angustia (bigas luna, spanien/usa 1987)

Veröffentlicht: November 4, 2012 in Film
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Nur wenige Regisseure haben das Prinzip des Mise en abyme so konsequent umgesetzt wie Bigas Luna mit ANGUSTIA, einem der überzeugendsten Metafilme überhaupt – und nebenbei eine schöne Huldigung an den Horrorfilm im Speziellen und die Kraft des Kinos im Allgemeinen.

ANGUSTIA beginnt seltsam: Eine schriftliche Warnung und ein Voice-over setzen den Betrachter darüber in Kenntnis, dass der folgende Film mit subliminalen Effekten arbeite und tranceartige Zustände auslösen könne. Der Zuschauer sei gewarnt, es werde keinerlei Haftung übernommen. Bei Übelkeit sei geraten, den Film zu verlassen. Es geht danach weiter mit einem mittelalten Herren (Michael Lerner), der offensichtlich unter dem Einfluss seiner zwergenhaften Mutter (Zelda Rubinstein) steht. In ihrem opulent eingerichteten, fast schlossähnlichen Haus haben sie eine Voliére mit Tauben, die Mutter scheint außerdem ein Faible für Weinbergschnecken zu haben. Der Sohn arbeitet als Assistent bei einem Augenarzt, leidet, wie wir erfahren an Diabetes, und muss mit dem kontinuierlichen Verlust seines Augenlichts leben. Dem Wunsch einer panischen Patientin, ihr die neu eingestetzten Kontaktlinsen wieder zu entfernen, weil sie berfürchtet, dass sie ihr die Augen zerschneiden, begegnet er mit vergeblichen Versuchen, die Frau zu beruhigen, ergreift schließlich verunsichert die Flucht, als sie ihm gegenüber grob wird. Zu Hause tröstet ihn die Mutter und unterzieht ihn einer Hypnose. Unter ihrem Einfluss sucht er abends das Haus der Patientin auf, verschafft sich Zugang unter dem Vorwand, er habe ihr die falschen Kontaktlinsen eingesetzt und er wolle ihr nun die richtigen bringen. Er überrumpelt die Frau, ermordet sie und schneidet ihr die Augen heraus, macht dann dasselbe mit ihrem Ehemann. Sorgfältig sammelt er die herausgeschnittenen Augäpfel ein und beginnt sie zu reinigen. Plötzlich zieht das Bild auf …

… und ein Kinosaal rückt ins Bild. Bei der Geschichte um den augensammelnden Serienmörder und seine Mutter handelt es sich um den Film „The Mommy“, den sich zwei miteinander befreundete Teeniemädchen in einem Kino ansehen. Während das eine Mädchen gebannt die weitere Entwiclung auf der Leinwand verfolgt, verschlechtert sich der Zustand des anderen zusehends. Als sich der Killer des Films ausgerechnet in ein Kino begibt, um dort weitere Morde zu verüben, beginnt sie, beeinflusst von der hypnotischen Wirkung des Films, auch in „ihrem“ Kino einen Mörder zu vermuten. Ihre Angst treibt sie schließlich aus dem Vorführsaal ins Foyer, doch anstatt das Kino ganz zu verlassen, sucht sie, von Magenkrämpfen gepeinigt, die Toilette auf. Doch auch dort ist sie nicht allein: Ein Mann hat sich auf die Damentoilette geschlichen. Das kann nur ein Mörder sein! Das Mädchen geht zurück ins Kino und bringt ihre Freundin, halb wahnsinnig vor Angst, dazu, sich nun selbst ein Bild der Lage zu machen. Dieses muss auf der Toilette zu ihrem Entsetzen feststellen, dass ihre Freundin Recht hatte und ein Mörder sein Unwesen treibt: ein Mann, der „The Mommy“ offensichtlich einmal zu oft gesehen hat und dessen Kinoshowdown nun kopiert. Während das andere Mädchen unterdessen im Kinosaal tausend Tode stirbt, gelingt es ihrer Freundin, das Kino zu verlassen und die Polizei zu alarmieren. Es kommt zur Konfrontation vor der Leinwand …

