death race (paul w. s. anderson, usa/deutschland/großbritannien 2008)

Veröffentlicht: Juli 20, 2012 in Film
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Der ehemalige Rennfahrer Jensen Ames (Jason Statham) hat einen schlechten Tag erwischt: Erst verliert er seinen Job als Stahlarbeiter, wird dann mit einer lächerlichen Abfindung abgespeist und schließlich von der Riot Squad der herbei eilenden Polizei verprügelt. Doch das ist alles nichts gegen das, was noch kommen soll: Ein Eindringling ermordet später am Abend seine Frau, betäubt Jensen und lässt ihn als vermeintlichen Mörder von der Polizei aufgreifen. Jensen landet auf Terminal Island, einem Gefängnis für Schwerverbrecher, dessen Direktorin Hennessey (Joan Allen) regelmäßig ein Todesrennen veranstaltet, das an Millionen sensationsgeile User im Internet übertragen wird. Weil ihr bester Mann, ein Fahrer namens „Frankenstein“, tot ist, sind die Klickraten jedoch jüngst eingebrochen: Sie erwartet von Ames, das er in die Fußstapfen des Stars tritt …

Paul W. S. Anderson ist so intelligent, sich nicht in direkte Konkurrenz zu Bartels grandioser dystopischer Satire DEATH RACE 2000 zu begeben, auch wenn sein Film als offizielles Remake des Corman-Klassikers firmiert. Zwar behält er den postapokalyptischen Rahmen des Originals bei, ebenso natürlich die Idee eines Rennens auf Leben und Tod als Opium fürs Volk und die Namen der beiden Rivalen – Frankenstein und Machine Gun Joe –, adressiert hier und da wie das Original die Verrohung der Menschen durch eine stetig neue Sensationen aufbieten müssende Unterhaltungsindustrie (ist dabei natürlich durchaus selbstreflexiv), doch in erster Linie geht es ihm um den nackten physischen und kinetischen Thrill, um brachiale Action, starke Bilder und überlebensgroße Charaktere, deren Schicksal quasi Instant-Identifikationspotenzial bietet. Andersons DEATH RACE ist High-End-Adrenalinkino voller kerniger Typen, tougher Frauen, teuflischer Schurken, markiger One-Liner, feuriger Tode und berstenden Metalls, ein Film wie ein Hochgeschwindigkeits-Stahlmantelgeschoss. Keine Spur von dem skurrilen Humor, den absurden Designs und den Over-the-Top-Comic-Charakteren, die Bartels Film zu einem absolut eigenständigen und singulären Exploiter machten. DEATH RACE ist in Look, Style, Inszenierung und Dramaturgie ein Kind seiner Zeit, bedient sich außerdem bei den richtigen Vorbildern, allen voran natürlich George Millers einflussreichem THE ROAD WARRIOR. Was ihn von vergleichbaren Produktionen unterschiedet, ist, dass Anderson diesen Stil einfach besser draufhat als die meisten anderen (ich weiß, dass Anderson für viele ein absolutes No-Go ist, dazu ein anderes mal mehr) – und ihm mit Jason Statham der einzige Actiondarsteller der neuen Generation mit echtem Starpotenzial und einer sofort einnehmenden Persona zur Verfügung steht (und natürlich so geschmackssicher, Slim Thugs „Click Clack“ auf dem Soundtrack zu verwenden).

Wie Stallone gibt auch Statham den Underdog, einen ehrlichen Arbeiter, der viel einstecken kann, dann aber gnadenlos zurückschlägt, wenn man eine Grenze überschreitet. Im Gegensatz zu Sly, dessen Triumphe aber vor allem übermenschliche Willensakte sind, der Sieg von Matter over Mind, sozusagen, da bringt Statham Intelligenz, Witz und Raffinesse mit. Es ist eine Freude ihm dabei zuzusehen, wie er zunächst – bildlich gesprochen – mit angezogener Handbremse agiert, um dann plötzlich das Gaspedal durchzutreten und seine Gegner förmlich auffahren zu lassen. Er erinnert in dieser Eigenschaft sehr an den großen Steve McQueen, dem der große Auftritt mit Ballyhoo und Feuerwerk auch sehr zuwider war, der aber nie einen Zweifel daran ließ, das er alle Fäden stets fest in der Hand hatte. Es ist genau dieses Understatement Stathams, das der Schlüssel zu Andersons Erfolg ist, seinem potenziell kitschigen Ende Wahrhaftigkeit und Größe zu verleihen.

