daredevil (director’s cut) (mark steven johnson, usa 2003)

Veröffentlicht: August 3, 2012 in Film
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Bei einem Unfall verliert der junge Matt Murdock sein Augenlicht, wird stattdessen aber mit einem hypersensitiven Hör- und Tastsinn ausgestattet, der es ihm ermöglicht, sich mit katzenhafter Sicherheit über den Dächern New Yorks zu bewegen. Nachdem sein Vater (David Keith) ermordet wird, schwört Matt, seine neuen Fähigkeiten im Kampf gegen das Verbrechen einzusetzen. Im Berufsleben ein Anwalt, schlüpft der mittlerweile erwachsene Murdock (Ben Affleck) nachts in das Kostüm des Daredevils und macht Jagd auf Nachtschattengewächse. Als er dem Superverbrecher Kingpin (Michael Clarke Duncan) zu nahe kommt, setzt der den psychotischen Killer Bullseye (Colin Farrell) auf den Daredevil an und schiebt ihm den Mord an dem griechischen Milliardär Natchios in die Schuhe. Dessen Tochter Elektra (Jennifer Garner) hat gerade zarte Bande zu Murdock geknüpft …

DAREDEVIL war seinerzeit ein Überraschungserfolg: Superheldenfilme waren noch nicht zum Eventkinostandard aufgestiegen, vielmehr erinnerte man sich noch an die zahlreichen gescheiterten Versuche in den Neunzigerjahren, Comics für die große Leinwand umzusetzen, und der Daredevil, wenn auch kein Unbekannter im Marvel-Universum, besaß eigentlich nicht die Zugkraft, auch Zuschauer jenseits der eingefleischten Comicfans zu ziehen. (In Deutschland hatte es der blinde Marvel-Batman seit jeher schwer gehabt: Weil seine Name sich nicht adäquat ins Deutsche übersetzen ließ – ein „Daredevil“ ist jemand, der das Schicksal mit tollkühnen Aktionen herausfordert –, man aufgrund des DD-Emblems auf der Brust des Superhelden aber auch nicht über Narrenfreiheit bei der Erfindung eines deutschen Namens verfügte, nannte man die Figur sehr ungelenk und schlicht „Der Dämon“.)

Es ist wohl nicht zuletzt dem Engagement von Daredevil-Fan Mark Steven Johnson zu verdanken, dass der Film den Weg auf die Leinwand fand, nachdem die Planungen bereits 1997 aufgenommen und mehrfach wieder verworfen worden waren. Den Fan-Zugang merkt man dem Film in jeder Sekunde an: Johnson, der auch das Drehbuch schrieb, setzte Panels aus den Comics originalgetreu im Film um, bemühte sich, den düsteren Ton, den Frank Miller ab den späten Siebzigern in die Serie brachte, zu bewahren, verwendete mit dem Kingpin, Elektra und Bullseye drei zentrale Figuren der Comicreihe, rettete Daredevils rotes Kostüm aus den Heften auf die Leinwand hinüber und zollte zudem zahlreichen Marvel-Künstlern Tribut, indem er Nebenfiguren nach ihnen benannte. Visuell ist DAREDEVIL sehr ansprechend geraten, mit seinem Schwergewicht auf Nachtszenen im heruntergkommenen New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen (der Film wurde tatsächlich in L.A. gedreht), der schön nostalgischen, aber knapp gehaltenen Origin-Story zu Beginn und der fantasievollen Umsetzung von Daredevils speziellem Gesichtssinn, der ähnlich wie Ultraschall funktioniert. Wer die Comicreihe schätzt, hat hier also, anders als bei anderen Adaptionen, wenig Grund sich zu ärgern.

Dennoch ist nicht alles Gold was glänzt, denn DAREDEVIL kommt dann doch immer wieder der typische Studio-Bullshit in die Quere. Das beginnt bei der Entscheidung, den Titelhelden vom wenig charismatischen und noch weniger beweglichen Ben Affleck spielen zu lassen: Mit einer fürchterlichen Frisur ausgestattet, die ihn wie einen Fünfzehnjährigen aussehen lässt, ist er allenfalls körperlich anwesend – und das ist in der „zivilen“ Martial-Arts-Szene mit Jennifer Garner dann noch zusätzlich eine schwere Bürde. Ein weiteres Ärgernis ist der Soundtrack, der ähnlich sensibel zusammengestellt ist, wie die Musikauswahl für DSDS: Wenn der irischstämmige Bullseye auftritt, läuft natürlich ein Song von House of Pain, der Ausflug in die dekadente Welt des Kingpins wird untermalt von N.E.R.Ds „Lapdance“ und die Beerdigung von Elektras Vater vom Kleine-Mädchen-Gothic-Pop von Evanescence, die dann später noch einen weiteren ihrer unsterblichen Hits beisteuern dürfen. Die Riege der Nebendarsteller ist zwar beachtlich, doch ebenfalls wenig originell (Standardbösewichter wie Leland Orser, Paul Ben-Victor und Mark Margolis geben sich in den Klischeerollen, die man von ihnen gewohnt ist, die Klinke in die Hand), was Coolio hier zu suchen hat, wird auf ewig ein Rätsel bleiben, und das Comic-Relief – Jon Favreau als Murdocks inkompetenter, aber gutherziger Partner – hätte man sich auch verkneifen können. Colin Farrell hat zwar sichtlich Spaß an seiner Rolle und frisst die wenigen Szenen, die er hat, förmlich auf, wirkt als Bullseye mit Glatze, Goatee und Ledermantel aber dennoch wie eine Figur, die das Ergebnis einer fehlgeleiteten Recherche, was Jugendlich so „evil“ und „cool“ finden, diktiert hat.

Letztlich sind das – bis auf Affleck – Kleinigkeiten, die nicht verhindern, dass DAREDEVIL durchaus Spaß macht, auch wenn man fairerweise sagen muss, dass der 120-minütige Director’s Cut dramaturgisch ein wenig durchhängt. Johnson bringt den nötigen Enthusiasmus mit, aber lässt es am inszenatorischen Profil vermissen. DAREDEVIL ist keineswegs so flach und seelenlos wie die beiden FANTASTIC FOUR-Filme, aber eben auch nicht gerade deep und herausfordernd. Guter Durchschnitt nennt man das wohl. Ist ja auch schon was.

Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    eine übersetzung des namens daredevil mit „doller deibel“ hätte mir sehr gefallen.

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