warrior (gavin o’connor, usa 2011)

Veröffentlicht: August 27, 2012 in Film
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Der Alkoholismus von Vater Paddy (Nick Nolte) hat die Familie Conlon zerrissen: Sohn Tommy (Tom Hardy) flüchtete mit der todkranken Mutter, sein älterer Bruder Brendan (Joel Edgerton), der eigentlich mitkommen wollte, entschied sich für seine Frau Tess, Paddy blieb als Verstoßener allein zurück. Jahre später sitzt Tommy wie ein Geist aus einer längst vergangenen Zeit vor Tür des mittlerweile trockenen Vaters. Er will am hochdotierten MMA-Wettbewerb „Sparta“ teilnehmen und sucht noch einen Trainer – an einer Wiederaufnahme der Beziehung zu Paddy hat er jedoch kein Interesse. Gleichzeitig droht der Lehrer Brendan sein Haus zu verlieren: Auch er erinnert sich an seine Kämpfer-Vergangenheit und meldet sich zum Turnier an, in der Hoffnung, mit dem großen Preisgeld die Existenz seiner Familie retten zu können. Als die drei Männer aufeinandertreffen, kommen all die Konflikte, die nie wirklich ausgetragenen wurden, wieder auf den Tisch – und werden schlagkräftig ausgetragen …

Es ist eine Weile her, dass mich ein aktueller Film so dermaßen mitgenommen hat wie Gavin O’Connors WARRIOR. Während des Finales zitterte ich vor Spannung, das Herz hämmerte wie verrückt in meiner Brust, bei den Abschlusscredits fand ich nur mühsam wieder zur Ruhe – und meine Gattin saß völlig in Tränen aufgelöst neben mir. WARRIOR ist eine emotionale Achterbahnfahrt – kompromisslos, direkt, ungeschönt, hart, tieftraurig, hoffnungsfroh, bitter, wunderschön – und einer der besten Männerfilme der letzten Jahre. Die Beziehung – oder besser: die Nichtbeziehung – zwischen den drei Männern bestimmt ihn, bildet seinen Kern. WARRIOR ist ein Film über die männliche Dickköpfigkeit und ihren falschen Stolz, der ihnen verbietet, über ihren Schatten zu springen, über ihre Unfähigkeit, zu verzeihen – aber auch über ihre perverse Lust am Schmerz, sei er nun physisch oder psychisch. Was diese Unfähigkeit und diese Lust anrichten, ist nur schwer mitanzusehen: Vater Paddy lebt isoliert von seinen Söhnen und Enkeltöchtern, wie im Fegefeuer wird er jeden Tag mit seinen vergangenen Fehlern konfrontiert. Auch als Tommy wieder zurück ist, hat die Qual für den Vater kein Ende: Der bis tief in den Kern verletzte Sohn tritt dem gebrochenen Mann mit unverhüllter Verachtung gegenüber, lässt ihn immer wieder wissen, dass er ihn für alles erlittene Leid verantwortlich macht. Nicht anders reagiert Tommy auf seinen Bruder Brendan, von dem er sich verraten fühlt. Ein Verzeihen ist nicht vorgesehen – und so steuert der Film auf eine körperliche Auseinandersetzung zu, bei der nur einer der beiden Brüder gewinnen kann.

Nach meiner Kritik an BLACK SWAN muss ich fairerweise einräumen, dass auch O’Connor weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um eine Reaktion beim Zuschauer zu erzielen. Auch diese Familienkonstellation ist mit ihren zahlreichen Katastrophen und Konflikten natürlich enorm konstruiert. Aber anders als bei Aronofskys Film, bei dem die Neurosen der Nina Sayers nur selten wirklich gelebt und mit Historie unterfüttert wirkten, kauft man O’Connor diese Familiengeschichte ab. Das liegt vor allem daran, dass das, was man sieht, ja nur die Spitze des Eisbergs ist, die Charaktere vielmehr komplexe Beziehungen zueinander unterhalten, von denen O’Connor immer nur kleine Details offenbart. Was genau diese Familie zerstört hat, bleibt im Nebel verborgen. Es ist aber auch egal, weil das Hier und Jetzt zählt: Und da haben sich alle ihr eigenes Bild der damaligen Umstände zurechtgezimmert und darin eingerichtet. Brendan und Tommy leben in einem Zustand der Verleugnung – und sie nehmen gern in Kauf, daran zu zerbechen und ihren Vater mitzuehmen.