Doch auch wenn man kein ausgesprochener Statham-Fan ist wie ich: Die  wahnsinnigen Stunts und die rasant choreografierten Actionszenen, die DEATH RACE aufbietet und die ganz ohne CGI auskommen, sollten jeden Actionfreund begeistern. Viel zu lang hat man sowas nicht mehr gesehen, schon gar nicht in der hier gebotenen Größe und Klasse. Clevere Filmgucker schauen sich erst diese Granate an und legen dann das auch sehr hübsche Sequel nach.

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Kommentare
  1. Thomas Hemsley sagt:

    Ich weiss schon gar nicht mehr, ob ich deine Sequel-Kritik entsprechend kommentiert habe, oder wollte (glaub mir, wenn ich alle Kommentare aus meinem Kopf lassen würde, würdest du verzweifeln;-), aber, du hattest ja soweit ich weiß ähnliche Befürchtungen wie ich (wie kann man das Original remaken etc.), aber der Film ist ja doch einfach Knaller: die Dialogszenen sind zwar furchtbar, obwohl die Schauspieler toll sind, aber die Action ist dafür umso geiler. Ich bin ja kein Fan von Anderson, aber hier war ich restlos begeistert (SOLDIER könnte mir vielleicht nach einer Zweitsichtung doch auch mehr gefallen?!). Deiner Kritik gibt es nichts hinzuzufügen – interessanterweise war glaub ich Armond total begeistert und Vern nicht – ich hab damals für das Studentenblatt tatsächlich Manny Farber herbeifantasiert und irgendwas von Termitenkunst gefaselt, ich weiß nicht ob ich das heute noch so sehen würde, ich glaube ich war einfach begeistert davon, über so einen Film in dem Forum zu schreiben:-) Hier zu deiner Belustigung: http://www.philtrat.de/articles/1568/ Witzigerweise habe ich einfach nur die Termitenkunst erwähnt, das Zitat hat dann die Redaktion reinredigiert, und ausnahmsweise war das mal eine Verbesserung, denn Farber zu zitieren macht den eigenen Text immer gleich besser:-)

    • Oliver sagt:

      Also, bei SOLDIER habe ich damals schon nicht verstanden, warum der überall so einhellig verrissen wurde. Für mich war das ein starker Actioner, vielleicht auch, weil ich finde, dass er das oft vorschnell verliehen „Oldschool“-Siegel durchaus verdient. Und AVP fand ich auch nicht schrottig: Der hat mir genau das gegeben, was ich mir von ihm erhofft hatte.

      Zu den Dialogen: Haste den auf Deutsch gesehen? Fand die nämlich nicht schlimm. Mag aber daran liegen, dass ich Statham auch dann noch gern zuhörte, wenn er mir seine Einkaufsliste vorläse. 🙂

      Und Armond White ist übrigens nicht ganz unschuldig daran, dass ich derzeit eine kleine Anderson-Schau mache …

      • Thomas Hemsley sagt:

        Armond ist auch der größte Fan von Anderson, was ich einerseits nicht so ganz nachvollziehen kann, aber doch toll finde, wenn er im selben Satz den anderen Paul Anderson verreißt, den ich nämlich für einen der überbewertetsten Regisseure unserer Zeit halte:-)
        Meine Anderson-Zweifel haben aber glaub ich am meisten mit RESIDENT EVIL zu tun. SOLDIER würde ich gerne nochmal angucken, weil ich wenn ich mich recht erinnere zumindest Kurts Performance toll fand. AVP fand ich eigentlich nicht sooo schlecht, ich erinnere mich ehrlich gesagt noch nicht einmal so sehr an den Film und meine unmittelbare Einschätzung, das Problem ist nur: ich kann den Film schwerlich von den Originalfranchises trennen, und im Vergleich zu ALIENS (war immer mein Favorit, den ersten fand ich immer etwas langweilig, den dritten unterschätzt, und den vierten teils unterhaltsam, teils nervig) und PREDATOR, naja die beiden sind ja eigentlich unvergleichlich, oder?
        Mein Problem mit den Dialogen ist ja gerade, dass Statham weiss Gott kein einsilbiger Held ist, sondern einTalker, und McShane hat so eine tolle Stimme. Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr ob ich den zuerst auf Deutsch gesehen habe, ich hab ne PV gesehen, und die sind ja heutzutage leider nicht mehr unbedingt in Originalton. Aber wenn du komische Rezi gelesen hast, dann weißt du das mein Dialog-schlecht-finden gar nicht so ins Gewicht fiel, der Look, Statham und die Action haben mich dann doch genug begeistert;-)
        Wieso eigentlich jetzt eine Anderson-Schau inspiriert von Armond, irgend ein aktueller Anlass, der mir entgangen ist, obwohl ich doch relativ regelmäßig bei ihm vorbeischaue. Ich muss zugeben, dass Armond durchaus ein bißchen dafür verantwortlich ist, dass ich DEATH RACE so toll fand, denn seine Rezi hat mir durchaus ein bißchen die Augen geöffnet, ich hätte sonst glaub ich zu sehr an das Original gedacht. Ich gebe zu, Kritiken beeinflussen mein Denken! Ich habe keinen eigenen Kopf;-)

