vanishing point (richard c. sarafian, großbritannien/usa 1971)

Veröffentlicht: September 6, 2012 in Film
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Kowalski (Barry Newman), ein Ex-Cop und Ex-Rennfahrer, soll einen Dodge Challenger innerhalb von drei Tagen von Denver nach San Francisco überführen. Doch bevor er losfährt, schließt er eine Wette ab: Er will die knapp 2.000 Kilometer in 15 Stunden schaffen. Mit seiner Fahrweise ruft er schon bald die Polizei auf den Plan: Es beginnt eine spektakuläre Verfolgungsjagd, die Kowalski mitten in die Wüste führt. Währenddessen wird er dank des Engagement des blinden Radio-DJs Super Soul (Cleavon Little) zum Volkshelden …

VANISHING POINT, neben TWO-LANE BLACKTOP der andere große Rennauto-zentrierte Kultfilm des Jahres 1971, hatte ein bisschen darunter zu leiden, dass ich ihn unmittelbar nach Monte Hellmans Film gesehen habe. Beide Filme haben ein ähnliches Thema bzw. eröffnen ein ähnliches Assoziationsfeld, doch während Hellman das tief in der Exploitation verwurzelte Car-Chase-Genre für TWO-LANE BLACKTOP von jeglichem Spektakel befreit, es bis auf seinen nackten existenzialistischen Kern entkleidet und ihm so einen weit über seinen konkreten historischen Rahmen hinaus Bedeutung verleiht, verpflichtet sich Sarafian ganz und gar dem befreienden Geschwindigkeitsrausch. Nach einer kurzen zweckmäßigen Exposition begibt er sich zusammen mit seinem Protagonisten in dessen Wagen und lässt ihn das Gaspedal ohne Rücksicht auf Verluste durchtreten. Gut eine Stunde lang widmet er sich ganz der crashlastigen Verfolgungsjagd, die nur von den kurzen Ausflügen in die Radiostation unterbrochen wird, in der Super Soul die Rolle von Kowalskis spirituellem Führer annimmt und mit seinen Berichten das Volk hinter dem tollkühnen Fahrer versammelt (das dürfte eine Inspiration für Walter Hills THE WARRIORS gewesen sein). Dann schickt er den Fahrer in die Wüste und die Introspektion: Es wird klar, dass dieses Rennen eine Flucht vor dem eigenen Selbst ist – und dass sie kein triumphales Ende nehmen wird. Zumindest nicht das, das sich seine Fans erhoffen, die in Kowalskis Kampf gegen die Polizei den ihren gespiegelt sehen.

VANISHING POINT verdankt seinen Ruf vor allem seinen haarsträubenden Highspeed-Stunts und der Reduktion auf das Motiv der Verfolgungsjagd. Der ist verdient, überträgt Sarafian den Geschwindigkeitsrausch doch ungebrochen auf den Zuschauer, findet mithilfe seines Kameramanns John A. Alonzo tolle Bilder, die die unendliche Weite und Leere des amerikanischen Westens eindrucksvoll einfangen. Der Abgesang auf die Träume der Hippiezeit hingegen wirkt im direkten Vergleich mit Hellmans Meisterwerk naiv und vor allem seltsam redundant. Es scheint, als habe Sarafian seinen doch sehr eindeutigen Bildern nicht vertraut: Alles, was er an Plot und Narration sonst noch ins Rennen wirft, ist eigentlich überflüssig und verwässert seinen Film, der diese Beigaben nicht wirklich gebraucht hätte. Die Flashbacks, die die Vergangenheit Kowalskis erhellen sollen, erreichen genau das Gegenteil, sie trüben die doch eigentlich glasklare Figur. Und für die Utopie, dass da ein Verkehrsrowdie zum Hoffnungsträger des Volkes wird, ist es 1971 eigentlich auch schon zu spät. Natürlich lässt Sarafian diese Utopie am Ende knallhart platzen und in Flammen aufgehen, aber wenn man sich den im selben Jahr entstandenen TWO-LANE BLACKTOP ansieht, wundert man sich trotzdem darüber, dass dieser Weckruf offensichtlich noch nötig war. Vielleicht erklärt man den Unterschied zwischen VANISHING POINT und Hellmans Film am besten so: Während Sarafian der krachenden Exploitation im Kern verpflichtet blieb, einen Film für das Publikum, für die Masse drehte, da warf Hellman seinen Blick auf Amerika aus der Perspektive eines Außenseiters. Deshalb ist TWO-LANE BLACKTOP ein künstlerisch und intellektuell hochstehendes Werk, das sich keinem bestimmten Publikum andienen wollte und musste, VANISHING POINT hingegen „nur“ technisch herausragende Bedürfnisbefriedigung mit einem Quäntchen Anspruch, aber ohne neue Erkenntnisse. Es tut mir ein bisschen Leid, dass ich diese beiden Filme unmittelbar hintereinander geschaut habe. VANISHING POINT musste aus diesem Vergleich als Verlierer hervorgehen.

 

Kommentare
  1. Frank sagt:

    Naivität ist nicht dumm, und kann mitunter verflucht sexy daher kommen!

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