Archiv für November, 2012

Weil sie im Mittelalter die Anführerin eines Satanistenkults auf den Scheiterhaufen gebracht haben, lastet ein Fluch auf den Daninskys. Nur wann er in Kraft tritt, steht in den Sternen. Es trifft dann ein paar hundert Jahre später den braven Waldemar (Paul Naschy): Eine Frau versetzt ihm einen Biss mit einem Wolfsschädel und beim nächsten Vollmond verwandelt sich der Arme in einen Werwolf. Die anderen Dorfbewohner glauben an das Werk eines Irren und Waldemar selbst hat keine Erinnerung an seine nächtlichen Streifzüge …

Ich habe jetzt sehr vereinzelt einige Filme um den armen Wolfsmann Waldemar Daninsky gesehen, ohne einen echten Überblick über die Reihe zu haben. Diesen hier hielt ich aufgrund seiner Story gestern für den ersten, musste mich aber von der IMDb eines Besseren belehren lassen. Naschy war zuvor bereits 5 mal in die pelzige Haut des Gebeutelten geschlüpft, selbst der hier vor einigen Monaten besprochene, pulpige LOS MONSTRUOS DEL TERROR ging diesem noch voraus. Da sage noch mal einer, Reboots seien eine Erfindung der Gegenwart! Zurück zu Aureds Film: Wie eigentlich alle spanischen Horrorfilme jener Zeit, die ich bisher gesehen habe, hat auch EL RETORNO DE WALPURGIS heftige Schlagseite Richtung Melodram: Gegenüber dem traurig dreinblickenden Waldemar (in der deutschen Fassung Wladimir), dessen Liebesglück sich aufgrund eines Fluchs, für dessen Ursache er rein gar nichts kann, nicht erfüllt, der stattdessen zum Mörder wird und keinerlei Aussicht auf Retung hat, tritt das Treiben des Monsters doch ziemlich in den Hintergrund. Paul Naschy ist natürlich super, gerade weil er optisch überhaupt kein Starpotenzial mitbringt und in die Rolle des tragischen Verlierers so noch besser reinpasst, aber ein bisschen langweilig sind diese Filme schon. Man weiß stets von vornherein, was passiert, und der holprige Schnitt verhindert, dass man wirklich eintaucht ins Geschehen: Die Szenenübergänge sind das Äquivalent zum Sprung auf der Schallplatte. Andererseits ist auch EL RETORNO DE WALPURGIS unbedingt liebenswert: Eine gewisse Atmosphäre kann man ihm nicht absprechen, das Wolfs-Make-up finde ich super und eigentlich sogar besser als spätere, weitaus realistischere Varianten, gewisse Unzulänglichkeiten versprühen zentnerweise Charme, etwa das Wölfe hier von Schäferhunden verkörpert werden. Man fährt definitiv besser, wenn man in diesen Film mit der Erwartung einer bestimmten Stimmung und Bildwelt geht, als mit der Hoffnung auf spannende Unterhaltung.

Dr. Elson Po (James Hong) ist berühmt für seinen exquisiten Wein, der auf Auktionen schon einmal fünfstellige Beträge einbringt. Sein Erfolgsgeheimnis hängt eng mit einem anderen, deutlich spektakuläreren zusammen: Po ist tatsächlich mehrere 100 Jahre alt, denn er hat das Geheimnis des ewigen Lebens entdeckt. Doch die Kraft seines Zaubertranks, dessen wichtigste Zutat Menschen sind, lässt nach. Also lädt er ein Filmteam auf seine Insel ein, um neuen Rohstoff zu bekommen. Und die hübsche Schauspielerin Jezebel (Karen Witter) scheint als Menschenopfer die Lösung all seiner Probleme …

Regisseur und Hauptdarsteller James Hong ist einer jener Hollywood-Darsteller, die auf ewig dazu verdammt sind, die immergleichen Nebenrollen zu bekleiden. In unzähligen Filmen gibt er den asiatischen Papa, den weisen Kung-Fu-Meister, den Besitzer des chinesischen Lebensmittelladens/Restaurants oder auch mal den Yakuza-Chef. Trotz stets verlässlicher Leistung brauchte er sich innerhalb des Studiosystems keine Hoffnungen darauf zu machen, jemals eine Hauptrolle zu bekommen. Um das zu ändern, musste er erst selbst auf den Regiestuhl klettern. Aber statt sich selbst zum Protagonisten eines großen Dramas zu machen, besetzte er sich als Schurken in diesem Heuler, bei dem ich nicht so recht weiß, ob er Beleg für den großen Humor oder die inszenatorische Einfalt Hongs ist.