      • Oliver sagt:

        Nein, einen aktuellen Anlass für eine Anderson-Schau gibt es eigentlich nicht. Es ist eher so, dass steter Tropfen den Stein höhlt, mehrere Sachen zusammen kamen. Ich fand Anderson nie so schlecht , wie ihn viele machen (SOLDIER und AVP mochte ich sehr), seine Filme haben mich halt nur nie wirklich interessiert, RESIDENT EVIL richtig geärgert. Dann kamen die immer wieder über seine Reviews verteilten Lobeshymnen von White und die einiger meiner seriöseren Schreiberbekannten (Jochen Werner und Lukas Foerster etwa sind große Anderson-Apologeten), der Trailer zu RESIDENT EVIL: RETRIBUTION, den ich sehr, sehr toll finde und jetzt eben meine Lust auf Mainstreamkost, die ich zuletzt sehr vernachlässigt habe. Naja, und die Andersons waren außerdem sehr billig beim Media Markt. 🙂

        Zu AVP: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was alle da erwartet haben. Die Comicserie hat ja schon wenig mit den Originalfilmen zu tun, ist sehr pulpiger Kinderkram mit Gewalt. Der Film ist eher Kinderkram ohne Gewalt, darüber kann man sich vielleicht ärgern, aber dafür bietet er doch schon mit seinem tollen Setting eine Entschädigung. (Ich meine, es war Thomas Groh, der die Verbindung zu Lovecrafts „Mountains of Madness“ gezogen hat).

        Mit der Einschätzung von Paul Thomas Anderson gehen wir d’accord. BOOGIE NIGHTS mag ich, der ist aber auch mit jeder Sichtung schlechter geworden, PUNCH DRUNK LOVE mochte ich, habe aber trotzdem nie wieder das Bedürfnis gehabt, ihn nochmal zu sehen, MAGNOLIA und THERE WILL BE BLOOD sind in meinen Augen unerträglich wichtigtuerischer Mist. Ersterem würde ich noch zubilligen, dass er einfach nicht mein Film ist (der dreistündige, theatralische Langweiler ist einfach nicht mein Genre), aber TWBB ist m. E. einfach nur verkommen und zynisch. Das sehen aber auch viele Leute anders. Egal, ich schaue lieber noch hundertmal Andersons DEATH RACE, als mich noch einmal PTAs als Kapitalismuskritik getarntem humorlosen und verbitterten Antiamerikanismus auszusetzen.

  2. JMK sagt:

    Ich nicke vor mich hin. Ein wunderbar spaßiges Vergnügen und eine Videospielverfilmung zu einem nie gewesenen Spiel. Bonusfeatures einsammeln, Autos aufbauen und ausbauen, Endgegner. Das macht richitg Laune und ist IMHO auch Andersons zweitbester Film (nach Event Horizon), wobei ich die RE Filme ebenso sehr mag, diese aber unter guilty pleasure einstufe. Anderson geht als erwachsenes Kind an seine Filme ran, mit all den positiven und negativen Erscheinungen.
    Zu PT Anderson: Man darf über den nervigen TWBB ja nichts sagen, aber dieses zur Schau gestellte Pseudokunstmusical dessen Aussge auf einen Bierdeckel passt, ist einfach abstoßend.

  3. Thomas Hemsley sagt:

    Die AVP-Comics sind ehrlich gesagt immer an mir vorbeigegangen, ich glaube als die herauskamen, hatte ich gerade eine Comic-Trockenphase (außer Calvin & Hobbes:-), und bei PTA kann ich dir nur vollkommen beipflichten – ich wusste schon, dass du bei TWBB eine ähnliche Meinung hast wie Armond, aber, dass wir so d`accord gehen, hätte ich nicht gedacht. Ich finde er ist die Defintion von „prätentiös“ (im eigentlichen, negativen Sinne, nicht in dem Sinne wie Anti-Intellektuelle und Bildungsfeinde den Begriff benutzen). Er wird ja gerne mit Altman verglichen (er selber ist ja ein großer Fan), aber ihm geht das Improvisatorische und Jazzige völlig ab – ich glaube, wenn Altman BOOGIE NIGHTS gemacht hätte, wäre es einfach ein Film über ein paar Leute im Valley geworden, von denen noch nicht einmal jeder im Pornobusiness wäre, Burt wäre einfach ein schmieriger Pornoproduzent ohne diese Ambition des Pornos mit Handlung gewesen, der Zeitrahmen wäre aller höchstens eine Woche, und nicht diese 70er-Aufstieg/80er-Fall-Dichotomie, die Protagonisten wären nicht eine große kuschelige Familie – weisst du was, ich mag eigentlich BOOGIE NIGHTS, aber je mehr ich gerade schreibe, desto mehr regt mich der Film auf:-)

