adieu l’ami (jean herman, frankreich/italien 1968)

Veröffentlicht: August 10, 2012 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Nachdem sie in der Fremdenlegion gedient haben, halten sich der Amerikaner Franz Propp (Charles Bronson) und der Arzt Dr. Dino Barran (Alain Delon) mit krummen Dingern über Wasser: Ersterer nimmt als Con Man reiche Geschäftsleute aus, Letzterer wird von der Freundin eines ehemaligen Kameraden eingespannt, um ihr zu helfen. Er soll den Safe eines großen Unternehmens für sie knacken, allerdings nicht, um etwas zu stehlen, sondern um Schuldverschreibungen zurückzulegen, die sie entwendet hat. Dummerweise bekommt Propp Wind von der Sache und zwingt Barran dazu, die Firma auszurauben. Gemeinsam verschanzen die beiden sich über das Weihnachtswochenende im Keller des Gebäudes, um den Safe zu knacken. Doch offensichtlich ist jemand den beiden schon zuvorgekommen: Man hat sie hereingelegt …

Der klassische Heist-Movie-Stoff – ein Großteil des Films widmet sich den Bemühungen Propps und Barrans, den Safe zu öffnen – wird von Jean Herman einer inszenatorischen Trockeneisbehandlung unterzogen, die für das europäische, vor allem aber das französische Crimekino der späten Sechziger- und Siebzigerjahre charakteristisch ist. Propp und Barran bleiben undurchsichtig, einige Sequenzen wirken wie durch den Schleier des Fiebers betrachtet – die Wachmänner der Firma drehen ihre Runden mit der Teilnahmslosigkeit von Zombies –, moderne, menschenfeindliche Architektur bestimmt den Film, dessen Moral, eben die alternativtitelgebende „Ehre unter Dieben“, keinen Trost spendet, sondern nur den Beweis erbringt, dass es noch nicht gelungen ist, dieser schönen neuen Welt jeden Schönheitsfehler auszutreiben. Bronson und Delon tragen ADIEU L’AMI: Die Chemie zwischen beiden ist unbezahlbar (sie sollten später noch einmal in dem Eurowestern SOLEIL ROUGE gemeinsam vor der Kamera stehen). Bronson ist fantastisch als amerikanischer Hustler Propp, der mit einer übermenschlichen Selbstsicherheit ausgestattet ist und das Leben so behandelt, als sei es ein großes Spiel, dessen Regeln er allein durchschaut. Sein wissendes Gewinnerlächeln verlässt ihn nie. Delon gibt ihm gegenüber den schweigsamen Mann mit dem Eis im Blick, bei dem man nie genau weiß, ob eine tiefe Verletzung hinter seiner Distanz steht oder ob er einfach nie dazu befähigt war, Nähe zu anderen Menschen zuzulassen.

In gewisser Weise ist ADIEU L’AMI der Abgesang auf klassische männliche Heldentypen: Die militärischen „Heldentaten“ der beiden liegen in der Vergangenheit und haben rückblickend nur noch wenig Heroisches an sich. Ein normales Leben ist für beide nicht mehr möglich und die „krummen Dinger“, die früher noch mit einer gewissen Unschuld verbunden waren, sind heute kaum mehr als der Beleg dafür, dass sich beide in endlosem Regress befinden. So sitzen sie da eingesperrt in einem kargen Kellerraum, die Klimaanlage defekt, nachdem Propp versucht hat, einen Kurzschluss herbeizuführen, der die Tür öffnet, beide schwitzend und verdreckt, den jämmerlichen Tod durch Verdursten vor Augen, während die Menschen sich draußen die Bäuche vollschlagen, in alten Erinnerungen schwelgend. Helden sehen anders aus. Die „Ehre unter Dieben“ ist tatsächlich das Einzige, das ihnen noch bleibt: eine störrische Unbeugsamkeit, die fast infantile Weigerung, nach den herrschenden Regeln zu spielen. Während um sie herum die Uhren umgestellt werden – ich verrate nicht, von wem sie da an der Nase herumgeführt wurden! –, halten sie sich krampfhaft an diesen Werten fest. Ein Triumph des Willens ist das, ja, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht mehr allzu viele davon geben wird. Propp und Barran kämpfen ein Rückzugsgefecht, für das ihnen mehr und mehr die Ressourcen ausgehen.

Kommentare
  1. Martin Compart sagt:

    Wieder eine tolle Rezension von dir, die berührt und Geist und Atmosphäre des Films beschwört (bei Youtube ist er wohl unter seinem englischen Titel zu sehen). Vielleicht noch ein paar Ergänzungen. Die Vorlage von Sebastien Japrisot ist seinerzeit bei uns in der großartigen Rowohlt Thriller-Reihe erschienen als WEEKEND IM TRESOR. Bei Regisseur Jean Herman handelt es sich um Jean Vautrin, der auch als Schriftsteller erfolgreich wurde. Herman und Delon haben nochmals in dem ebenfalls außergewöhnlichen Gangster-Film JEFF zusammen gearbeitet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.