cosmopolis (david cronenberg, frankreich/kanada/portugal/italien 2012)

Veröffentlicht: Juli 26, 2012 in Film
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New York während eines Besuchs des US-Präsidenten: Auf den Straßen tobt der Mob, doch der 28-jährige Multimillionär Eric Packer (Robert Pattinson) besteht auch gegen die Empfehlung seines Bodyguards Torval (Kevin Durand) darauf, ans andere Ende der Stadt zu fahren, um sich dort die Haare schneiden zu lassen. Abgeschirmt in seiner luxuriösen Stretchlimo trifft er sich mit Geschäftspartnern, hält unterwegs an, um mit seiner Frau (Sarah Gadon), mit der er seit Ewigkeiten keinen Sex mehr hatte, essen zu können, lässt sich von seinem Arzt die Prostata abtasten, bekommt die ersehnte neue Frisur und bereitet sich auf die Begegnung mit einem ehemaligen Angestellten (Paul Giamatti) vor, der ihn umbringen will …

David Cronenbergs neuester Film stellt nach den letzten Ausflügen in das klassische Erzählkino eine Rückkehr zu den eher künstlerischen Literaturverfilmungen dar, die sein Schaffen ab den späten Achtzigerjahre prägten. Diesmal hat es also Don DeLillos Novelle „Cosmopolis“ getroffen und auch wenn ich das Buch nicht mehr wirklich präsent habe (ich habe einige Werke des Autors gelesen), so komme ich nicht umhin, Cronenbergs Adaption als eine der werkgetreuesten zu bezeichnen, die ich jemals gesehen habe. Dabei ist DeLillo gewiss nicht einfach zu fassen: Die deutschen Klappentexte seiner Romane suggerieren oft Genrestoffe, doch dann ist man als Leser verblüfft, nicht so sehr mit Handlungen im klassischen Sinne, sondern eher mit Gedankenströmen, Ideen und Bildern konfrontiert zu werden. DeLillos Welt ist vollkommen dinglich und gleichzeitig doch beunruhigend mystisch. Seine Protagonisten – allesamt Spezialisten auf ihrem jeweiligen Gebiet – geraten immer wieder an einen Punkt, an dem sie die Welt nicht mehr begreifen: Obwohl sie den Schlüssel zum Verständnis doch eigentlich fest in den Händen halten. De Lillo hat ganz genau und schon sehr früh verstanden, welchem Bann der Kapitalismus die Welt unterworfen hat, wie er in die kleinste Faser unseres Lebens eindringt und sie verwandelt. „Money makes time“ sagt etwa Packers „Director of Theory“: Minuten, Sekunden und Nanosekunden sind für uns erst deshalb von Bedeutung, weil sie wirtschaftlich zu Buche schlagen. Bevor es Geld gab, war diese Fragmentierung der Zeit vollkommen sinnlos. Und so stellt auch der Finanzjongleur Packer, der Börsenkurse lesen kann wie andere Leute die Supermarktbeilage ihrer Zeitung, fest, dass die Welt noch deutlich komplexer ist, als er sie sich ausgemalt hatte; oder genauer: dass nicht alles tatsächlich mit einem Grund geschieht.

COSMOPOLIS ist ein Film, der einen in einen seltsam halbwachen Zustand versetzt. Ich habe ihn nach einem langen, heißen Tag in der Spätvorstellung im Original ohne Untertitel gesehen und musste bald ernüchtert bemerken, dass ich den Dialogen nicht so genau folgen konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Sätze flogen an mir vorbei, an anderen, die ich verstand, hielt ich mich dafür umso stärker fest. Ähnlich verhielt es sich mit der Handlung, wenn man sie denn so nennen will: Menschen steigen in Erics Auto ein, unterhalten sich mit ihm, das Auto hält an, er steigt aus, trifft jemanden. All das, während er doch eigentlich ein ganz anderes Ziel hat: einen Friseur. Diese Begegnungen fließen ineinander, einige sind bedeutsamer als andere, manche hinterlassen einen Eindruck, während andere an einem vorbeifliegen. Manchmal ist es nur ein Satz, ein Blick, der die Aufmerksamkeit erregt, ohne dass man genau wüsste, ob die überhaupt gerechtfertigt ist. Das „Finale“, die Auseinandersetzung mit dem Attentäter, ist ein langer Dialog, in dem äußerst abstrakte Ideen verhandelt werden. Es ist eine jener Schlussszenen, während denen man ungeduldig auf die Uhr schaut, unruhig hin und her rutscht, sich insgeheim wünscht, der Regisseur hätte das anders aufgelöst, weniger dialogisch, weniger ausführlich, pointierter vielleicht oder mit einer knackigen Schießerei. Aber es ist hier, in diesem Film, total richtig. COSMOPOLIS hinterlässt ein Gefühl wie es ein Jetlag verursacht: Körperlich ist man total erschlafft, todmüde außerdem, aber trotzdem scheinen die Sinnesorgane noch einmal Eindrücke von besonderer, absoluter Schärfe zu produzieren. Die Welt tritt einem in äußerster Klarheit entgegen, doch man kann sie nicht festhalten.

