the fast and the furious: tokyo drift (justin lin, usa 2006)

Veröffentlicht: September 11, 2012 in Film
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Sean Boswell (Lucas Black) steht vor einer Jugendstrafe, nachdem er zum wiederholten Mal wegen „reckless driving“ aufgefallen ist. Statt im Knast landet er als letzte Erziehungsmaßnahme bei seinem Vater in Tokio, wo er endlich lernen soll, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Doch schon am ersten Schultag wird er vom Amerikaner Twinkie (Bow Wow) in die Welt der illegalen Straßenrennen eingeführt. Diese Welt regiert DK (Brian Tee), der „Drift King“, Neffe des örtlichen Yakuza-Bosses (Sonny Chiba) und wie sein Name sagt Meister der unter den jugendlichen Rennfahrern präferierten Technik des Driftens. Der von Natur aus aufmüpfige Sean gerät schnell mit DK aneinander und spannt dem Japaner zu allem Überfluss auch noch die Freundin Neela (Nathalie Kelley) aus. Die Eskalation des Streits mündet schließlich in eine heiße Verfolgungsjagd durch das nächtliche Tokio, bei der Seans Mentor Han (Sung Kang) sein Leben verliert …

Regisseur Justin Lin schmeißt in seinem dritten Teil auch noch jene nur in Spurenelementen vorhandenen Copfilm-Einflüsse über Bord, die sich Singleton in seinem zweiten Teil noch nicht ganz verkneifen konnte, und verpasst dem PS-geilen Franchise einen Paintjob, der Wunder wirkt. Make no mistakes: Auch THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT verblüfft den Normalsterblichen mit dem PS-Fetischismus, den anscheinend unerschöpflichen finanziellen Möglichkeiten seiner Protagonisten, ihrer sich in – haha, Wortspiel! – halsbrecherisch-selbstmörderischer Auto-Aggression niederschlagenden sexuellen Frustration und ihrer frappierenden Einfalt und Eindimensionalität. Schon in der Auftaktsequenz begnügen sich Sean und sein Rivale nicht mehr damit, sich zu beleidigen oder meinetwegen zu prügeln, wie das normale Jugendliche zu tun pflegen, nein, sie treten wegen einer Nichtigkeit zu einem haarsträubenden Autorennen gegeneinander an, bei dem sie den Tod des Gegenübers genauso billigend in Kauf nehmen wie den eigenen (von der Zerstörung fremden Eigentums mal ganz abgesehen). Das „Preisgeld“ ist in diesem Fall übrigens eine Frau, was mich gleich zum nächsten Punkt führt: Das Geschlechterbild der Reihe ist nämlich zutiefst rätselhaft, mit „sexistisch“ aber wirklich nur sehr unzureichend beschrieben. Zwar haben die Kerle tough und cool zu sein, rhetorische Schlagfertigkeit ist ausdrücklich erwünscht, aber keinesfalls vollwertiger Ersatz für körperliche Potenz, die Frauen demgegenüber gutaussehend, schlank, verführerisch und stets auf der Suche nach dem Typen, der sie an seiner Seite verdient hat, aber trotzdem ist das Machtgefüge zwischen beiden keinesfalls männlich dominiert. Die Frauen beherrschen im Gegenteil die Beziehungen zwischen den Figuren und dürfen sich immer wieder auch an dem konventionellerweise eigentlich dem Mann zugedachten Platz hinter dem Lenkrad behaupten. Die ganze Reihe zeigt eine vollkommen orientierungslose, außer Rand und Band geratene männliche Spezies, die von den Frauen unauffällig, aber unleugbar an der Leine geführt wird.

Im Gewand des Teeniefilms, das Justin Lin der Reihe verpasst, kommen all diese Elemente noch deutlicher zum Tragen: Die aufgemotzten Karossen, das Prahlen mit der Leistung des eigenen Gefährts, das stetige Nachrüsten, die entfesselten Rasereien und die bis zu letzten Konsequenz geführten Rennen sind letztlich Bilder für jene postpubertäre männliche Orientierungslosigkeit, in der es in THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT an vorderster Stelle geht. Wem würde man das leichtsinnige Schrotten eines Autos verzeihen, wenn nicht einem Jungen? Auch das vielsagend betitelte Driften, die Fahrspezialität, die als Element der Handlung etwas überstrapaziert wird, lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen. Es ist einer der poetischsten Momente des Films, wenn Neela und Sean mit ihrem Wagen als Teil eines ganzen Korsos eine vom Mond beschienene Bergstraße entlangdriften, sich Kontrollverlust und Kontrolle im Gleiten ihres Autos durch die Serpentinen die Hand geben. Sich den Kräften ausliefern und trotzdem ans Ziel kommen: Wenn Han seinem Freund Sean irgendwann auf den Weg gibt, das Leben bedeute, dass man Entscheidungen trifft, die später zu bereuen Zeitverschwendung sei, ist das weitaus weniger elegant als dieses traumgleiche Bild der wie Kaulquappen ihrr Bestimmung entgegenschlitternden Autos.

Mehr als seinen beiden Vorgängern gelingt es Lin also eine Märchenwelt aufzubauen, in der die bekannten Absurditäten als absichtliche Übertreibungen endlich Sinn ergeben. Als Sean mit höllischer Geschwindigkeit durch eine Radarkontrolle rauscht, verblüfft feststellt, dass die Polizei ihm nicht folgt, und Han ihm erklärt, dass die Autos der Tokioter Polizei zu langsam seien, als dass sie sich auf eine Verfolgungsjagd einließen, ist das nur am Rande eine Erklärung, um ein Logikloch zu schließen. Vielmehr ist es ein weiteres wichiges Detail um jene Märchenwelt aus aus dem Boden zu stampfen. Das Tokyo des Films ist ein Spielplatz der Jugend. Der Ort, an dem all die inneren Konflikte an die Oberfläche treten, sich die Verlockungen der Welt in den bunten Neonlichtern spiegeln, die Sehnsucht in den Menschenmassen, die noch mitten in der Nacht die Straßen bevölkern. Ein Schlaraffenland der Gehetzten, Getriebenen und Rastlosen. Es ist der Ort, an den Jungs geschickt werden, um Männer zu werden, an dem sie aber stattdessen lernen, wie man als Mann ein Junge bleiben kann.

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Kommentare
  1. […] natürlich ohne sich darauf zu beschränken. er hat auch die weiteren teile 2 fast, 2 furious und the fast and the furious: tokyo drift besprochen. zu der anmerkung seinerseits, dass letzterer eine von den frauen über die ressource […]

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