the devil’s double (lee tamahori, belgien/niederlande 2011)

Veröffentlicht: Juli 17, 2012 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Ende der Achtzigerjahre wird der irakische Soldat Yatif Lahia (Dominic Cooper) von Udai Hussein (Dominic Cooper) – Sohn und designierter Nachfolger Saddams (Philip Quast) und außerdem ein alter Schulkamerad des ihm zum Verwechseln ähnlich sehenden Yatifs – in dessen Palast bestellt, um dort ein „Angebot“ entgegenzunehmen: Er soll der Doppelgänger Udais werden. Yatif bleibt keine Wahl, als sich in die ihm zugedachte Rolle zu fügen, seine eigene Existenz komplett aufzugeben. Doch die Nähe zu dem psychopathischen Udai zehrt zunehmend an seinen Nerven …

Lee Tamahori verfilmte mit THE DEVIL’S DOUBLE die Autobiografie des einstigen Udai-Doppelgängers Yatif Lahia als opulent bebilderten, gewalttätig-exzessiven, aufreizend auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn tänzelnden Videoclip irgendwo in der Schnittmenge von De Palmas SCARFACE, Sharad Patels THE RISE AND FALL OF IDI AMIN und STUDIO 54. Der überwiegend in Goldtönen gehaltene Film präsentiert die Welt des Dikatorensohns als dekadente Vorhölle, über die jener mit dem Temperament eines tollwütigen Tieres herrscht. In wechselnden Nobelkarossen heizt Udai durch Bagdad, um wie einst der böse Wolf junge Mädchen  zu verschleppen und zu vergewaltigen, schmaucht unterarmlange Zigarren, hyperventiliert sich von einem Wutanfall zum nächsten und zerstört alles, was er nicht besitzen kann. Yatif taucht als Verbündeter des Zuschauers ein in die Welt des Wahsinnigen, staunt was er dort sieht, ohne den Reizen des Reichtums jedoch zu erliegen. Ekel und Abscheu sprechen aus seinem Blick, der so als einziger moralischer Kompass in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt fungiert. Es ist Yatif, der verhindert, dass Tamahoris Film mit in den Strudel gerissen wird, den Udai mit seinen Wahnsinnstaten verursacht hat.

Der neuseeländische Regisseur trat vor rund 17 Jahren mit dem brachialen ONCE WERE WARRIORS ins Rampenlicht – und erlag danach leider allzu schnell dem Werben Hollywoods, das seine Kreativität mit Geld neutralisierte und seine markante Stimme als Autor zum Verstummen brachte, bevor sie sich voll entwickeln konnte. THE DEVIL’S DOUBLE stellt für ihn eine Rückkehr zu einem mutigeren, ungezügelten Kino dar, auch wenn der Film einen etwas unentschlossenen Eindruck hinterlässt. Wenn Tamahori sich nach überaus wilden, ja geradezu rauschhaften 60 Minuten in ruhigere Fahrwasser begibt, einen sehr typischen Plot um den Verfolgten abspult, der sich mit Mächten angelegt hat, deren Einfluss er sich nicht einmal annähernd vorstellen kann, dann wirkt das so, als habe ihn kurz vor Schluss die Angst vor der eigenen Courage gepackt. Inhaltlich macht diese Entwicklung natürlich Sinn: Nicht nur, weil sie den realen Begebenheiten, auf denen der Film basiert, entspricht, sondern auch weil es ein nachvollziehbares (erzählerisches) Bestreben ist, das Chaos mit der Ordnung auszutreiben. Formal markiert diese Entscheidung aber einen heftigen Bruch, die beiden ungleichen Hälften stehen unversöhnt nebeneinander, beinahe in offenem Widerspruch. Udai Hussein mag die gerechte Strafe erhalten haben, doch in diesem Film, der ihn zum comichaft überzeichneten Supervillain stilisiert, wirkt sie prosaisch. Die Realität diktiert eben nur sehr bedingt die besten Geschichten. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Tamahori diesen Charakter in die Hölle, die er heraufbeschworen hat, begleitet hätte, statt ihn einfach nur ins verdiente Grab zu bringen. Trotzdem: diese unglaublichen ersten 60 Minuten …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.