Das ist genau das, was DeLillo erzählt. Dass es Cronenberg gelingt, das einzufangen, liegt zum einen an den Dialogen des Films: Hier sprechen keine Menschen miteinander, hier werden Ideen und Konzepte artikuliert. Die Sprache ist von absoluter Klarheit, jeden ornamentalen Schnörkels befreit, und dennoch enigmatisch und nahezu hermetisch. Die Worte fliegen wie aus dem Nichts in den Raum, ohne jede Bindung zu einer individuelen Erfahrung: Wohl auch, weil hier jeder nur noch Figur und nicht mehr – oder: noch nicht? – Charakter ist. „Hermetisch“ ist ein gutes Stichwort: Die Diskrepanz zwischen der durch die Straßen gleitenden Stretchlimo Packers – wo parken die eigentlich nachts? – und der absoluten Stille in ihrem Innenraum ist nicht nur das bestimmende Bild für das detachment Packers, das gleichzeitige In- und Außerhalb-der-Welt-Sein, sondern auch die Ursache für die Desorientierung des Zuschauers, der hier bald nicht mehr sicher sein kann, ob er noch dem Film zuschaut oder nicht längst seinen eigenen Gedankenbildern nachhängt. Das ist DeLillo in Reinkultur: Wo die Bedienungsanleitung eines Fernsehers plötzlich Poesie wird und im Kopf des Lesers ein Eigenleben beginnt. Ist das das Neue Fleisch?

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich muss zu meiner Schande gestehen,das ich den neuen Cronenberg noch nicht gesehen habe.
    Zuerst habe ich mir eingeredet,es liegt daran das ich nicht mit hormongesteuerten,entäuschten 16 jährigen
    Robert Pattinson Fans und ihren Müttern das Kino teilen will.
    Aber nachdem ich deine Kritik gelesen habe kann ich diese Fassade nicht mehr aufrecht erhalten.
    Ich glaube das anstrengende an dem Film das du erwähnt hast,passt nicht in meine momentane
    Stimmungslage.
    Vor allem nach dem ich mich vor kurzem durch De Lillos Unterwelt gequält habe.
    Kennst du sowas auch ?
    Ich werde den Film auf jeden fall noch sehen,spätestens auf DVD,aber im augenblick hätte ich mehr Bock
    auf Friedkin´s Killer Joe oder Stone´s Savages.
    Aber das geht mir oft so.Man hat plötzlich zu einer bestimmten art von Kino oder auch Literatur nicht mehr
    so den zugang,und ist dann kurze zeit später wieder Feuer und Flamme.

    • Oliver sagt:

      Klar kenne ich sowas auch. Ich versuche es eigentlich grundsätzlich zu vermeiden, Filme zu schauen, auf die ich mich in diesem Moment nicht richtig einlassen kann. Wenn ich versuchen darf, dich umzustimmen (oder in Stimmung zu bringen): COSMOPOLIS muss man gar nicht als anstrengenden Film betrachten. Wenn man sich darauf einlässt, ist der rreinstes Stimmungkino. Die Dialoge sind eigentlich wie Musik. Und wenn man Platten hören kann, ohne akribisch den Lyrics zu folgen, kann man auch COSMOPOLIS so schauen.

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