the bourne supremacy (paul greengrass, usa/deutschland 2004)

Veröffentlicht: August 6, 2012 in Film
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Bei einer CIA-Operation in Berlin werden zwei Agenten ermordet. Am Tatort findet man die Fingerabdrücke eines alten Bekannten: Jason Bourne (Matt Damon). Doch der an Amnesie leidende CIA-Killer hat sich mit seiner Geliebten Marie (Franka Potente) nach Indien zurückgezogen, wo sie ihm dabei hilft, die ihn heimsuchenden Erinnerungsfetzen zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzufügen. Als ein Unbekannter sie erschießt, vermutet er die CIA dahinter und verlässt sein Versteck. Die Spur führt ihn nach Berlin, wo die CIA-Beamtin Pam Landy (Joan Allen) und Abbott (Brian Cox), der Chef des Treadstone-Programms, aus dem Bourne hervorgegangen ist, sich ein ein heftiges Kompetenzgerangel liefern und nur auf ihn warten …

Wie ich im Beitrag zu THE BOURNE IDENTITY schon angedeutet hatte, macht die Serie mit dem Engagement von Regisseur Paul Greengrass eine starke stilistische Veränderung durch: Statt der klaren Inszenierung, die sein Vorgänger Doug Liman bevorzugte und seinen Film damit in eine Traditionslinie mit den europäischen Agententhrillern der Siebzigerjahre stellte, setzt Greengrass auf die Desorientierungstechniken der „intensified continuity“: schnelle, hektische Schnitte, kurze Einstellungslängen, „unsaubere“ Einstellungen mit handgehaltener „Shakycam“ und abgeschnittenen oder verdeckten Personen und Schattenwürfen. Mit dieser Technik wird vor allem eine hohe Dynamik und „Authentizität“ verbunden: Bilder scheinen nicht für die Kamera komponiert, sondern vielmehr von ihr im Vorbeigehen „aufgeschnappt“ zu werden. Mit diesen beiden Eigenschaften gehe außerdem, so behaupten die Apologeten des Stils, ein hoher Grad an Immersion einher. Anders als bei konventioneller fotografierten und geschnittenen Filmen, werde der Zuschauer durch die „intensified continuity“ stärker ins Geschehen eingebunden. Greengrass begründete seine Entscheidung, diesen Stil für THE BOURNE SUPREMACY zu verwenden, zudem damit, dass er dem psychischen Zustand seines Protagonisten entspreche, der seinerseits verwirrt ist, immer nur Bruchstücke des ganzen Bildes kennt und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen über Leben und Tod trefen muss.

David Bordwell hat diese verschiedenen Zuschreibungen in zwei sehr lesenswerten Blogeinträgen anlässlich der Rezeption von THE BOURNE ULTIMATUM (hier und hier) als zumindest fragwürdig enttarnt: Dynamik und Immersion erzielen auch andere Techniken, und die Bildfragmentierung als Ausdruck von Bournes Innenleben zu interpretieren, werfe außerdem die Frage auf, warum dann alle Szenen, also auch jene, in denen Bourne gänzlich abwesend ist, in diesem Stil gehalten seien. Nach Bordwell könne man die Entscheidung für die „intensified continuity“ durchaus auch als eine ökonomische begreifen: Sie bietet einem Regisseur die Möglichkeit, Fehler, etwa in der Schauspielführung, zu kaschieren, über Logiklöcher hinwegzutäuschen und bei der Choreografie der Actionszenen zu schummeln. Bordwells Argumente haben Hand und Fuß, seine Kritik am neuen Status quo des Action-Filmmakings ist durchaus berechtigt; dass er selbst mehrfach zur Bourne-Trilogie zurückkehrt (es gibt noch einen dritten Artikel), zeigt aber, dass die Filme dennoch nicht so einfach abgetan sind.

Meines Erachtens vernachlässigt Bordwell einen Punkt: Mit dem zweiten Teil verändert sich nämlich nicht nur der Modus der Inszenierung, inhaltlich wird auch eine Wende vom psychologisch angehauchten Agententhriller zum Hightech-Actionfilm vollzogen. THE BOURNE SUPREMACY ist zunächst einmal von atemloser Geschwindigkeit, lässt seinem Protagonisten auch in seinen emotional schwerwiegenden Momenten nur wenig Zeit, innezuhalten. Am deutlichsten wird das sicher im Moment von Maries Tod, als er innerhalb von Sekunden Abschied von ihr nehmen muss, nur noch einen schmerzvollen Blick auf ihren wie ein Geist im trüben Wasser eines Flusses verschwindenden Leichnam werfen kann, bevor seine Flucht weitergeht (eine unglaubliche Szene, by the way). Greengrass‘ rasantes Cutting unterstreicht die Rasanz des Plots, der Set Piece an Set Piece reiht, Bourne von einem Hinweis zum nächsten hetzen lässt. Und bei der Katz-und-Maus-Jagd tritt ein Element in den Fokus, das zwar auch schon in THE BOURNE IDENTITY eine Rolle spielte, aber längst nicht so stark den Fortgang der Handlung bestimmte: die Überwachungstechnologie. In THE BOURNE SUPREMACY werden Mobiltelefone angezapft, abgehört und geortet, Überwachungskameras bieten kaum eine Möglichkeit, sich zu verstecken, wenn die CIA etwas in Erfahrung bringen will, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die gewünschte Information besitzt. Die Welt, wie sie sich den Geheimdiensten darstellt, setzt sich aus einer Vielzahl zunächst unverbundener einzelner Fakten zusammen, die in Verbindung mieinander neue Fakten und damit Sinn ergeben. Und so wie die CIA um Pam Landy versucht, das Bild zusammenzusetzen, das erklärt, warum Bourne wieder aufgetaucht ist, muss Bourne das Bild zusammensetzen, das ihm erklärt, wer er ist. So undurchsichtig, komplex und verwirrend sich die Welt auch darstellt, die Charaktere in THE BOURNE SUPREMACY sind von der einen, der richtigen Deutung überzeugt. Und je mehr ihnen die Deutungshoheit entgleitet, umso mehr Technik bemühen sie, um sie festzuhalten.

Es ist eine kalte Welt, in der THE BOURNE SUPREMACY spielt: Big Brother is indeed watching you, aber er tut dies, ohne dass er Häuserwände mit dieser Losung tapeziert. Die Geheimdienste laufen Amok, sind kaum mehr als der verlängerte Arm seiner verbrecherischen Mitglieder. Die albtraumhafte Erkenntnis Bournes, dass er ein Killer ist und grausame Verbrechen verübt hat, ist bei ihm eingesunken und lässt das Bedürfnis in ihm entstehen, Abbitte zu leisten. Sein Wunsch, dem System zu entkommen, ist nicht mehr länger einem ganz instinktiven Überlebenswillen geschuldet, sondern eine ethisch-moralische Entscheidung. Eine Welt, in der Menschen aus strategischen politischen Erwägungen geopfert werden, ist nicht länger die seine. Doch bevor er einen Teil des von ihm verübten Unrechts wiedergutmachen und ein neues Leben beginnen kann, muss er erst das Bild seiner Identität zusammenfügen: Er muss wieder werden, wer er war, um bleiben zu können, wer er geworden ist.

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