the bourne identity (doug liman, usa/deutschland/tschechien 2002)

Veröffentlicht: August 5, 2012 in Film
Schlagwörter:, , , , , , , ,

Vor der Küste Südfrankreichs ziehen italienische Fischer einen Mann (Matt Damon) aus dem Wasser. Er hat zwei Kugeln im Rücken, eine Kapsel mit Bankdaten in der Hüfte eingenäht und keine Erinnerung daran, wer er ist. Als er einige Wochen später das Schließfach besagter Bank in Zürich öffnet, findet er mehrere Pässe, die ihn als „Jason Bourne“ ausweisen, einen großen Geldbetrag in verschiedenen Währungen und eine Waffe. Wenig später wird er von bewaffneten Männern verfolgt. Er kann die attraktive Marie (Franka Potente) davon überzeugen, ihn zu seiner Wohnung nach Paris zu bringen, wo ein Killer versucht, ihn umzubringen. Es scheint so, als sei Jason Bourne ein CIA-Agent, der einen Mordauftrag nicht ausgeführt hat und deshalb selbst auf der Abschussliste gelandet ist …

Seit ca. drei Jahren steht die hübsch als Geheimakte aufgemachte 3-Disc-Edition der Bourne-Trilogie bei mir im Schrank, jetzt endlich habe ich mal die Zeit und Lust gefunden, mich der Serie zu widmen, die demnächst im Kino mit THE BOURNE LEGACY fortgesetzt wird. Wie man damals ja schon sehr richtig lesen konnte, ist Doug Limans THE BOURNE IDENTITY, die Verfilmung eines Bestseller von Robert Ludlum (der 1988 schon einmal mit Richard Chamberlain in der Hauptrolle verfilmt worden war), ein stilvoller, nicht nur aufgrund der Settings, sondern vor allem wegen seiner durchweg ernsten, gimmickfreien Inszenierung europäisch anmutender Agententhriller, wie man sie vor allem in den Siebzigern serviert bekam. Die Arbeit der Geheimdienste ist ein schmutziges Geschäft sauberer Herrschaften, die Mordaufträge mit der Routine von Bänkern verteilen, Augen und Ohren überall haben und auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen ein undurchdringliches Netz über einen ganzen Kontinent legen. Es ist kein günstiges Bild internationaler Außenpolitik, das der Agententhriller zeichnet: Er suggeriert, dass das, was wir tagtäglich in den Nachrichten sehen, die Verlautbarungen von Politikern, ihre Beteuerungen, Probleme friedlich lösen zu wollen, nur Schauspiel ist, inszeniert, um die furchtbare Wirklichkeit zu vertuschen. Was sich da in THE BOURNE IDENTITY weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit abspielt, ist nichts weniger als eine Menschenjagd, die mit alles anderen als sauberen Mitteln ausgeführt wird. Schießereien, Nahkämpfe, Verfolgungsjagden, Explosionen: Doug Liman inszeniert sie nicht als adrenalinpumpende Spektakel zur Zuschauerbelustigung, sondern als extreme Spitzen eines auf allen Ebenen ausgetragenen Kampfes. Gewalt ist, wenn alles andere versagt hat.

Aber THE BOURNE IDENTITY ist natürlich auch eine Art Psychothriller, der die Frage nach dem Wesen der Identität aufwirft und sich gut in meine laufende Actionhelden-Exegese eingliedern lässt. Ist es das Sein oder das Tun, das die Identität des Menschen ausmacht? Der Killer Bourne wird durch seine Amnesie als „Durchschnittsbürger“ wiedergeboren, den die nach und nach einsinkende Erkenntnis seiner vorigen Identität durchaus erschreckt. Zumal Teile seiner alten Gewohnheitenparallel weiterexistieren: So wundert er sich, warum er in öffentlichen Gebäuden immer den Fluchtweg im Auge behält, seine Umwelt akribisch analysiert, über ein nahezu fotografisches Gedächtnis, dem auch  das kleinste Detail nicht verborgen bleibt, und ausgezeichnete Nahkampftechniken verfügt. Es macht dem „neuen“ Bourne Angst, was der „alte“ Bourne für ein Mensch gewesen sein muss. Doch die Trennung zwischen diesen beiden ist ja nur virtuell: Je mehr der „neue“ Bourne erfährt, wer er war, umso mehr wird er wieder zum „alten“ Bourne. Die Kluft zwischen den beiden ist mit jener identisch, die den Zuschauer vom Actionhelden trennt: Was diese Professionals mit größter Leichtigkeit tun, ist für den Ottonormalverbraucher nicht vorstellbar. Physisch nicht, psychisch nicht und moralisch gesehen noch weniger. Für Bourne wird die Amnesie aber zur Therapie: Sie bietet ihm die Möglichkeit, von außen auf sein Selbst zu blicken, seine Taten quasi objektiv bewerten zu können. Undihm gefällt überhaupt nicht, was er da sieht. Es ist vielleicht etwas unelegant, dass diese Therapie im Film streng genommen redundant ist: Der Grund, warum Bourne seinen Auftrag nicht ausgeführt hat und schwer verwundet im Mittelmeer landete, sind genau jene moralische Zweifel, die für einen Professional wie ihn immer den Anfang vom Ende bedeuten. Wie im zuletzt gesehen KILLER ELITE (mit dem er einige Gemeinsamkeiten mehr teilt) lässt er von seiner Zielperson ab, beschließt, seinen Job aufzugeben, als er feststellt, dass diese ein Familienvater ist, den er vor den Augen seiner kleinen Tochter ermorden müsste. Das ist die Grenze, die er nicht überschreiten wird.

Es gibt ein paar andere kleine Drehbuchschwächen, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen, wenn man wie ich nicht allzu plotfixiert ist und sich von vielfach bemängelten, aber m. E. überbewerteten Logik- und Plotholes nicht das ästhetische Erlebnis verderben lässt. Bourne begreift meines Erachtens etwas zu spät, wer er ist (wenn man mehrere falsche Pässe, einen Haufen Geld und eine Waffe in seinem Besitz hat, kommen nicht mehr allzu viele Berufe in Frage), verhält sich dann später nicht immer konsistent, fällt mehrfach hinter seinen Erkenntnisstand zurück, damit der Plot voranschreiten kann. Wie gesagt: verschmerzbare Mängel, die nichts daran ändern, dass THE BOURNE IDENTITY durchweg spannendes, überzeugendes Thrillerkino bietet. Jetzt bin ich sehr auf die Sequels gespannt, die ja meines Wissens zumindest stilistisch in eine ganz andere Richtung gehen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s