THE VINEYARD fängt viel versprechend mit einer Sexszene zwischen Hongs Po (höhö) und einer gut 25 Jahre jüngeren Darstellerin an und macht auf diesem Niveau erst einmal weiter. Die Opferschar wird von grotesk untalentierten Achtzigerjahre-Hackfressen gegeben – einer sieht aus wie Schlagerfuzzi Andy Borg als Aerobic-Lehrer, der natürlich schwule deutsche Filmproduzent wird gespielt vom deutschen Star-Friseur Karl-Heinz Teuber und der „Held“ ist ein asiatischer Streber mit Riesenbrille, der lieber Bücher liest, anstatt die willigen Bimbos anzugraben –, Po unterhält in seinem Haus einen „dungeon“, in dem verschwitzte Weiber sich mit zerrissenen Kleidern in Ketten winden, er hat eine Armee von geistig minderbemittelten Bodyguards und zwischen seinen Weinreben halten Zombies ein Mittagsschläfchen. Das alles verspricht herrlich bunten Trash und zum Teil liefert Hong auch genau das. Was stutzig macht, das sind die Momente, in denen sich die Gelegenheit böte, auch an der Splatterfront auf die Kunstblut-Tube zu drücken: Hier kneift Hong und es stellt sich die Frage, ob technische Limitierungen dazu führten oder nicht doch Unwille. So wie THE VINEYARD im letzten Drittel verläuft, erhärtet sich der Verdacht, dass Hong womöglich wirklich glaubte, einen spannenden Gruselfilm zu drehen, jedenfalls weiß er den Blödheiten der ersten Stunde nichts mehr hinzuzufügen. Sehr, sehr schade, denn nach einer halben Stunde hatte ich wirklich die Hoffnung, hier einen bislang unbeachtet gebliebenen Partyfilm geborgen zu haben. Lustig ist THE VINEYARD trotzdem und irgendwie sehr putzig in seiner unverstellten Unbeholfenheit – aber am Ende leider eben auch ein bisschen langweilig.

Nach einem missglückten Selbstmordversuch landet ein namenloser, junger Mann (Zeljko Ivanek) als „John Doe 83“ in einer Heilanstalt und dort in der Obhut der Psychologin Dr. Gail Farmer (Kathryn Harrold). Sie entwickelt schnell Sympathien für den stillen, tief verletzt wirkenden Patienten. Und dieser wohl auch an ihr, denn eines Abends beobachtet sie ihn, wie er eine Halskette aus ihrer Wohnung entwendet. Doch alles entpuppt sich als Einbildung der Ärztin: John Doe sendet der Frau telepathische Botschaften und Bilder, die sie fieberhaft zu entschlüsseln versucht. Unterdessen kommen ihrem Vorgesetzten Dr. Denman (Paul Freeman) langsam Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit …

