the white buffalo (j. lee thompson, usa 1977)

Veröffentlicht: Oktober 9, 2012 in Film
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Jahre, nachdem sich Revolverheld und Westernlegende Wild Bill Hickock (Charles Bronson) mit allen überworfen hat, kehrt er unter dem Namen James Otis zurück zu alter Wirkungsstätte. Ihn treibt ein wiederkehrender Albtraum, in dem ihn ein riesiger, weißer Büffel attackiert. Zwar soll das letzte Exemplar dieser Spezies unlängst erlegt worden sein, doch Bill glaubt nicht daran. Der Bericht seines alten Kumpels Chalrie Zane (Jack Warden) gibt ihm Recht. Auf dem Weg in das Gebiet der Sioux begegnet ihnen auch deren Häuptling Crazy Horse (Will Sampson): Weil der Büffel seinen Sohn getötet hat, befindet er sich auf dem Rachefeldzug, um seine Ehre wiederherzustellen und den Geist seines Sohnes zu befreien …

Der zweite von neun Filmen, die Thompson mit Bronson drehte (der erste war ST. IVES im Jahr zuvor) und der letzte eines Drei-Film-Deals den Bronson mit für De Laurentiis abgeschlossen hatte (nach THE STONE KILLER und VALDEZ, IL MEZZOSANGUE) ist ein sehr ungewöhnlicher Hybrid aus melancholischem Spätwestern, Tierhorror-, Fantasy- und Mystery-Film, angereichert mit stark parabelhaften Zügen und geprägt von einer traumgleichen, irrealen Atmosphäre. Der Film beginnt mit einer – zunächst nicht als solcher zu erkennenden – Traumsequenz: Zur fragilen, tieftraurigen Musik John Barrys gleitet die Kamera durch eine Schneelandschaft, die unschwer als Studiosetting zu identifizieren ist, bis sie den titelgebenden weißen Büffel erblickt. In dem Moment, in dem der Büffel eine massive Schneewand durchbricht, wird die Sequenz jäh von den Pistoleschüssen des soeben aus seinem Traum hochschreckenden Protagonisten beendet. Wenig später begegnet der Zuschauer dem Büffel wieder, als er – nun in einer weniger entrückten, aber erneut in Studiosettings realisierten Szene – eine Indianersiedlung überfällt und dabei zahlreiche Krieger tötet. Es bleibt für lange Zeit der letzte Auftritt des Tiers.

Thompson wendet sich stattdessen seiner Hauptfigur zu: Bronson spielt die Westernlegende Hickock als Mann, der keine Ziele mehr hat, nur noch eine Sache erledigen will, um sich dann ganz auf das Älterwerden und Sterbenmüssen konzentrieren zu können. Dass er mit seiner Rückkehr Dutzende alter Feinde provoziert und sein Leben riskiert, ist ihm egal. Er muss den weißen Büffel erlegen, der ihm den Schlaf und den Verstand raubt. Die Referenz zu Melvilles „Moby Dick“, die Verwandtschaft zwischen Hickock und Ahab ist natürlich unverkennbar: Doch Hickock wird nicht von einer blinden Besessenheit getrieben. Er weiß ganz genau, dass es um seine eigene Sterblichkeit geht. Die Anzeichen des Todes durchziehen den Film und werden von Hickock selbst als solche erkannt: Eine Sonnenbrille macht sein Gesicht zur Totenmaske, der Zug fährt an einem riesigen Berg von Büffelknochen vorbei, eine Geschlechtskrankheit hindert ihn daran, mit seiner alten Flamme Poker Jenny (Kim Novak) in die Kiste zu hüpfen. Und wenn er über sein Ziel spricht, dann gibt er freimütig zu, Angst zu haben, vor der Gefahr, die auf ihn lauert, vor dem Tod, den er im Duell nicht besiegen kann.

Diese Introspektion ist typisch für den melancholischen Spätwestern, in dem die schießfreudigen Haudegen von einst erkennen müssen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Erkennend, dass sie viel Schuld auf sich geladen haben, versuchen sie ihre Bilanz etwas aufzubessern, sich einmal für die richtige Sache einzusetzen, für etwas Gutes zu sterben. Hickocks Mission, den Büffel zu töten, tritt deshalb auch bald in den Hintergrund, und macht einer langsam heranreifenden Freundschaft mit dem Indianerhäuptling Platz. Kurz zuvor hatte er gegenüber seinem Freund Charlie noch den Satz zitiert, dass ein guter Indianer immer ein toter Indianer sei, am Schluss, verprellt er ihn damit, dass er dem vermeintlich „Wilden“ die Hand reicht. Doch was in Jahrzehnten der Intoleranz und des Tötens zerstört worden ist, kann nicht in wenigen Tagen rückgängig gemacht werden: Jetzt verabschieden sie sich als Freunde, aber wenn sie sich wiederbegegnen, werden sie Feinde sein wie zuvor. Und so stellt sich am Ende die Frage, ob sich überhaupt etwas verändert hat: Der Büffel ist tot, aber ob dieser Tod die erwartete Befreiung für Hickock bringt? Die Musik John Barrys spricht da eine andere Sprache.

THE WHITE BUFFALO setzt sich mit seiner eigenartigen Mischung zwischen alle Stühle und es ist nicht ganz klar, ob die Aporie, die er am Ende erreicht, nicht nur das Ergebnis der Verbindung unvereinbarer Elemente ist. Nichts wird wirklich befriedigend zu Ende gebracht, aber gerade das scheint mir hier der Punkt zu sein: Der Wunsch, einem verpfuschten Leben am Ende einen Sinn zu verleihen, kann nicht erfüllt werden. Man muss mit seinen Fehlern und Vergehen leben – und sterben – lernen. Neben dem erwähnten Score Barrys sticht die visuelle Gestaltung des Films heraus, der betont künstliche Elemente – die dann sehr lebendig wirken – mit der winterlichen Tristesse der Landschaftsaufnahmen verbindet, die die resignative Stimmung des Films unterstreichen. Die Auftritte des Büffels, eines mechanischen, aber dabei recht überzeugend getricksten Tieres bleiben besonders positiv im Gedächtnis. Zudem hat sich eine Vielzahl bekannter Gesichter für Kleinstauftritte versammelt: Neben den genannten kann man Slim Pickens, Stuart Whitman, Ed Lauter und John Carradine bewundern. Die deutsche Synchro verzerrt den Ton des Films enorm: Charles Bronson wird von Arnold Marquis im Stile von dessen Bud-Spencer-Vertonungen gesprochen, seine Introvertiertheit erhält dadurch etwas Flapsiges. Und der Name „Hickock“ wird beständig „High-Cock“ ausgesprochen. Na denn man tau.

Kommentare
  1. Ekkard Bäuerle sagt:

    Wunderschöner Winterwestern!

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