fluchtweg st. pauli – großalarm für die davidswache (wolfgang staudte, deutschland 1971)

Veröffentlicht: Oktober 29, 2012 in Film
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Der Bankräuber Willi Jensen (Horst Frank) bricht aus dem Gefängnis aus, um seine versteckte Beute einzustreichen und sich abzusetzen. Doch das Geld ist für immer verloren. Weil die Polizei ihm natürlich längst auf der Spur ist, muss er nun anderweitig das Geld für die Flucht auftreiben. In die sich anschließenden Machenschaften zieht er auch seinen Bruder, den arglosen Taxifahrer Heinz (Heinz Reincke) mit hinein, der mittlerweile mit Willis Frau Vera (Christiane Krüger) liiert ist. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich gegen seinen Bruder zu wehren …

Anders als beim zuvor gesehenen WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN wird hier eine sehr straighte Crime-Story erzählt. Trotzdem gibt es natürlich genug Einblicke in das Rotlichtmilieu und das kumpelige Miteinander von Polizei und Bürger, die in St. Pauli in erster Linie auf ein gutes Auskommen miteinander bedacht sind. Und dieses Gesellschaftsbild wäre nicht komplett, wenn es nicht auch wieder den reichen Bonzen gäbe, dem Menscheneben völlig egal sind. Was FLUCHTWEG ST. PAULI jedoch auszeichnet, ist sein kongenialer Drehbuch-Clou, die beiden unterschiedlichen Brüder Heinz und Willi einander gegenüberzustellen. Der Krimiplot bekommt so eine emotionale Durchschlagskraft und Dynamik, die ihm unter anderen Umständen abginge. Schon zu Beginn wird der Kontrast zwischen den beiden Brüdern, der den Film vorantreibt, etabliert und zwar von einem Polizisten, dem Taxifahrer Heinz eine volltrunkene Dame überantwortet. Als er den amüsierten Heinz mit der Erklärung entlässt, dass er sich sein ehrlich verdientes Geld am nächsten Tag bei der Dame abholen müsse, kommentiert er dessen Ehrlichkeit gegenüber einem Kollegen folgendermaßen: Der eine raubt Banken aus, der andere ist nimmt noch nicht einmal einer Betrunkenen 20 Mark aus der Tasche, die ihm rechtmäßig zustehen. Ins Zentrum des Films rückt so im weiteren Verlauf des Films immer mehr die Frage, ob sich dieser brave Heinz, der durch das Treiben seines Bruders immer mehr in Schwierigkeiten gerät, endlich einmal zur Wehr setzen wird.

Heinz Reincke, der in diesen St.-Pauli-Filmen sonst immer eher in der Peripherie herumschwirrt, in Vetrtertung des herzlichen Völkchens, das den Stadtteil bevölkert, ist die Idealbesetzung für den Heinz. Niemand kann so herrlich verzweifelt sein Leid klagen oder im Vollsuff herumheulen wie er. Horst Frank ist auch optisch der harte Gegenentwurf zum kleinen Heinz, ganz virile Souveränität und harte Rücksichtslosigkeit. Seinen einen großen emotionalen Moment hat er am Anfang, als er mitansehen muss, wie das Versteck seines Geldes dem Erdboden gleichgemacht wird: Hunderte unerklärliche Emotionen finden gleichzeitig Niederschlag in einem Gesicht, das um Fassung bemüht ist. Der ganze Film ist toll und neben den beiden Hauptdarstellern unbedingt mitverantwortlich dafür ist Klaus Schwarzkopf als Kommissar Knudsen, in dessen Auftreten sich der Professionalismus, den man von US-amerikanischen Filmpolizisten kennt, mit dem Streetworker-Habitus vereint, der in diesen Filmen nicht fehlen darf. Aber einzelne Faktoren hervorzuheben, st eigentlich ungerecht, weil Staudtes Film insgesamt eine echte Schau ist. Ideale Einstiegsdroge für eine glückliche Abhängigkeit vom wunderbaren Subgenre des St.-Pauli-Films, das beweist, dass es mal möglich war, deutsches Genrekino jenseits der Peinlichkeit und des Kopistentums zu machen.

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