Die frühen Achtziger waren wohl eine gute Zeit für Horrorfilme mit Telepathie-Bezug: CARRIE lag noch nicht allzu weit zurück, moderne Klassiker wie De Palmas THE FURY und Cronenbergs SCANNERS entstanden, THE DEAD ZONE sollte bald folgen, ein paar weitere habe ich jetzt wahrscheinlich unterschlagen und mit Roger Christian lieferte ein Newcomer ein doch recht ansehnliches Derivat zum Minitrend ab. Formal ist THE SENDER sehr überzeugend, braucht den Vergleich mit genannten Meisterwerken nicht zu scheuen, auch wenn er an diese logischerweise nicht heranreicht: ruhig und geduldig inszeniert, schön fotografiert, mit einem traurigen, getragenen Score von Trevor Jones und einer guten Leistung des Hauptdarstellers, der den brütenden, schweigenden Sonderling gibt, ohne damit Aggressionen beim Zuschauer auszulösen. Auch die Effektszenen verfehlen ihre Wirkung nicht: Christian setzt nicht allein auf grelle Vordergründigkeit, vielmehr unterstreichen diese Szenen den unheimlichen Charakter des Films, seine deprimierende, hoffnungslose Stimmung. Sie bewahren das Geheimnis ihres Protagonisten, anstatt es bis auf Herz und Nieren zu durchleuchten. Wo ich schon bei der Atmosphäre bin: Tatsächlich ist Cronenbergs THE DEAD ZONE in dieser Hinsicht ein ganz guter Vergleich, weil beide Filmen die Begabung des Protagonisten als Fluch darstellen. In Cronenbergs Film kommt das zwar noch viel deutlicher zum Vorschein, weil er auf Handlungsebene eine über das bloß individuelle hinausgehende gesellschaftlich-politische Dimension anvisiert – seine Hauptfigur muss sich opfern, um die Welt zu retten –, trotzdem löst THE SENDER ganz ähnliche Gefühle aus. Der Versuch, sein Leid mitzuteilen, bringt für John Doe keinerlei Erlösung. Es ist ein Hilferuf, der zwar nicht ungehört verhallt, letztlich aber nichts an seiner Verlorenheit ändert.

Leider wird man als Zuschauer mit seiner Empathie am Ende von THE SENDER ein bisschen allein gelassen, weil der Film mit seiner Auflösung ins Leere läuft. Christian schürt große Erwartungen, die letztlich milde enttäuscht werden. Vielleicht sollte ich hier auch nicht unzulässig verallgemeinern: Ich war mir am Ende nicht ganz sicher, ob das alles wirklich so unspektakulär ist, oder ob mir lediglich etwas Entscheidendes entgangen war. Dass meine liebe Gattin mir sagte, dass sie den Film nicht verstanden habe, stützt meine Kritik – oder aber das alte Sprichwort, dass sich doof und doof gern gesellen. Wie dem auch sei: THE SENDER ist ein Film, der mit seiner Ernsthaftigkeit aus der Masse heraussticht und unbekannt genug ist, um ihn Genrefreunden, die gern in der Vergangenheit stöbern, ans Herz zu legen.

Der gemeingefährliche Verbrecher Nanni Vitali (Helmut Berger) bricht mit einigen Kumpanen aus dem Gefängnis aus und beginnt sofort, eine Spur der Verwüstung und der Gewalt hinter sich herzuziehen. Sein erstes Ziel ist der Informant, der einst verantwortlich für seine Inhaftierung war: Dessen Geliebte Giuliana (Marisa Mell) kommt Vitali gerade recht. Ihr Vater ist Sicherheitsbeamter in einer Fabrik, die genug Geld im Tresor hat, um Nannis die Flucht ins Ausland zu finanzieren. Indessen ist Kommissar Giulio Santini (Richard Harrison) dem hochaggressiven Mann dicht auf den Fersen. Und das muss er auch sein, denn der vergreift sich als nächstes an Santinis Vater, dem Richter, der ihn verurteilte, und seiner Schwester …

Vor ein paar Wochen sorgte Helmut Berger mal wieder für einen dieser „Skandale“, die zu produzieren mittlerweile die Hauptfunktion unserer Qualitätsmedien zu sein scheint. Mehr oder weniger leicht angeschickert saß der ehemalige Weltstar in einer grauenvollen Talkshow, in der minderbegabte Promis Werbung für Film/CD/Buch machen und sich aufgrund einer daherkonstruierten Befähigung (meist neuer Film, neue CD, neues Buch) zu aktuellen Themen äußern dürfen, und ließ es sich nicht nehmen, seine Verachtung für die um ihn versammelten Hackfressen demonstrativ zur Schau zu stellen. Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber nach dem, was man so lesen konnte, hat er wohl Jasmin „Blümchen“ Wagner beleidigt und Jörg Knör angegangen. Na und? (Ich hatte mal das zweifelhafte Vergnügen, Jörg Knör bei der Arbeit erleben zu dürfen, als Mensch gewissermaßen, und kann daher nur sagen, dass er jede erdenkliche Demütigung verdient hat.)

