pulp (mike hodges, großbritannien 1972)

Veröffentlicht: August 2, 2012 in Film
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Michael „Mickey“ Chester King (Michael Caine) hat unter zahlreichen markigen Pseudonymen erfolgreiche Pulp-Romane geschrieben – was seinen Blick auf die Welt maßgeblich beeinflusst hat. Eines Tages wird er auf Malta, wo er inzwischen lebt, von dem Italiener Dinuccio (Lionel Stander) aufgesucht, der wiederum im Auftrag des großmäuligen, halbseidenen Ex-Hollywood-Stars Preston Gilbert (Mickey Rooney) handelt: King soll als Ghostwriter die „Autobiografie“ Gilberts verfassen. Er nimmt den Auftrag an, sieht sich jedoch bald im Fadenkreuz diverser Mordanschläge. Offensichtlich möchte jemand verhindern, dass Gilberts Memoiren das Licht der Welt erblicken …

Direkt im Anschluss an den eiskalten Rachethriller GET CARTER inszenierte Mike Hodges PULP, wieder mit Michael Caine in der Hauptrolle, wieder in einem – wie der Titel schon sagt – pulpigen Stoff. Dennoch könnte PULP von seinem Vorgänger nicht weiter entfernt sein: Vom herbstlich-regnerischen England mit seinen proletenhaften Gangstern geht es nun in die fast nordafrikanische Trockenheit des felsigen Mittelmeereilands Malta wo hitzige Südländer sich sonnen und Taxifahrer einen Unfall nach dem anderen bauen, der seelisch entkernte Carter weicht dem schlagfertigen Brillenträger King, der das Verbrechen nur aus seinen eigenen Büchern kennt, sich aber dennoch für einen Fachmann hält. Während Carter nur den Mund aufmachte, wenn es die Situation völlig verbot, die Knarre zu verwenden, da redet King ohne Unterlass: Als Voice-Over-Narrator führt er durch den Film, dessen Ereignisse nicht immer mit seinen Beschreibungen übereinstimmen. Und ermöglichte uns Hodges in GET CARTER noch, einen Blick in ein Milieu zu werfen, dass uns zwar fremd war, aber in seiner Darstellung trotzdem authentisch erschien, so drängen sich die filmischen und literarischen Referenzen in PULP geradezu auf: Weil King die Welt mittlerweile wie eine seiner literarischen Gestalten betrachtet, kommt uns das alles merkwürdig vertraut vor. PULP ist gleichermaßen selbstreferenzielle Metakomödie und Gangsterfilmparodie. Aber er ist dabei so überzeugend, so schlagfertig und sophisticated, dass er die Möglichkeiten, die diese „Genres“ bieten, noch weit überschreitet. PULP ist ein sehr, sehr merkwürdiger Film.

Das liegt wohl vor allem daran, dass er trotz seiner Brüche – die immer wieder nahelegen, dass das, was wir da sehen, nicht Realität ist, noch nicht einmal filmische Realität, sondern lediglich die Bebilderung einer Fantasie – stets homogen bleibt und durchaus als die Räuberpistole funktioniert, die er zu sein vorgibt. Anders als entfernte Verwandte wie die ZAZ-Filme, zerreißt es Hodges‘ Film nicht unter der Last seiner Gags, Anspielungen und Metaebenen. Wahrscheinlich ist er im Kern zu britisch: Hysterie ist Hodges fremd, er behält auch dann noch die tongue in cheek, wenn das bekannte Bogart-Double Robert Sacchi auf die Frage nach dem Namen einer Statuette die Antwort „the Maltese falcon“ erhält. Ja, es ist auch die Qualität der Gags, die das Gelingen des Films sichert: Keine Pointe ist vorhersehbar, vielmehr kommt jeder Witz überraschend und vor allem reitet Hodges auf dem Erfolgs seiner Gags nicht lang rum. Aber mehr noch beeindrucken das Timing und das unglaubliche Tempo, das dieser Film geht. Zack, zack, zack: Es wird keine Zeit verschwendet und ehe man es sich versieht, sind die 90 Minuten auch schon vorbei. PULP ist einer jener Filme, bei denen man bei Erstsichtung unter Garantie Etliches verpasst, weil man einfach ständig beschäftigt ist, das Gebotene zu verarbeiten: Vieles passiert sehr beiläufig, dazu ist der Verlauf des Filmes einfach nicht vorhersehbar. Das Ende ist das beste Beispiel dafür: PULP endet irgendwann einfach, völlig unverhofft. Da knüpft er dann doch fast wieder an die Schlusseinstellung von GET CARTER an. So liebevoll und verspielt wie der Film ist auch seine Besetzung: Caine, Stander und vor allem Rooney sind großartig in ihren Rollen, dazu geben sich solche Recken wie Dennis Price, Al Lettieri, Luciano Pigozzi und eben Sacchi die Klinke in die Hand, erwecken auch Randfiguren zum Leben.

Und dann ist da noch Malta: Dass PULP ausschließlich auf der kleinen Insel gedreht wurde, hat den Film für mich, der ich sie während eines Urlaubs vor fünf Jahren sehr zu schätzen gelernt habe, besonders reizvoll gemacht. Und die Settings des Films tragen dann auch erheblich zum eigentümlichen Charme des Filmes bei, der viel mehr mit Italokino als mit den britischen Swingin‘ Sixties zu tun hat. Um den Sermon an dieser Stelle zu beenden: Tolltolltoll!

 

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