the prodigy (william kaufman, usa 2005)

Veröffentlicht: September 2, 2012 in Film
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Truman (Holt Boggs) hat seit seiner Kindheit ein inniges Verhältnis zur Gewalt, das ihm schließlich einen Job als enforcer des lokalen Gangsterbosses Baker (Marc Jeffreys) eingebracht hat. Einen versuchten Drogenraub, der durch das plötzliche Eindringen eines unbekannten, maskierten Killers zum Massaker gerät, überlebt Truman als einziger. Einen Monat später taucht der Mörder, den Truman eigentlich glaubte, umgebracht zu haben, wieder auf, tötet etliche Männer Bakers und entführt dessen Neffen. Truman begibt sich auf Geheiß Bakers auf die Suche und kommt einem Phantom auf die Spur, das spezielle Pläne für ihn hat …

Spätestens seit Ivo Ritzers Artikel in der vorletzten Splatting Image ist William Kaufman auch deutschen Actionfilmbegeisterten ein Begriff. Eben ist sein neuester Film ONE IN THE CHAMBER mit Cuba Gooding jr. und Dolph Lundgren in Deutschland unter dem Titel LAST BULLET auf DVD und Bluray erschienen, was mir Anlass genug ist, mich chronologisch durch sein noch recht übersichtliches Werk zu arbeiten. THE PRODIGY ist sein Spielfilmdebüt, im weitesten Sinne ein Serienmörderfilm, aber sehr eigenwillig erzählt, unglaublich düster, brutal und roh. Ein Film, der sich anfühlt, als würde man durch zähes Pech tauchen oder auch durch Beton schwimmen, der sich mit jedem Armzug weiter verfestigt. Der Plot ist zweitrangig, es ist diese deprimierende Atmosphäre eiskalt in die Glieder dringender Hoffnungslosigkeit, die den 120-minütigen Film zu einer absolut singulären Seherfahrung macht. THE PRODIGY ist nicht im herkömmlichen Sinne spannend: Die schmale Farbpalette, die monochromes Stahlblau bzw. -grau, tiefes Schwarz und ausgewaschenes Braun favorisiert, drückt die Stimmung gewaltig, die überaus geduldige Erzählweise Kaufmans, der das Tempo seines Films auf ein unaufhaltsames Kriechen reduziert, tut ihr Übriges. Im Grunde ist die Story von THE PRODIGY der Stoff für einen Kurzfilm: Sie auf Spielfilmlänge zu dehnen, trägt entscheidend zur hypnotisch-herunterziehenden Wirkung des Films bei, lässt sich daher längst nicht bloß als Fehler eines Regiedebütanten begreifen. Die Arbeit mit bereitstehenden Klischees und Genreversatzstücken, die man eben auch aus Kurzfilmen kennt, verleiht THE PRODIGY etwas entschieden Parabelhaftes: Seine Figuren wirken eben nicht wie Menschen, sondern wie Konstrukte, die sich dessen aber noch nicht bewusst geworden sind, die immer noch glauben, ein nach ihrem Willen gestaltetes Leben zu führen, obwohl sie doch lediglich Schachfiguren auf dem Spielbrett eines übermächtigen Spielers sind (es gibt sogar eine Szene, in der Schach gespielt wird). Sie verfolgen ein Phantom, ohne zu ahnen, dass ihr Schicksal längst besiegelt ist. Wundern sie sich denn nicht, dass jede Schönheit aus ihrer Welt herausgesogen wurde? Das Theodizee-Problem stellt sich hier nicht mehr: Gott hat sich schon vor alnger Zeit aus dieser Welt verabschiedet.

Der Film, an den THE PRODIGY mich inhaltlich am meisten erinnert hat, ist Alan Parkers ANGEL HEART. Mit ihm teilt Kaufmans Film die Dunkelheit, die Anlehnung an den Film Noir, die Suche nach dem Anderen, die doch nur zum Ich führt, die finale Selbsterkenntnis, die gleichbedeutend mit dem Abstieg in die Hölle ist. Aber während ANGEL HEART ein Film voll hitziger Leidenschaft ist, ein blut-, sperma- und alkoholgetränkter Rausch, erschreckend und dunkel zwar, aber eben auch sehr barock und ornamental, ist THE PRODIGY ausgesucht hässlich, grob, wuchtig, brachial und kantig. Kaufman gelingt es seine Stimmung totenstarrengleicher Lähmung 120 Minuten lang zu halten, ohne auch nur einmal in Versuchung zu geraten, diese bedrückende Homogenität zu durchbrechen. THE PRODIGY ist verdammt harter Stoff, kein angenehmer Film, aber ein beeindruckendes künstlerisches Statement. Die fünf Jahre Pause, die zwischen diesem und Kaufmans nächstem Film lagen, sind wahrscheinlich auf die üblichen Finanzierungsprobleme zurückzuführen, denen sich ein Low-Budget-Filmemacher zu stellen hat: Ich stelle mir aber gern vor, dass Kaufman sich nach THE PRODIGY erst einmal erholen und wieder neuen Mut schöpfen musste. Enter the Void.

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