WARRIOR ist aber auch ein Action-, genauer ein Kampfsportfilm. Und er benutzt sein Sujet, um die inneren Konflikte seiner Protagonisten auf die Spitze zu treiben. Diese Männer haben sich so weit voneinander entfernt, haben sich so in ihren eigenen Verletzungen eingemauert, dass Worte gar nicht mehr zu ihnen durchdringen können. Nur noch Fäuste vermögen dies. Das verkörpert vor allem Tommy: Eingehüllt in Kapuzenpullis, immer in leicht geduckter Haltung, die Muskeln grotesk aufgeblasen, einsilbig und konfrontational in seiner Gesprächsführung, beinahe autistisch im Umgang mit anderen, die Augen immer wachsam wie bei einem in die Ecke gedrängten Tier, erkennt man in ihm schnell, dass sich da jemand gegen sich selbst hart machen will. Tommys Brutalität im Kampf entspringt dem Wunsch, dass da jemand endlich die Schale knacken möge. WARRIOR ist damit auch das, was man einen transgressiven Film bezeichnet: Mit dem erlittenen Schmerz soll eine höhere Bewusstseinsstufe erklommen werden. Und der Zuschauer muss mitleiden, wenn die Fausthiebe einschlagen wie Bomben.

WARRIOR ist ein fantastischer Film. Hat mich fast umgebracht. Schon bei den ersten Bildern des rauchenden Industriemolochs Pittsburgh wusste ich, dass ich hier ein Zuhause finden würde. Dann sind da die drei Hauptdarsteller, die mich empfangen haben – wenn auch nicht mit offenen Armen: Am bewegendsten ist sicherlich Nolte. Wie er als Paddy sein Schicksal trägt, eine heftige Demütigung nach der anderen über sich ergehen lässt, weil er zum einen weiß, dass er diese in gewisser Weise „verdient“ hat, vor allem aber, weil er seine Söhne liebt und nicht mehr gegen sie kämpfen will, ist ergreifend. Tom Hardy ist furchteinflößend als Tommy und man merkt hier, wie sehr er als bemaskter Bane in THE DARK KNIGHT RISES eigentlich verschenkt war. Er verkörpert die tickende Zeitbombe mit derselben körperlichen Hingabe, die er schon seinem BRONSON angedeihen ließ. Joel Edgerton hält den Film als „straight man“ quasi zusammen. Seine Rolle ist die unspektakulärste der drei, gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie er sich behauptet. Dann ist da der Score von Mark Isham, die melancholischen Folksongs, die immer genau dann anheben, wenn man eh schon um Fassung ringt. Das brutale Turnier, das fast die komplette zweite Hälfte des zweistündigen Films in Anspruch nimmt. Der Rhythmus O’Connors, der niemals ins Wanken gerät. Das Gefühl, mit dem er auch potenziell kitschige Szenen meistert. Die atemlose Spannung, die Begeisterung des Publikums, die Atmosphäre des Turniers, die sich nahtlos auf  den Zuschauer überrägt, ihn zum Teil des Events macht. Und – wie schon erwähnt – die vielen kleinen Geheimnisse, die der Film vor dem Betrachter bewahrt und die ihn daher auch nach seinem Ende noch beschäftigen. WARRIOR ist einfach ein Traum. Als sei er nur für mich gedreht worden. Ich glaube nicht, dass ich dieses Jahr noch einen besseren Film sehen werde. Hier bleibe ich.

Kommentare
  1. peter sagt:

    Danke für Deinen Artikel, der mir »warrior«, nachdem ich vorher schon ein bißchen was über diesen Film gelesen hatte, endgültig schmackhaft machen konnte. Ich finde auch: ganz toller Film. Im Finale fiebert man wirklich mit beiden Kämpfern mit und das Finale ist deshalb auch wirklich spannend, was in den meisten Sportfilmen ja oft weniger der Fall ist – man weiß ja vorher, wer gewinnt.

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