gone in 60 seconds (h. b. halicki, usa 1974)

Veröffentlicht: September 6, 2012 in Film
Schlagwörter:, , ,

Der Versicherungsdetektiv Maindrian Pace (H. B. Halicki) verdingt sich mit seinen „Kollegen“ nebenbei als Autodieb. Sein neuester Auftrag soll allen ungeahnten Reichtum bescheren: In kürzester Zeit müssen 48 wertvolle und seltene Autos gestohlen werden. Von diesen 48 Modellen macht lediglich der Mustang, der von Pace mit dem Codenamen „Eleanor“ bedacht worden ist, Schwierigkeiten. Dummerweise wird er just in dem Moment verpfiffen, als er endlich einen geeigneten Wagen ausfindig gemacht hat. Eine wilde Verfolgungsjagd entbrennt …

Manche Menschen träumen von einer Weltreise, davon, ihr Idol zu treffen oder von einem eigenen Haus. Anderen sind solche weltliche Dinge fremd, sie haben größere Visionen, träumen vom Weltfrieden, dem Ende der Apartheid oder der Eroberung des Weltalls. H. B. Halicki, seines Zeichens Stuntman, Auto- und Spielzeugsammler, hatte auch einen Traum, einen ziemlich speziellen noch dazu: Er träumte davon, den größten Car-Crash-Film aller Zeiten zu drehen. Und er machte Nägel mit Köpfen: Er verfasste ein rudimentäres Script, investierte sein Geld auf Versteigerungen, um Autos zu erwerben, die er in seinem Film verschrotten konnte, überredete Freunde und Bekannte, ihn finanziell oder anderweitig zu unterstützen, stemmte so schließlich die Finanzierung, übernahm Regie und Hauptrolle, fungierte als Stuntman und kümmerte sich zum Schluss selbst um den Vertrieb des fertigen Films. Sein Traum kostete ihn 150.000 Dollar und spielte weltweit über 40 Millionen ein. Die Kritik, die sein Werk – zu Recht – als amateurhafte Exploitation verriss, war ihm angesichts dieses ideellen wie materiellen Erfolgs vermutlich egal. Warum auch nicht: Es war schließlich sein Traum gewesen.

Als heutiger Betrachter, für den ausgedehnte Verfolgungsjagden und Autounfälle nicht alles sind, muss man aber stets mitdenken, dass GONE IN 60 SECONDS nicht künstlerischer Ausdruck, sondern infantile Wunscherfüllung ist, um die 100 Minuten durchzustehen. Neben den technischen Defiziten – der Ton ist arg matschig und teilweise unverständlich, nachträglich zur Korrektur eingefügte Voice-overs sind nicht gerade der Weisheit letzter Schluss – sind es vor allem die schauspielerischen Darbietungen, die die Immersion verhindern. Laien – Halickis Kumpels spielen seine Kumpels, Polizisten Polizisten, Feuerwehrmänner Feuerwehrmänner und sogar der damalige Bürgermeister von Carson City gibt sich als Bürgermeister von Carson City die Ehre – sagen steif die auch nicht gerade vor Poesie strotzenden Dialogzeilen auf und unterstreichen so noch die wenig elegante Dramaturgie, die viele, viele Szenen aneinanderreiht, in denen lediglich Exposition abgearbeitet wird. Der Film kommt immer erst dann zu sich, wenn die Autos in den Mittelpunkt treten: etwa wenn man dabei beiwohnen darf, wie ein geklautes Auto eine neue Identität erhält, oder wenn man erfährt, auf wie viele verschiedene Arten man Wagen stehlen kann. Und Halickis ganzer Sammlerstolz kommt niergendwo besser zum Ausdruck, als in jener auf mehrere Minuten ausgedehnten Szene, in der er die 48 geklauten Autos abschreitet (die alle aus seiner eigenen Kollektion stammen). Wie man zu GONE IN 60 SECONDS steht, hängt aber letztlich davon ab, ob man dem Piece de Resistance des Films etwas abgewinnen kann: der 30-minütigen Verfolgungsjagd, auf die der Film hinausläuft und in deren Verlauf 93 Autos zu Klump gefahren werden. Einen gewissen dadaistischen Charme kann man dem Ganzen nicht absprechen, aber bei mir wollte der Funke nicht so recht überspringen. Halicki inszeniert seine Verfolgungsjagd als wüsten Thrillride, dem ein übergeordneter Spannungsbogen, die etwa die berühmte Jagd aus BULLITT auszeichnet, leider völlig abgeht. So war ich dann schon ein bisschen froh, als GONE IN 60 SECONDS ein Ende fand – zumal das dann wirklich ganz hübsch ist.

Advertisements
Kommentare
  1. Alex sagt:

    Was meine Vermutung bestätigt, daß das Original etwas straighter daherkommt als die gerade gesehene deutsche Fassung, deren Synchronisation eine große Clownsnase vor sich her trägt und damit auch den Dialogen der Laiendarsteller Unterhaltungswert verpasst, so daß die 100 Minuten vergingen wie im Fluge. (Gesichtet wurde übrigens die um zusätzliche Szenen von ca. 2 Minuten Länge erweiterte Version, die Halicki in den 80ern rotzfrech noch mal in die Kinos brachte, hieß dann hierzulande „Auf dem Highway spielt die Polizei verrückt“, während die Fassung von 1974 noch unter „Die Blechpiraten“ fungierte.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s