  4. Thomas Hemsley sagt:

    Ha! Dieser Christoph Huber (woher kenn ich den Namen…) nennt Anderson einen „termite artisan“:-): wahrscheinlich kennst du den Artikel schon (hab ihn schließlich via o.g. Lukas Foerster´s Blog entdeckt: http://cinema-scope.com/cinema-scope-magazine/paul-w-s-anderson/ Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich so skeptisch gegenüber Anderson war: Ich habe MORTAL KOMBAT damals im Kino gesehen und gehasst! Und Event Horizon war ok, aber als sehr toll hab ich den auch nicht in Erinnerung. Aber der Artikel erwähnt auch etwas, was ich an DEATH RACE toll fand, und was wahrscheinlich auch einer der Gründe für Armond´s Enthusiasmus ist: sense of space – ich mochte die Inszenierung des Gefängnisses sehr, die Bilder: da kommt auch wieder meine Betonung des Guten UND Schlechten – die shakycam in den Autos drin. und manchmal die heute typische Art des Schneidens, einerseits, aber andererseits, wird der räumliche Kontext immer wieder ins Bild gerückt: ich erinnere mich noch an eine Einstellung die etwas Schönes hatte: die Autos fahren durch ein Gebäude, und im Bildvordergrund sieht man diese riesige Pfütze.

  5. Ghijath Naddaf sagt:

    Tut mir leid zu hören,das du so über TWBB denkst.
    Wie absolute Gier einen Menschen und sein Umfeld zerstören kann ,wurde in meinen Augen selten treffender
    beschrieben.
    Mit Antiamerikanismus hat das in meinen Augen nichts,aber auch gar nichts zu tun.
    Und Armond White.
    TWBB Scheisse,Drive Scheisse,Django Unchained ist jetzt schon Scheisse.
    Aber Spielberg hat mit Tin Tin und War Horse das Kino neu erfunden.
    Und Adam Sandler ist in wirklichkeit ein grosser Künstler und Humanist.
    Alle anderen Kritiker sind nur zu blind um das zu erkennen.
    Entschuldige,aber wie man den Kasper noch ernst nehmen kann,ist mir ein Rätsel.

  6. Ghijath Naddaf sagt:

    Stehe Gott sei Dank mit meiner Meinung nicht alleine da.
    Aber David Thomson kann besser schreiben als ich.
    http://www.guardian.co.uk/film/filmblog/2008/jan/25/biographicaldictionaryoffil10

    • Oliver sagt:

      Dass du befürchtest, du könntest mit deiner Meinung über TWBB allein dastehen, nehme ich dir nicht ab. Vielmehr ist es doch so, dass man quasi dazu verpflichtet ist, ihn als Meisterwerk zu betrachten, wenn man als Cineast ernstgenommen werden will. Es gibt vieles, was an dem Film sicherlich herausragend ist (Fotografie und Musik etwa). Ich fand ihn einfach fürchterlich eindimensional und noch dazu grausam verbittert. Vielleicht schaue ich ihn mir irgendwann aber auch noch einmal an und komme zu dem Schluss, mich damals geirrt zu haben. Wer weiß das schon. Vielleicht beruhigt es dich zu wissen, dass ich dich nicht für einen schlechten Menschen halte, bloß weil du einen Film magst, den ich ätzend finde. Ich hoffe, das gilt auch umgekehrt. Es ist alles nur Kino.