In der großen Aufregung über das „mangelhafte Benehmen“ Bergers ging leider unter, dass so mancher dieser „Prominenten“, die man im Fernsehen regelmäßig zugemutet bekommt, eigentlich viel häufiger beleidigt werden sollte; dass außerdem keine dieser Bratwürste auf eine mit Bergers Schaffen vergleichbare Leistung zurückblicken kann; dass er hundertmal interessantere Geschichten zum Besten geben könnte, bekäme er denn die Gelegenheit dazu, als Nullnummer Blümchen und Oberlangweiler Knör, der seit mittlerweile 20 Jahren mit den immergleichen Boris-Becker-, Inge-Meysel- und Papst-Johannes-Paul-II.-Imitationen nervt; und dass Berger nicht zum ersten Mal in dieser Art und Weise auffällig geworden war, dass man sogar davon ausgehen muss, dass er genau wegen solcher „Ausfälle“ eingeladen wird, damit man sich danach künstlich darüber aufregen und als Bewahrer guter Manieren und Umgangsformen aufspielen kann. Hätte man ernsthaft Interesse an diesem Mann, würde man ihn dann neben Nichtskönner und Hilfsamöben wie Jasmin Wagner und Jörg Knör setzen? Eben. Alle Halbgebildeten, die es sich nicht nehmen ließen, in diversen Internetforen und Kommentarspalten ihren unqualifizierten Senf zum „Skandal“ und zum „peinlichen“ Berger abzugeben, sollen froh sein, dass Berger nur als Person des öffentlichen Interesses und nicht als sein alter ego Nanni Vitali aufgetreten war. Dann wäre Knör nämlich mit ungelöschtem Kalk übergossen, Jasmin Wagner vergewaltigt und verprügelt, Markus Lanz verschleppt und erschossen worden.

Womit LA BELVA COL MITRA schon recht treffend zusammengefasst ist: Der Film ist von Anfang an eine schauspielerische Tour de force Bergers, der sich als sadistischer Choleriker Nanni Vitali aller einengenden Zwänge befreit und seinen augenrollenden Psychopathen mit dem Feingefühl eines Folterknechts und dem zarten Humanismus einer Horde volltrunkener Hools ausstattet. Er verteilt schlagringbewehrte Maulschellen mit einer Verve, als habe er ein heiliges Gelübde darüber abgelegt, ballert wüst in der Gegend rum und stellt seinen Eltern auch mit seinem sonstigen Betragen kein gutes Zeugnis aus. Als Erzieher brauchen die sich bestimmt nicht mehr zu bewerben. Ein Vollblutasi, wie er im Buche steht, tobt Nanni unaufhaltsam auf sein Ende zu, jeder Mensch, der ihm begegnet, wird entweder als potenzieller Stolperstein betrachtet und aus dem Weg geräumt oder aber als Sprosse zum Erfolg und demzufolge hoffnungslos ausgebeutet. Da fragt man sich, wie er, mit solch gewinnender Persönlichkeit ausgestattet, andere überhaupt ohne Gewalt davon überzeugen kann, sich ihm anzuschließen. Der Nachwuchsverbrecher, der ihm am Ende hilft, behauptet gar, Nanni sei ein Vorbild für ihn: Da bekommt man es wirklich mit der Angst zu tun.

