silent trigger (russell mulcahy, großbritannien/kanada 1996)

Veröffentlicht: November 29, 2012 in Film
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Ein Scharfschütze (Dolph Lundgren) und sein „Spotter“ (Gina Bellman) treffen sich zur Ausführung eines Auftrags im obersten Stockwerk eines noch im Bau befindlichen Hochhauses. Zahlreiche Einsätze haben die beiden bereits gemeinsam erfolgreich absolviert, bis sich beim Schützen eines Tages das Gewissen meldete und er den Finger vom Abzug nahm. Seitdem stehen er und seine Partnerin selbst auf der Abschussliste. Auch diesmal?

Fünf lange Jahre musste Russell Mulcahy nach HIGHLANDER warten, bis er den nächsten Spielfilm inszenieren durfte: Das Epos um die unsterblichen Schwertkämpfer war nämlich zunächst herbe gefloppt, trat seinen Siegeszug erst mit Beginn der Neunzigerjahre an und ließ die Studiobosse dann umso schneller tätig werden. 1991 feierte Mulcahy sein Comeback mit dem umstrittenen Sequel, drehte in den Folgejahren weitere prestigeträchtige Filme mit zunehmend geringerem Erfolg: auf den starken RICOCHET (muss ich auch mal wieder gucken) folgten THE REAL MCCOY und THE SHADOW, die an der Kasse massiv enttäuschten. Die zwangsläufige Folge dieses kommerziellen Versagens war SILENT TRIGGER, eine ungleich kleinere Produktion als die Vorgänger, die in Deutschland gleich auf Video erschien.

Man sieht dem Film den kleineren Rahmen an: Dolph Lundgren – wenn auch ein bekannter Name – war weit weg vom Glamour, den Kim Basinger, Alec Baldwin, Penelope Ann Miller oder Denzel Washington in den vorangegangenen Filmen verkörperten, die Handlung des Films ist auf wenige, meist abgeschlossene Settings beschränkt, die Musik klingt ausgesprochen billig und die wenigen visuellen Effekte lassen erkennen, dass hier mit ganz heißer Nadel und äußerst minderwertiger Wolle gestrickt wurde. Doch man sieht auch, dass mit dem kleineren Budget größere Freiheiten für Mulcahy einhergingen: SILENT TRIGGER ist genau in jenem Maße seltsam und eigenartig, in dem THE SHADOW oder auch RICOCHET stromlinienförmig und „charakterlos“ waren. Vieles erinnert den Betrachter unweigerlich an Mulcahys Debüt RAZORBACK: die herausstechende, mit dem expressiven Einsatz von Beleuchtung an Videoclips erinnernde visuelle Gestaltung, eine mysteriöse und – wie meine Gattin Leena richtig sagte – ominöse Atmosphäre, ungewöhnliche Charaktere und eine gewisse Brüchigkeit der Bilder und der Handlung, die sich nie so ganz entschlüsseln lassen.

Wenn der Scharfschütze und sein Spotter in einer Rückblende zu Beginn von einem verlassenen Kirchturm hinab auf eine Politikerin schießen sollen, etabliert keine einzige Totale die geografische Verbindung von Straße und Kirche. Die beiden Killer agieren in einem Raum, der den konkreten Ereignissen völlig enthoben scheint. Ist das ein Bild für das professionelle Detachment des Killers, das dieser später erwähnt, oder rein logistischen Gründen geschuldet? Wahrscheinlich hat Mulcahy aus der Not eine Tugend gemacht, denn der Schluss des Films korrespondiert mit diesem Kontrast aus Ortlosigkeit und Konkretion: Das Hochhaus, in dem sich die Protagonisten verschanzen, erinnert mit seiner monolithischen Form nicht wenig an einen Schauplatz aus Burtons BATMAN, scheint eher Bild denn tatsächlich existierender Ort. Doch dann tritt der Spotter am Ende auf die Straße und der erste Kamerablick des Films, der vom Haus wegführt, zeigt ganz normales, bewegtes städtisches Leben. Es ist, als habe sie ein Vakuum verlassen, eine Zeitschleife, und erst jetzt gehe das Leben weiter. Und dazu passt dann auch der ganze Film, der im Wesentlichen von der endgültigen Wieder-Mensch-Werdung des Scharfschützen erzählt. Der Turm ist der Ort der letzten Entscheidung, er ist seine Bastion, könnte aber auch sein Mausoleum werden.

Das ist nicht die originellste Prämisse eines Actionfilms, aber SILENT TRIGGER gleicht das durch seine höchst eigenwilligen Regieentscheidungen aus, miit denen Mulcahy selbst ästhetische Mängel noch als formale Kniffe erscheinen lässt: Die grausam unpassende Musik, mit der die bebilderte Title-Sequenz unterlegt ist, entpuppt sich etwa als Musik aus dem Walkman des Protagonisten, die in seinen Traum eingedrungen ist. Und das Finale ist so kitschig, dass es einen fast ebenso zerreißt wie die Kugeln des Killers die Körper seiner Feinde.

 

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