  7. Ghijath Naddaf sagt:

    Nee kei Thema.
    Natürlich respektiere ich deine Meinung.
    Ich bin ehrlich gesagt, nicht mal der grösste P.T.Anderson Fan.
    Magnolia fand ich zum beispiel fürchterlich.
    Aber ich respektiere die Ernsthaftigkeit mit der er zu Werke geht.
    Der entwickelt sich vor unseren Augen zu einem beachtlichen Künstler.
    Will nicht „cool“ sein,oder nah am Zeitgeist.
    Statt dessen hat er Vorbilder wie Kubrick,Huston und Altman.
    Und jetzt „The Master“.Bin mal gespannt.
    Was die Kapitalismuskritik angeht,das muss ja nichts schlechtes sein.
    Ich bin so ziemlich der Pro Amerikanischste Typ der rumläuft,liebe aber trotzdem die Romane des Sozialisten
    und Amerika Kritikers B.Traven.Wie der in seinem grandiosen Caoba-Zyklus die Unterdrückung Mexikanischer
    Indios und die daraus folgende Revolution beschreibt ist erschütternd.
    Upton Sinclairs Oil habe ich leider noch nicht gelesen,will es aber nachholen.

    • Oliver sagt:

      Über die Intention eines Filmemachers zu spekulieren, ist immer problematisch. Ich hatte z. B. bei TWBB mehr als bei seinen vorigen Filmen den Eindruck, er macht diesen Film, weil er weiß, dass das politische Klima reif dafür ist. Um das so zu empfinden, muss man TWBB aber natürlich so sehen wie ich: als antiamerikanischen Film, der sich mit Wirtschaft und Religion gleich an zwei Eckpfeilern, auf denen die Nation fußt, radikal abarbeitet.

      Zu dem Vergleich mit Altman hat ja schon Thomas zuvor etwas gesagt: Ein TWBB von Altman hätte ganz anders ausgesehen, wäre nicht weniger kritisch, aber dennoch weniger „ätzend“ in seiner Kritik gewesen. Aber ich will Anderson gar nicht nehmen, dass er sicherlich kein Filmemacher von der Stange ist. Ich mag ihn halt nur nicht so.

  8. Thomas Hemsley sagt:

    zu Armond: Es ist immer recht wohlfeil ein paar seiner allgemeinhin als seltsam geltenden Steckenpferde herauszupicken, und es wäre ja eine Schande wenn man immer der gleichen Meinung ist wie irgendein Kritiker, aber Armond hat nicht nur manchmal Recht, man kann auch in seinen „schlechten“ Kritiken seinen Enthusiasmus nicht nur für Kino, sondern auch für das kritische Denken und Schreiben darüber sehen. Wenn er mal „Recht hat“ (wenn seine Meinung mal mit der anderer und der eigenen d´accord ist), dann gehören seine Texte immer zum Besten über den jeweiligen Film. Er kann auch bei seinen Steckenpferden sehr kritisch sein, er ist z.B. (zu Recht) ein dePalma-Anhänger, war aber von REDACTED wenig begeistert. Er ist kein großer Pixar-Fan, fand aber Brad Birds MI4 gut, kann also durchaus differenzieren. Seine Arbeit zu Musikvideos ist wahrscheinlich sogar wegweisend. Er nimmt Actionfilme ernster als jeder andere etablierte Profikritiker. Und er hebt häufiger das Visuelle der visuellen Kunst Kino hervor, als die meisten anderen Kritiker, die ja doch meist sehr Drehbuch/Regie/Schauspiel-orientiert sind.

    • Ghijath Naddaf sagt:

      Armond White provoziert,um der Provokation willen.
      Dieses immer gleiche Mantra vom schlechten Zustand der aktuellen Filmkritik.
      Und das nur er,Armond,weiss was Sache ist.
      Immer stramm gegen die Mehrheit der Kritiker.Das ist der ganze Trick.
      Ich weiss noch wie er sich bei The Hurt Locker verkalkuliert hatte.Das war köstlich.
      Und dann diese ganzen Marotten die er von Pauline Kael übernommen hat.
      Diese Hochschreiben einiger Regieseure,auf kosten anderer.
      Sagen wir mal: We agree to disagree.

      • Oliver sagt:

        @ Ghijath

        Ich gebe dir Recht, dass Armonds „Masche“ sehr durchsichtig ist. Dass sie vor allem zum Ziel zu haben scheint, seiner Stimme ein größeres Gewicht zu verleihen als anderen, die seiner Meinung nach alle keine Ahnung von Kino haben. Dass dazugehört, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn er sich dabei verkalkuliert. Oft ist er einfach nur ungenau, versteigt sich zu abenteuerlichen Vergleichen, um seine Meinung (bei der man ja oft den Eindruck hat, sie habe schon vor dem Film festgestanden) begründen zu können. Das grenzt schon an Unaufrichtigkeit.