Vitali ist die lauthals rausgerotzte Absage an alle romantisierten edlen Verbrecher, an den Glauben an eine „honor among thieves“: Er ist die Negation des Sozialen, sein Lebensweg ein einziger, alles zerstörender Egotrip, von Leichen und geschundenen Körpern gesäumt. Da mutet es umso verstörender an, dass Grieco dem Schuft mit seiner Inszenierung eine Art animalischer Sexualität verleiht. Klar, Berger war auch 1977 noch ein ziemlich ansehnlicher Mann mit markant-durchdringendem Blick, sein Ruhm gründete ja nicht zuletzt auf seinem guten Aussehen und androgynen Charme. Aber Giulianas Blick – eine Mischung aus panischer Angst und bebender, unkontrollierbarer Lust – ist schon mehr als provokant, wenn man bedenkt, dass er sie erst verdroschen und dann in einer Kiesgrube vergewaltigt hat; wohlgemerkt nach dem Zusammenschlagen und vor der Ermordung ihres Geliebten. Diese erotische Faszination ist umso beunruhigender, als sie nie ganz explizit wird: Das Drehbuch lässt Giuliana immer nur von ihrer Angst sprechen, auch in den beiden Sexszenen bleibt sie passiv-versteinert, durchaus anders als in anderen Exploitern, in denen die Frauen nur auf eine ordentliche Vergewaltigung gewartet zu haben scheinen. Ihr Begehren liegt einzig in ihrem Blick, wird nie weiter thematisiert. Trotzdem vibriert der ganze Film förmlich vor entfesselter Geilheit, vor der Lust, die Zwänge der Zivilisation abzuwerfen und sich wie eine richtige Wildsau zu benehmen. Man muss sich nur mal anschauen, wer der „Bestie mit dem Maschinengewehr“ aus dem Originaltitel als Held gegenübergestellt wird: Richard Harrison darf optisch zwar als Inbegriff des kernigen Machos gelten, aber neben dem stets kurz vor der Explosion und dem vorzeitigen Samenerguss stehenden Berger hat er den Sexappeal eines Astlochs. Steif, hölzern und völlig asexuell stapft er durch den Film und wenn er der aufgelösten Giuliana eine Kippe aus seiner Schachtel anbietet, erwartet man fast, dass er sie für diese schamlose Anzüglichkeit um Verzeihung bittet. Das letzte Bild des Films gehört dann auch nicht ihm, sondern dem von ihm gestellten und bezwungenen Nanni. Blutig geschlagen, verdreckt und mit zerrissenem Hemd bleibt er dennoch unbezähmbare Naturgewalt und darf noch einmal einen seiner geilen, feurigen Blicke in die Kamera werfen. Ein Standbild lässt dem Betrachter keine Chance, ihm zu entkommen.

Tony (Harry Baer) treibt für den Gangster Luigi Cerchio (Edmond Purdom) die Schulden von kleinen Gaunern ein. Als sein Chef vom Gangsterboss „Scarface“ Manzari (Jack Palance) um drei Millionen Lire erleichtert wird, bietet sich Tony an, das Geld zurückzuholen. Doch mit den drei Millionen will er sich nicht begnügen: Gemeinsam mit seinem Freund Rick (Al Cliver), der noch eine persönliche Rechnung mit Manzari offen hat, nimmt er dem Gangster das Dreifache ab. Und plötzlich haben die beiden Freunde alle Verbrecher der Stadt gegen sich …

Gegenüber den zuletzt besprochenen Werken Di Leos – MILANO CALIBRO 9, LA MALA ORDINA, IL BOSS und LA CITTÀ SCONVOLTA: CACCIA SPIETATA AI RAPITORI – ist I PADRONI DELLA CITTÀ ein eher leichter, streckenweise sogar heiterer Film. Danach sieht es zu Beginn nicht aus, wenn Manzari in einer düsteren, komplett in Zeitlupe gehaltenen Szene einen Partner vor den Augen von dessen Sohn erschießt. Zwar kommt dieser Szene noch Bedeutung für den weiteren Plot zu, doch ist diese längst nicht so entscheidend, wie es zunächst den Anschein hat. Fast meint man, Di Leo habe sich im Laufe des Films von der Chemie zwischen den drei Freunden – zu Tony und Rick gesellt sich noch der alte Gauner Napoli (Vittorio Caprioli) – anstecken lassen und vergessen, wie sein eigener Film begonnen hatte. Alles, was noch an das erschreckende Bild des organisierten Verbrechens der Vorgänger erinnert, wird durch die drei Protagonisten ausgeglichen: Tony fährt mit einem roten Buggy durch Rom, träumt von Brasilien und lebt das Leben des kleinen Gangsters wie einen wahr gewordenen Jungstraum. Rick ist etwas launischer und äußerst wortkarg, sein Trauma ist aber eher dazu geeignet, ihn zu romantisieren, als wirklich seelische Abgründe anzudeuten. Und der alte Napoli, der den alten Zeiten hinterhertrauert, als alles noch einfacher war, hätte in MILANO CALIBRO 9, LA MALA ORDINA oder IL BOSS wohl einen besonders würdelosen Tod gefunden: Hier darf er am Schluss mit den Helden in eine goldene Zukunft fahren.

