two-lane blacktop (monte hellman, usa 1971)

Veröffentlicht: September 6, 2012 in Film
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„The Driver“ (James Taylor) und „The Mechanic“ (Dennis Wilson) sind Nomaden der Straße: Mit ihrem gleichzeitig aufs Wesentliche reduzierten und doch aufgemotzten 55er Chevy fahren sie durchs Land, verdienen sich bei illegalen Straßenrennen ein paar Dollar, von denen sie sich das nötigste kaufen und den Rest in neue Rennen reinvestieren. Unterwegs treffen sie zwei Menschen: Die junge Ausreißerin „The Girl“ (Laurie Bird), die die unsentimentale Männerfreundschaft in eine komplizierte Dreierbande verwandelt, und den Aussteiger „G.T.O.“ (Warren Oates), der mit seinem grellgelben Pontiac über die Landstraßen fegt und im Gespräch mit den zahlreichen Anhaltern, die er mitnimmt, seine eigene missratene Historie frisiert. Er fordert die beiden Jungs zu einem Rennen quer durch die USA heraus. Doch wer als erster am Ziel ankommen wird, tritt schon bald in den Hintergrund …

Es hat gut 30 Jahre gebraucht, bis TWO-LANE BLACKTOP als großer amerikanischer Filmklassiker anerkannt wurde. Von Universal zu einer Zeit produziert, als in Hollywood gerade die große Konfusion ausgebrochen war und plötzlich Filme abgesegnet wurden, die kurz zuvor (und wenig später) kein Studio angefasst hätte, aus Angst, sich die Bilanzen zu ruinieren, ist TWO-LANE BLACKTOP ein kleines existenzialistisches Drama, an allen Sehgewohnheiten vorbeiinszeniert, dabei aber von äußerster Präzision und Konsequenz: Perfektion weit abseits gebügelter Makellosigkeit. Eine Beschreibung des Films (die ich jetzt leider nicht mehr wiederfinden kann) finde ich tatsächlich sehr treffend: TWO-LANE BLACKTOP ist der Film, der entstanden wäre, hätte sich ein Nouvelle-Vague-Regisseur eines Drive-in-Movies angenommen. Es ist natürlich (auch) ein politischer Film: Er handelt vom Zerplatzen des amerikanischen Traums, von den verzweifelten Versuchen, ihn festzuhalten, von dem Leben, das man dazu aufgeben, und dem, das man stattdessen leben muss. Er handelt von der Einsamkeit des Individuums in einer Welt, in der die äußere Erscheinung, der „Schein“, immer wichtiger wird, in der für das „Versagen“ kein Platz mehr ist. In der ein Mann ein Rennauto fahren muss, um „am Boden zu bleiben“. Von Unterschied zwischen dem, was man will, und dem, was man meint wollen zu müssen. TWO-LANE BLACKTOP ist natürlich überdeutlich geprägt von seiner Zeit, vom Kater nach dem großen Exzess: Es ist ein Film der Ernüchterung, aber gleichzeitig ebenso frei von der Resignation wie vom Trotz. Die Erkenntnis, die er vermittelt, ist so einfach wie sie radikal ist: Das Leben, das man für richtig hält, muss man leben, ohne Bedauern, ohne Groll, ohne Zorn und ohne jemandem die Schuld an den Umständen zu geben, die einen dazu getrieben haben. „The Driver“ und „The Mechanic“ sie sind einfach, was sie sind. Es gibt keinen Gedanken an ein anderes Leben, nicht einmal die Idee, es könnte anders sein. Warum auch?

Wenn ich eben sagte, dass TWO-LANE BLACKTOP sei ein politischer Film, dann wird ihm das eigentlich nicht gerecht. Denn das, wovon er erzählt, gilt universell. Wenn man beginnt, ihn zu interpretieren, wenn man eine Bedeutung aus seinen Bildern gewinnen will und diese dazu in Begriffe übersetzt, dann ist das Wichtigste schon verloren. TWO-LANE BLACKTOP ist kein Thesenfilm, er ist nicht bloß die nachgeordnete Bebilderung vorformulierter Gedanken und Überzeugungen. Er ist sein eigener Text und seine Bedeutung beginnt und endet mit dem Film selbst. Jeder Versuch, ihn zu fassen, kann nur eine Annäherung an das sein, was Monte Hellman geschaffen hat. Dieser Film bedeutet alles auf einmal, weil er gleichzeitig sein eigenes Gegenteil enthält. Er ist tieftraurig und hoffnungsfroh. Humorvoll und todernst. Einfach und komplex. Ein Film über Autorennen, der nichts mit Autorennen zu tun hat. Ein Film über Individuen und Gemeinschaften, über das Bemühen das Unüberbrückbare zu überbrücken. Über die Geschwindigkeit und den Stillstand. Über das Festhalten und das Loslassen. Über die Zeit, die man gewinnt und doch verliert. Über das wortreiche Schweigen und leere Worte. TWO-LANE BLACKTOP ist ein Film über das Leben. So einfach ist das (nicht).

 

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Schöner Text über einen tollen Film.Oder umgekehrt.
    Habe den vor Jahren meinem Bruder an´s Herz gelegt.Als der mich dann fragte,worum es in dem Film denn
    ginge,habe ich wohl irgendwie genervt geantwortet : Um alles,und um nichts.
    Das stimmt natürlich nicht,ist aber seitdem so eine art Running Gag geworden wenn wir über Filme sprechen
    deren besonderen Reiz,man schwer in Worte fassen kann.Ich habe über die Jahre auch einiges über Hellmans
    Meisterwerk gelesen.Vielem konnte ich zustimmen,einigem nicht. Der Film lässt ja durchaus raum für
    unterschiedliche Interpretationen,und entfaltet seinen vollen Reichtum,erst nach wiederholter Sichtung.

    • Oliver sagt:

      Danke!

      Ich hatte auch sofort Lust, den Film noch einmal zu schauen, weil man sich erst etwas in ihn einfinden muss. Bin gespannt, was die nächste Sichtung noch birgt. Die Beschreibung, er handele von allem und nichts, finde ich sehr treffend.

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