        Dennoch bin ich gern bereit dazu, über diesen persönlichen Defekt hinwegzusehen, weil in seinen Texten eine (manchmal eben fehlgeleitete) Ernsthaftigkeit zum Ausdruck kommt, die mir in weiten Teilen der sonstigen Filmkritik fehlt. Filmkritik sollte in meinen Augen eben mehr leisten, als einen oder fünf Sterne unter eine Inhaltsangabe und das immergleiche Abhaken von Drehbuch, Effekten, Schauspielern zu klatschen, um den Menschen zu sagen, wo ihr Geld am wenigsten rausgeschmissen ist. White schreibt über Film eben nicht so, als sei das ein Medium zur Freizeitgestaltung, sondern als ginge es darin um etwas. Das mag ich.

        Und natürlich, dass er nebenbei die Eier hat, Filme wie TRANSPORTER 3, die von allen nur als hohle Timewaster betrachtet werden, über die es sich nicht weiter nachzudenken lohnt, als das zu empfehlen, was sie sind: visuelle Kunstwerke.

  9. Ghijath Naddaf sagt:

    Ganz ehrlich.
    Ich wollte mich zu White nicht mehr äussern.
    Habe dann aber nachfolgenden Text gelesen.
    Das ist das schäbigste und erbärmlichste Stück Lumpenjournalismus das ich seit langem gelesen habe.
    Und nein,ich bin weder Christopher Nolan,noch Batman Fan.
    Fast noch jämmerlicher als der text,sind die Abnicker Kommentare darunter.
    Wahrscheinlich Angestellte der City Arts Redaktion.

    http://cityarts.info/2012/07/25/cultures-clash/

    • Oliver sagt:

      Die direkte Verbindung von einem kulturellen Artefakt zu einer solchen Reaktion wie in Aurora zu ziehen ist natürlich höchst zweifelhaft. Aber man kennt sie ja von konservativen Kräften. Und eine solche ist auch White.

      Trotzdem stellt er in diesem Text einige Fragen, die ich legitim finde. Dabei handelt es sich eher um Fragen der Filmrezeption und des „Meinungsmarketings“ wie es Rotten Tomatoes betreibt. Warum reagieren Menschen so heißblütig auf negative Stimmen zu TDKR? Ich finde schon, dass das eine nachdenklich machende Entwicklung ist, die sicherlich nicht einfach nur auf die Enthemmung im Internet zurückzuführen ist.

      Die Antworten, die White gibt, sind viel zu einfach, da gebe ich dir Recht. Wenn er „das Internet“ als den Quell allen Übels ausgemacht zu haben glaubt, macht er es sich zu leicht. Man vermutet dahinter eher den Groll darüber, dass er nicht als der Messias der Filmkritik angesehen wird, für den er sich selbst hält. Diesen Sermon sondert er jetzt schon seit Jahren ab, ohne weiteren Erkenntnisgewinn.

      Aber, auch ganz ehrlich: Ich bin hier nicht der Armond-White-Fanclub. Ich lese ihn auch nur noch sehr unregelmäßig, weil ich seine „Masche“ nicht mehr besonders produktiv finde. Oft finde ich ihn grotesk unsympathisch, peinlich in seinem klienkinderhaften Zorn gegen „das Internet“ und „die Nerdkultur“. Aber das muss mich ja nicht davon abhalten, ab und an einen Text von ihm zu lesen und zu denken: „Ja, genau!“ Oder?

  10. Ghijath Naddaf sagt:

    Bitte entschuldige meine aggressive Reaktion.
    Die richtet sich nicht gegen dich,wie du hoffentlich weisst.
    Aber wie er dieses Massaker nutzt um sich an seinen üblichen Verdächtigen abzuarbeiten.
    Tarantino,Cronenberg,Coen Brothers und Winding-Refn hat er wahrscheinlich im eifer des Gefechts
    vergessen.Also einige der wenigen Leute für die ich meinen müden,alten Arsch überhaupt noch ins Kino schleppe.
    Hätten alle statt dessen Tin Tin und Jack und Jill geguckt,wäre Aurora nicht passiert.
    Wenn ich höre Film brauchten wieder Sozial-Gesellschaftliche Relevanz,sollten also quasi educational
    sein kocht mir die Galle über.
    Ich bin ein grosser Genre Film Fan,liebe zynisch sarkastische Noirs,Action,Exploitation und Horrorfilme
    auch der härtren Gangart.
    So wie White haben die Sittenwächter in Deutschland in den 70ern argumentiert.
    Die Leute die Meisterwerke wie TCM als Schmutz bezeichnet und verboten haben.
    Tut mir leid,aber ich fürchte bei White ,ist meine Toleranz Schwelle jetzt überschritten.
    Wollte dich aber nicht nerven,ich dachte halt das dieses Thema bei einem Blog der sich schwerpunktmässig
    mit Genre Filme beschäftigt durchaus angebracht ist.

