tropa de elite (josé padilha, brasilien/argentinien/usa 2007)

Veröffentlicht: Oktober 7, 2012 in Film
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Rio de Janeiro: Captain Nascimento (Wagner Moura) ist Mitglied der Polizei-Spezialeinheit BOPE, einer Einheit, die sich mit brutaler Härte dem Kampf gegen die Drogenkriminialität in den Favelas und der polizeiinternen Korruption entgegenstellt. Als Nascimentos Frau schwanger wird, will er aussteigen, doch dazu muss er erst einen Nachfolger finden. Geeignete Kandidaten scheinen die Polizeineulinge Neto (Caio Junqueira) und Matias (André Ramiro) und tatsächlich überstehen sie die ersten Stufen des knallharten, menschenverachtenden Trainingscamps. Doch dann gibt es Probleme: Neto entpuppt sich als blutgieriger, selbstmörderischer Draufgänger und Matias hat persönliche Kontakte zu den Menschen, gegen die er vorgehen soll …

Auch wenn die Favelas der brasilianischen Metropole ein exotisches und „neues“ Setting darstellen: TROPA DE ELITE ist ein klassischer Polizeifilm, dessen einzelnen Diskurse aus US-amerikanischen Genrevertretern bekannt sind. Da sind der Cop dessen Psyche und Privatleben unter der Last seines Berufes zerbricht, der aber keinen Ausweg findet; die Erkenntnis, dass der Polizist nicht mehr zur „normalen“ Zivilgesellschaft dazugehört, dass er auch in seinem Privatleben immer Polizist ist; die Gratwanderung zwischen der Wahrung der gesellschaftlichen Ordnung und der Installierung einer Terrorherrschaft, die dem Cop nicht mehr gelingen mag; schließlich der Eindruck, dass sich die Gesellschaft im freien Fall Richtung Anarchie befindet, dem sich der Polizist entgegenstellen muss und dabei Leben und Gesundheit riskiert, ohne dass es ihm gedankt wird. Auch dass der Protagonist, der Erzähler des Films dazu, kein moderner Serpico ist, der das System von innen heraus verändern will, sondern ein überzeugter und loyaler Diener, markiert nicht die Sonderstellung des Films. Was TROPA DE ELITE zu etwas Besonderem macht, ist, dass seine strukturelle Parteilichkeit eine Finte ist: Padilha klagt nicht die Polizei an, sondern das System, das Menschen bricht, um sie zu willigen Vollstreckern zu machen; sie in einen Kampf zu werfen, der so nicht gewonnen werden kann, der nur dazu geeignet ist, auf beiden Seiten Leichenberge zu produzieren. Er sympathisiert durchaus mit den Polizisten, die ihren Job mit guten Vorsätzen antreten, sich Illusionen darüber machen, wirklich etwas zumPositiven verändern zu können und plötzlich erkennen müssen, dass das gar nicht erwünscht ist. Die ihr Leben riskieren, tagtäglich mit Tod und Gewalt konfrontiert werden, aber ständig als Prügelknabe herhalten müssen. Der Film istauch  ein Weckruf an jene Kräfte, die das Böse ausschließlich auf Seite der Polizei verorten, die nicht erkennen, dass auf beiden Seiten Opfer produziert werden, die das Verbrechen romantisieren und aus der Position der Sicherheit und Distanz ihr wohlfeiles Urteil fällen, während Männer wie Nascimento in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen müssen, die über Leben und Tod entscheiden. Dieser Grad an Differenzierung ist umso bemerkenswerter, als Regisseur Padilha als Student der Wirtschafts- und Politikwissenschaften selbst dem intellektuellen linken Flügel zuzurechnen ist, der hier mehrfach sein Fett wegbekommt.

Doch obwohl TROPA DE ELITE durch analytische Schärfe besticht, wirkt er unmittelbar und emotional: Wagner Moura ist brillant als Nascimento, stattet seinen Charakter mit einer Körpersprache aus, an der man das enorme Gewicht, das auf seinen Schultern lastet, ablesen kann. Auch wenn ihn eine tiefe Müdigkeit umklammert, funktioniert er wie eine Maschine. Im Eifer des Gefechts brennt er vor Energie, nur um danach in sich zusammenzusacken. Wie er zu diesem Menschen werden konnte, wird klar, wenn sich Padilho der Ausbildung der BOPE-Soldaten zuwendet. So wie Nascimento hier die Kandidaten demütigt, quält, ihnen Schmerzen zufügt und sie beleidigt, so wurde auch er gedemütigt, gequält, verletzt und beleidigt. Das kann, ja das soll nicht ohne Spuren an einem Menschen vorübergehen. Und wenn man die Einsätze verfolgt, die das Sonderkommando absolviert, dann erschließt sich der Zweck dieser Ausbildung sofort. Das ist die eigentliche Tragik von TROPA DE ELITE: Die Welt, so wie sie sich darstellt, braucht diese Männer. Sie sind auch nur Opfer im Krieg gegen das Verbrechen, den zu beenden an ganz anderer Stelle angesetzt werden müsste.

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