behandelt“), was leider zu wenige Superheldenfilme tun. Hier ein kurzer Essay zu einem Fantastic Four-Panel, die es mir beide (Bild und Essay) angetan haben (wie du unschwer an meinem FB-Profilbild erkennen kannst;-): http://hilobrow.com/2011/04/09/too-ugly-to-die/ Ich finde der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf, und vieles was mit einigen Superheldenfilmen (und Actionfilmen, for that matter) heute schief läuft, hat meiner Meinung nach mit dem Fehlen dieses Elements, dieses Moments, zu tun. Übrigens wahrscheinlich auch bei The Avengers, müsste ihn mir aber nochmal angucken – wobei Whedon sehr viele solcher Momente in seinem restlichen Werk hat (und: schon bekehrt;-). Was Joe Johnston betrifft: Ich bin ein großer Fan von LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT:-)

    • Oliver sagt:

      Verständnisfrage: Du meinst, was vielen Filmen fehlt, ist die Verbindung von Leid und Triumph? Die Heldentat als verzweifelter Willensakt?

      • Thomas Hemsley sagt:

        Ja, glaube ich…ich kann dir gar keinen vernünftigen Beispiele nennen, aber der Sclüssel ist vielleicht das Leid und die Verzweiflung – für so etwas bedurfte es einen Mut der Filmemacher zum Pathos, und den hast du ihnen selber teilweise abgesprochen. Was Cap zum Helden macht ist ja eben nicht seine Superkraft, sondern dieser Unwillen aufzugeben, auch als er noch ein Hänfling war – und als er dann das Flugzeug ins Eis fliegt, ist es ja keine enhanced ability, die ihm da hilft…ach, ich weiss, das ist alles unausgegoren, aber so kennst du mich ja und trotzdem liest du meine Kommentare;-)

      • Oliver sagt:

        Ich habe noch einmal über deine Anmerkung nachgedacht. Ich würde nicht sagen, dass das Pathos in den Superheldenfilmen generell fehlt, aber es hat seine Quelle nur selten in den Bildern. Für dieses krass Expressive, was in Kirbys Zeichnung zum Ausdruck kommt, gibt es in den Comicverfilmungen nur selten bildliche Entsprechungen, weil alle Regisseure vor allem bemüht sind, die Comics sozusagen naturalistisch umzusetzen.

  2. Thomas Hemsley sagt:

    Aber wo findest du Pathos? Die Musik (immer eine gute Quelle für Pathos) fand ich in den letzten Jahren dürftig, selbst bei den Superheldenfilmen, die ich mochte/toll fand, obwohl immer Komponisten involviert waren, die ich eigentlich auch sehr schätze, die teilweise gerade in anderen Superheldenfilmen o.ä. reüssiert haben: Danny Elfman´s Arbeit für Spiderman ist nicht in derselben Liga wie seine Batman(oder Darkman)-Scores. Und in den Stories sind Pathos und Poesie und Epik und Tragödie ja auch kaum zu finden, v.a. wenn man sie mit den Vorlagen vergleicht (siehe deine eigene Beanstandung der Umsetzung von Galactus und Silver Surfer – danke übrigens für die Erinnerung an „Breathless“;-) Es ist schon traurig, dass so viele moderne Filmhelden von Kirby zumindest ko-kreiert wurden, aber die eigentliche Essenz (die Kraft, die Tragweite, das „krass Expressive“) seiner Arbeit nicht auf die Leinwand übertragen wird.

    • Oliver sagt:

      Nur mal eben kurz, weil mir nicht mehr einfällt: Spiderman halte ich eigentlich für ein schlechtes Beispiel, um über Pathos zu reden.

      • Thomas Hemsley sagt:

        Mir ging es auch nur um die Musik, und da ja eben darum, dass die weiß Gott nicht an Elfman´s Batman-Arbeit herankommt – pathos- and otherwise. Und falls du die Comics meinst: Vielleicht ist Pathos der falsche Begriff, aber er ist definitiv einer, der sich weigert aufzugeben – außer natürlich wenn er mal kurz aufgibt;-) Ääh, ja.

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