    • Oliver sagt:

      Kein Ding, ich bin nur derzeit selbst relativ weit weg von White und möchte nicht als einer seiner Jünger gelten. 🙂

      Es ist eben oft interessanter, ihn zu lesen, als andere Nasen, auch wenn es nur darum geht, sich ordentlich über seine Sichtweisen aufregen zu können. Andere Kritiker – da gebe ich White uneingeschränkt Recht – betreiben ja nur noch Werbung, haben ihre Ansprüche massiv dem Status quo angepasst.

      Ja, man kennt das, was er da schreibt schon zu Genüge. Ich würde die Kausalkette auch eher vom anderen Ende aufrollen als er: Wir bekommen diese Filme, weil die Welt so ist wie sie ist. Was ich aus seinem Text aber mitnehme, das ist, dass man sich darüber vielleicht eher Sorgen machen sollte, als den „jolly sadism“ zu feiern. Den ich natürlich dann und wann auch sehr mag. Aber dieser kalte Perfektionismus Nolans: Den finde ich auch unheimlich.

  11. Ghijath Naddaf sagt:

    Ja.
    Nolan ist grässlich.

  12. Thomas Hemsley sagt:

    Als ich den Text heute frühmorgens gelesen hatte, wollte ich ihn direkt hier posten…ich bin übrigens auch kein Jünger, aber ich lese ihn doch regelmäßiger, und mich nerven viele seiner Manierismen auch – aber ich sehe immer wieder, dass seine Gegner dieselben Ungenauigkeiten beim Lesen machen, wie er tatsächlich beim Gucken (der Kritikpunkt stimmt): er hat in seiner Reihe der „archnihilists“ auch Tarantino und Cronenberg genannt, die Coens nicht – weil er ein großer Fan ist: im Gegensatz zu den meisten Menschen hält er sie nicht für kalte, nihilistische Formalistennerds, sondern für politisch intelligente, spirituelle, tolle Filmemacher – er konnte sogar THE LADYKILLERS etwas abgewinnen, denn natürlich wurde der Film von allen anderen missverstanden (diese Selbstherrlichkeit geht mir durchaus auch auf den Keks). Und wie wir hier schon mehrmals angemerkt haben, ist er zumindest ein Fan des Actiongenres (andere Genres weiss ich nicht, aber gegen den klassischen Film Noir hat er bestimmt nix einzuwenden) – außerdem steht er auf De Palma: ihm geht es in diesem Text ja auch nicht um „Gewalt im Film erzeugt Gewalt im Menschen“. Er hat in dem Text Filme aufgelistet, die produktiv mit Gewalt umgegangen sind und auch eine produktive Diskussion gestartet haben: in dieser Liste stehen zum Beispiel STRAW DOGS (der Peckinpah – das Remake fand er glaub ich furchtbar) und DEATH WISH (ja Oliver, du hast richtig gelesen).
    Leider wird er ja immer auf seine Außenseitermeinungen reduziert (auch das etwas, was er leider selber zu oft macht), als regelmäßiger Leser, geb ich euch mal eine Liste der Regisseure, über die er sehr häufig in sehr hohen Tönen spricht (Spielberg und DePalma wurden ja schon genannt): Altman ist ein großer Held von ihm; die Coens sollten noch einmal erwähnt werden; Kubrick hat er auch schon positiv erwähnt; der frühere Scorsese (ich glaube seit GANGS OF NEW YORK vermerkt er einen stetigen Abstieg); Burton hat er zwar auch kritisiert, aber auch schon gelobt – seine Batman-Filme findet er toll; Whit Stillman; von der neuen Garde: Spike Jonze (nicht nur seine Videos), Michel Gondry (ebenso), Wes Anderson. Das sind glaube ich alles Leute, die auch von sehr vielen anderen Kritikern toll gefunden werden. Seine Sight-and-Sound-Best-of-all-time ist auch recht konsensfähig, und wenn er sich nicht immer so stilisieren würde als der Seher der Wahrheit würde ihm vielleicht selber auffallen, dass seine Better-than-Listen jedes Jahr konsensfähiger sind. als ihm lieb ist.
    Und Adam Sandler findet wohl auch der große Künstler PTA als einen solchen, sonst hätte er keinen Arthouse-Sandler-Film gemacht.
    Und offensichtlich ist seine Meinung zu Nolan (und PTA und dem Anderson, um den es hier ursprünglich ging) auch in dieser Diskussion tatsächlich konsensfähiger, als uns allen lieb sein kann – und was diese Regisseure betrifft, steht er ja tatsächlich auf ziemlich weiter Flur alleine da.
    THE PRESTIGE ist aber wirklich toll. An MEMENTO kann ich mich passenderweise nicht mehr so erinnern;-)