Zunächst einmal muss man sagen, dass das Spiegelprinzip des Films meisterlich umgesetzt wurde. Es ist bis ins Detail perfekt ausgearbeitet, der äußere Rahmen mit den Hypnosesequenzen hält alles zusammen, schafft gewissermaßen die Durchlässigkeit des Spiegels: Sie übertragen die Angst des Mädchens auf den Zuschauer, versetzen ihn seinerseits in die Lage eines Filmsehers, der sich fragen muss, ob das Unheil von der Leinwand in den Zuschauersaal hinabgestiegen ist. Die Kameraführung unterstützt den Eindruck, als Zuschauer Teil des Films – oder: Teil des Publikums des Films – zu sein. Dass ANGUSTIA sein Dasein mittlerweile im Heimkino fristen muss, beeinträchtigt den mit viel Liebe erwirkten Effekt zugegbenermaßen ein wenig: Wie großartig muss es gewesen sein, diesen Film im Kino zu sehen: vor sich die anderen Zuschauer, dahinter die Leinwand, auf der man ein Kinopublikum sieht, dass einen Film über einen Killer in einem Kinosaal schaut. Einen Film, dessen Wirkungsrahmen – wie es bei gutem Kino schließlich sein sollte – auch noch die Rückkehr ins Privatleben miteinbezieht: So wie das traumatisierte Mädchen die Erlebnisse mit in ihr weiteres Leben nimmt, setzt sich die Geschichte von ANGUSTIA im Leben jedes einzelnen Zuschauers als drohende Potenz fort. Die DVD-Sichtung im Wohnzimmer verstellt gewissermaßen den Blick in den unendlichen Abgrund – und auch die auf großer Leinwand sicherlich deutlich beeindruckenden Hypnosesequenzen verpuffen auf dem Fernseher, wirken tatsächlich unagenehm gimmicky.

Dennoch ist der gute Eindruck auch bei dieser – ich glaube mittlerweile dritten – Sichtung intakt geblieben: Bigas Luna immunisiert sich gegen Vorwürfe der Prätentiosität oder der fruchtlosen akademischen Sophisterei, weil er trotz aller Beigaben vor allem einen ziemlich spannenden Schocker vorgelegt hat. Und wie es sich für einen solchen gehört, fallen einem auch nach mehreren Sichtungen immer noch Details auf, die zuvor unbemerkt geblieben waren und belegen, wie sorgfältig hier gearbeitet wurde: Ich musste sehr schmunzeln, als mein Blick auf das im Film aushängende Plakat von „The Mommy“ und den Namen dessen Regisseurs fiel: Sagib Anul …

 

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ah,ich erinnere mich an den.Habe den damals im Kino gesehen,und habe mich selbst und die anderen
    Besucher zwischenzeitlich beobachtet weil natürlich auch im Vorfeld,einiges über die hypnotischen Aspekte
    des Films geschrieben wurde.Ich kann mich nicht mehr an jedes Detail erinnern,weiss aber das bei einem
    gewissen Punkt bei mir leichte kopfscmerzen auftraten.Und auch einige anderen Leute haben sich die Schläfen
    gerieben.Dann in den Szenen mit dem Mörder im Kino hat sich,wirklich ohne Scheiss,fast jeder einmal umgedreht um einen Blick auf seinen Hintermann zu werfen.Das war wirklich Strange.
    Hatte den Titel von dem Film total vergessen.Danke dafür.

    • Oliver sagt:

      Wow, dass du den im Kino gesehen hast, macht mich wirklich neidisch. Kann mir lebhaft vorstellen, was das für ein Erlebnis gewesen sein muss.

  2. […] “Nur wenige Regisseure haben das Prinzip des Mise en abyme so konsequent umgesetzt wie Bigas Luna mit ANGUSTIA, einem der überzeugendsten Metafilme überhaupt – und nebenbei eine schöne Huldigung an den Horrorfilm im Speziellen und die Kraft des Kinos im Allgemeinen.” – Oliver Nöding, Remember it for later […]

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