serbuan maut (gareth evans, indonesien/usa 2011)

Veröffentlicht: Juli 27, 2012 in Film
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Der Gangsterboss Tama (Ray Sahetapy) sitzt in Jakarta verschanzt in einem heruntergekommenen Hochhaus, dessen einzelnen Wohnungen er an allerlei kriminelles und ihm höriges Gesindel vermietet hat. Ein überwiegend aus blutigen Anfängern zusammengesetztes Sondereinsatzkommando soll das Haus stürmen, die Verbrecher stellen und sich schließlich bis zu Tama vorkämpfen. Doch der Widerstand ist zu groß: Bald sind nur noch wenige Polizisten am Leben, die verzweifelt um ihr Leben kämpfen. Unter ihnen auch Rama (Iko Uwais), der noch eine spezielle Mission verfolgt: Denn Tamas rechte Hand ist Andi (Donny Alamsyah), Ramas verschollener Bruder …

SERBUAN MAUT hat keine Handlung, er hat nur eine Prämisse: Ein kurzer Prolog – eigentlich sind es nur zwei Bilder – führen kurz den Protagonisten als werdenden Vater ein (emotionale Bindung) und deuten seine Privatmission (Komplikation des Plots) an. Bis es soweit ist, wird man das fast wieder vergessen haben. Gareth Evans lehnt sich mit der Struktur seines Filmes, der eigentlich aus einem einzigen ausgedehnten Finale besteht, an einigen Actionern vor allem der Neunziger an, als das Konzept über allem stand: Jan De Bonts SPEED fällt einem ein, vor allem aber natürlich Woos „Abschiedsfilm“ HARD BOILED, der mit seiner All-out-War-Eskalationsdramaturgie wie eine einzige Best-of-Kompilation der vorangegangenen Woo-Filme anmutete. Und dieses „What the Fuck!?“-Gefühl, das HARD BOILED bei mir vor mittlerweile gut 18 Jahren auslöste, kitzelte auch Evans mit SERBUAN MAUT aus mir heraus – auch wenn er natürlich keinesfalls so bahnbrechend ist wie Woos Filme in den frühen Neunzigern. Explosive Shoot-outs wechseln sich in rasantem halsbrecherischem Tempo ab mit knochenbrechenden Martial-Arts-Fights, der ganze Film ist eine Studie in kontrolliertem Chaos und immer, wenn man meint, es könne unmöglich noch fetter, noch härter, noch brachialer, noch irrsinniger werden, dann wird SERBUAN MAUT genau das. Das klingt einfacher als es ist, denn Timing ist für diese Art von Film entscheidend: Die Pausen sind immens wichtig und so streut Evans immer auch wieder kurze Suspense-Momente ein, in denen sich zumindest die Augen vom Dauerfeuerwerk erholen können.

SERBUAN MAUT funktioniert etwas wie Sampling. So wie die Gewaltexplosionen in rascher Folge vor einem aufblitzen, fliegen auch die Assoziationen vorbei, die Evans wachruft und die seinem Film einen Reichtum verleihen, der seinem erzählerischen Reduktionismus radikal entgegensteht. Das Hochhaus-Setting weckt natürlich Erinnerung an McTiernans DIE HARD, Tsui Harks TIME AND TIDE, Johnny Tos BREAKING NEWS oder Paul Lynchs NO CONTEST (um mal einen kleineren Film zu nennen), in Verbindung mit den namenlosen, blutgierigen Horden aber genauso an Romeros DAWN OF THE DEAD. Das Bild eines vor Schwerverbrechern nur so wimmelnden Ortes lässt unweigerlich an Simon Wests (ziemlich fürchterlichen) CON AIR denken, die Brachialität der Fights vor allem an Tony Jaas Eskapaden in ONG-BAK und TOM YUM GOONG. Was Evans Film vom reinen Epigonenkino unterscheidet ist sein visueller Stil: An monochromatische Farbgebung hat man sich zwar bereits gewöhnt, aber SERBUAN MAUT erzeugt mit seinen Bildern verwitterter grauer Wände, abgeschliffener Holzfußböden, aufgeplatzten, schmucklosen Betons und durch die Luft wirbelnder Staubpartikel einen sehr materiellen, greifbaren Eindruck vom Ort seines Geschehens. Beinahe jede Actionszene ist mit einer visuellen Idee verbunden, die bleibt: das Feuergefecht im dunklen Treppenhaus, das Loch im Boden, der Kühlschrank, der Flur, die Drogenküche. Die rohe Körperlichkeit, die in den Fights zum Ausdruck kommt, spiegelt sich in den jeweiligen Settings wieder.

Das alles trägt dazu bei, dass SERBUAN MAUT weitaus mehr als nur eine 90-minütige Achterbahnfahrt ist, mehr als ein Erlebnis ohne Nährwert über seine eigene Dauer hinaus. Nein, Evans‘ Film fräst sich mit äußerstem Nachdruck ins Gedächtnis, wo er als dieser eine Film Bestand haben wird, der mit dem Versprechen, einen 90 Minuten lang in den Sessel zu drücken, nicht nur Ernst machte, sondern dem tatsächlich noch einen drauf setzen konnte. 20 Elite Cops, 1 Ruthless Crime Lord, 30 Floors of Mayhem, eine Actionschlacht für die Ewigkeit. Jetzt bitte schnell das Sequel.

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Kommentare
  1. Harry sagt:

    Hi, soll ja kommen und Kochmedia hat sich auch schon die Rechte gesichert.

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