  13. Ghijath Naddaf sagt:

    @ Thomas
    Ich meine das er in dem Text auch speziell Javiers Bardems Darstellung in „No Country for old Man“kritisiert
    hat.
    Und nein es gibt keine Übereinstimmung zwichen mir und White.
    Selbst wenn ich zufällig mal mit ihm einer Meinung bin,wie neulich bei seinem Rivette bashing,ist das egal.
    Weil man bei White nie weiss was er wirklich meint,oder was er nur schreibt um seine Kollegen zu brüskieren.
    In einem Forum schrieb neulich ein User,das je kleiner und unbedeutender Whites Arbeitgeber werden,umso
    hasserfüllter,bösartiger und absurder werden seine Texte.Bingo !
    Also mir reichts.
    Für mich muss er die Limbo Latte nicht mehr tiefer legen.

    • Thomas Hemsley sagt:

      @ Ghijath: Er hat vor allem die Tendenz (die er sieht, ich sag nicht das er recht hat) der Oscar-Preisvergeber kritisiert, die Darstellung von Bösewichten so häufig zu honorieren. Da ich es dir ersparen will, den gesamten Text zu NCFOM lesen zu müssen, hier ein paar choice quotes:
      „This is the Coens’ first crime movie since they began to master the medium, and the way No Country morphs from noir into contemporary-western moral struggle makes it deeper, funnier and even stranger than Fargo, their 1996 hit.“
      „You know what national cataclysm happened since then, so it should be no surprise that the Coens have made a crime movie that seems quietly aghast at the likelihood of death and menace occurring on American soil. Unlike American Gangster’s sensationalized crap, this is a crime movie/western exercise that contemporizes the miasma of a world at war.“ (American Gangster hab ich nicht gesehen, deswegen kann ich nciht beurteilen, wie akkurat seine Einschätzung ist)
      „The Coens test audience perception through entertaining details of local color and concentrated sequences that tease tension (Moss hiding the loot while being stalked by Chigurh).“
      „It would be pathetic to reduce/praise No Country as a thriller. The Coens’ technique goes far beyond that. Moss, Chirgurh and Bell’s appointments with mortality lift the film from plot mechanisms to a confrontation with fate.“
      „Like The Man Who Wasn’t There—the Coens’ finest film so far—this movie stretches genre sophistication in order to contend with real-life complexity. Critics disregard the Coens’ political smarts (their brilliant The Ladykillers wasn’t only a superior remake, its final Bob Jones University joke was the best political gibe of the past decade) but to see No Country as a mere thriller misconstrues the Coens’ sensibility. They chart the spiritual mood that ensnares us but that most recent movies—with the rare exception of Neil Jordan’s The Brave One—merely vulgarize.“
      „Coen artistry heightens our level of perception. They reveal the first murder with an astonishing image of shoe sole scuff marks on a jail floor that looks as avant-garde as a Jackson Pollack painting—a harbinger of modern chaos that puts post-9/11 terror in artistic focus.“
      „Bell is brought to reality when his father tells him, “What you got ain’t new. Can’t stop what’s coming. Ain’t all waiting on you. That’s vanity.” The Coens make that wisdom mythical and all encompassing—from Vietnam to 9/11 to Iraq and to the Texas homeland.“
      Wie du siehst hat er weder ein Problem mit den Coens, Genre oder Gewalt, sein Hauptproblem ist der Nihilismus (der komischerweise den Coens meist vorgeworfen wird), das Düstere um des Düsteren willen, das Fehlen eines moralischen/ethischen Bewusstseins, das er Nolan und Co vorwirft – ob zu Recht ist eine andere Frage.
      Du hast ja recht mit deiner Kategorisierung vieler seiner Texte, das ist mein Hauptproblem mit ihm: er verschwendet viel zu häufig Platz für seine Seitenhiebe, statt einfach positiv über einen Film zu schreiben, muss er parenthetisch einen anderen Regisseur herunterputzen – ganz schlimm fand ich das bei seiner Coraline-Kritik: einen ganzen Absatz hat er damit vergeudet über Wall-E herzuziehen, statt diesen Absatz zu nutzen um mehr über Coraline, dessen Regisseur und StopMotion, z.B., zu schreiben. Warum vergeudet jemand, der so gegen Negativität ist soviel Energie ebendiese Negativität zu verbreiten?
      Aber jetzt sollten wir uns anderen Dingen widmen: Oliver, wo bleibt dein RED DAWN-Text;-)

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