freebie and the bean (richard rush, usa 1974)

Veröffentlicht: September 7, 2012 in Film
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Seit über einem Jahr versuchen die beiden Polizisten „Freebie“ (James Caan) und sein hispanischer Partner „The Bean“ (Alan Arkin) dem Gangsterboss Red Meyers (Jack Kruschen) etwas nachzuweisen. Als sie endlich einen Beweis in seinem Hausmüll finden, fehlt ihnen nur noch der nötige Belastungszeuge. Doch der ist bis Montag nicht in der Stadt und just an jenem Tag soll Meyers von einem Killer erschossen werden. Um ihre Ermittlungen doch noch zu einem guten Ende zu bringen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als als Bodyguards für Meyers zu fungieren …

Hossa! Wer ein wenig mit Rushs Werk vertraut ist, der weiß, dass der Mann für Durchschnittskram eher nicht zu haben war. Sein THE STUNT MAN dürfte zu den eigenartigsten Filmen zählen, die je in Hollywood entstanden sind (nach diesem Film dauerte es satte 15 Jahre, bis Rush wieder auf dem Regiestuhl Platz nehmen durfte: für COLOR OF NIGHT!) und FREEBIE AND THE BEAN, der im Gewand einer Krimikomödie daherkommt, steht dem kaum nach. Zwischen all den toughen oder ausgebrannten Cops, die den Polizeifilm in den Siebzigerjahren in erster Linie bevölkern, nehmen sich Freebie und Bean aus wie Paradiesvögel: Freebie ein typisch amerikanisches, raubeiniges Großmaul, dessen weicher Kern lediglich beim Abendessen mit der Geliebten mal zum Vorschein kommt, The Bean der straight man, den es braucht, um Freebie zu erden, ein immer irgendwie leidend wirkender, trauriger Clown im Billiganzug, bilden die beiden ein explosives, immer im Clinch liegendes Gespann, das keinen dritten (oder vierten) Mann mehr braucht, um als moderne Variante der Marx Brothers oder der drei Stooges durchzugehen. Es ist auch ein Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Welt, ihre schmerzhaft-komische Imperfektion, die Freebie und The Bean selbst immer wieder hautnah erleben, dass sie beide noch ihrem Beruf nachgehen dürfen und nicht längst in hohem Bogen rausgeschmissen worden sind.

Zwar sind ihre übersichtlichen Erfolge nicht nur ein Zufallsprodukt ihres gemeinsamen Rapports, die beiden sind auch nicht schreiend inkompetent wie etwa ihre Kollegen aus der POLICE ACADEMY, dennoch scheinen sie von einem humorvollen und schadenfrohen Gott geschickt worden zu sein, um die im System eh schon vorhandenen Fehler noch zu verstärken. Oder als sei der Polizeidienst umgekehrt nur erfunden worden, um ihnen eine Beschäftigung zu geben, in der sie ihr anarchisch-zersetzerisches Potenzial am besten entfalten können. Und bei dem Chaos – das sie anrichten, in dem sie sich selbst befinden – ist es ein Wunder, dass Rushs Film nicht selbst davon in Mitleidenschaft gezogen wird. So wie seine beiden Helden die Maske der Gesellschaftsfähigkeit aufrecht zu halten bemüht sind, gelingt es auch Rush auf geradezu wundersame Weise, einen Eindruck von Kohärenz zu vermitteln. Bei allem Wahnsinn ist FREEBIE AND THE BEAN doch immer nur ein Stück jenseits der bekannten Normalität, gerade so weit, dass man immer wieder aufgeschreckt wird, wenn die Absurdität wieder besonders heftig einbricht: etwa wenn die beiden mit ihrem Auto von einer Hochstraße abkommen und in das Schlafzimmer eines alten Ehepaares krachen. Der Blick der beiden alten Leute, als sie das Auto mit den beiden Bullen am Fußende ihres Bettes sehen, spiegelt das Gefühl des Zuschauers während des Films wunderbar wider: Die Schluckaufs (-äufe?) der Handlung und die nervösen Tics der Protagonisten sind zwar niemals vorhersehbar, aber so richtig wundern tun sie einen dann auch wieder nicht. Der ganze Film ist ein Paradoxon: Es gibt Dinge, die sind wahrlich zu unwahrscheinlich, als dass sie nicht passieren würden.

FREEBIE AND THE BEAN ist aber keinesfalls ein letztlich doch nur lebloses Experiment, zu dem Zweck, herauszufinden, wie weit man die Mechanismen des Copfilms belasten kann, bis das ganze Konstrukt mit einem Krachen in sich zusammenbricht. Vielmehr feiert Richard Rush die Irrwege des Lebens, seine gottverdammte Tragik, die gleichzeitig Quelle aller Schönheit ist. Das Verhör, dem der glühend eifersüchtige Bean seine Frau unterzieht, um ihren Betrug bloßzustellen, das aber bloß dazu führt, ihn als hoffnungslos verliebten Narren zu entblößen, ist so eine Szene, bei der die Zeit stehenbleibt, man erkennt, dass die vermeintlichen Clowns Menschen aus Fleisch und Blut sind und man ihnen gar nicht so unähnlich ist. Das zunächst tieftraurige Ende, das anscheinend einen harten Bruch im Ton des Films markiert, ist eine weitere dieser Szenen: Hier entwickelt der Film plötzlich eine Emotionalität, die eine ganz neue Perspektive auf die Vorgänge eröffnet. FREEBIE AND THE BEAN ist natürlich auch zum Schreien komisch: Mein Favorit ist sicherlich die Szene, in der die beiden für ihre Verfehlungen vom wutschnaubenden Staatsanwalt (Alex Rocco) förmlich in der Luft zerrissen werden und die beiden sich in stammelnde Kinder verwandeln, die beim Süßigkeitenklau erwischt worden sind. Wer dachte, James Caan könne nur wortkarge Badasses, sollte sich hier eines Besseren belehren lassen. Und wer nicht wusste, was für ein begnadeter Komiker Alan Arkin ist, findet hier geeignetes Anschuungsmaterial. FREEBIE AND THE BEAN ist eine Wundertüte: Witzig, traurig, geistreich, rasant, einfach und kompliziert zugleich. Große Kunst, großes Entertainment. Und dabei auch noch wunderschön anzusehen. Begeisterung.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Einer meiner absoluten Favoriten.Immer nah an der Grenze zum Wahnsinn.Allein die Idee Alan Arkin als Latino
    zu besetzen ist schräg wie sonst was,funktioniert aber irgendwie.
    Eine tolle Mischung aus Humor,Härte und Politischer Inkorrektheit.
    Das müsste doch eigentlich was für Koch Media sein.

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