I PADRONI DELLA CITTÀ ist sympathisches eskapistisches Italo-Kino, nicht mehr und nicht weniger. Nach den drei bis vier zuvor gesehenen Meisterwerken kommt er nur dann einer kleinen Ernüchterung gleich, wenn man vergisst, dass es gerade solche kleinen Filme sind, die die großen umso heller erstrahlen lassen.

Die Studentin Scotty Parker (Rebecca Balding) kommt zu spät: Alle Wohnheimsplätze sind schon vergeben, also muss sie sich selbst auf die Suche nach einer Bleibe machen. Sie wird fündig in einem wunderschönen Haus direkt an der Küste, in dem der schüchterne Mason Engels (Brad Rearden) mit seiner Mutter (Yvonne DeCarlo) lebt und die Familienkasse durch Untervemietung der zahlreichen Zimmer an Studenten aufbessert. Scotty ist überglücklich und auch ihre studentischen Mitbewohner nehmen sie sofort gut auf. Doch bereits in der ersten Nacht fällt einer von ihnen einem Killer zum Opfer: Wohnt noch jemand im Haus?

THE SILENT SCREAM ist einer jener kleinen Schocker, die mein Leben sicherlich nicht mehr nachhaltig verändern werden, über die ich mich aber trotzdem immer wieder freue, wenn ein Wink des Schicksals – oder mein lieber Freund Robert – sie mir in die Hände spielen. Sauber inszeniert, mit auffallend gediegener Kameraarbeit und einem wunderbar altmodischen, an den richtigen Vorbildern orientierten Score, serviert Denny Harris keinesfalls spektakuläre, aber sehr solide Genrekost. Man muss ein bisschen Geduld mit dem Film haben: Mehr als ein hoher Bodycount oder zahlreiche Plottwists zeichnet den Film eine bestimmte Atmosphäre latenter Bedrohung aus. Die Kamera erkundet jeden verspinnwebten Winkel des alten Hauses und der orchestrale Score vibriert vor Herrmann’schen Spitzen.

THE SILENT SCREAM nimmt zwar einige Stichwörter vom damals gerade aufkeimenden Slasherfilm entgegen und fällt auch inhaltlich nicht so weit aus dem Rahmen, dass man ihn als „exzentrisch“ bezeichnen müsste, trotzdem geht er seinen eigenen Weg. Der zumindest rätselhafte, wenn nicht doch nur bescheuerte deutsche Titel PSYCHOCK weist die Richtung: Harris hat Hitchcocks bahnbrechenden Film bestimmt mehrfach gesehen und bemüht sich um einen ähnlich ruhigen Aufbau bis zur großen Enthüllung, die eine besonders dysfunktionale Familie präsentiert, aber durchaus Mitleid mit ihr evoziert, anstatt sie bloß als Butzemann für eine Pointe zu missbrauchen. Sie schockt zwar nicht mehr annähernd so schwer wie des Meisters finaler Twist das 20 Jahre zuvor vermutlich tat, trägt aber dennoch entscheidend zum Charme des zwischen den Stühlen Slasherfilm, Murder Mystery und Psychothriller sitzenden Films bei, der mich ein bisschen an THE UNSEEN erinnert hat, der allerdings etwas saftiger daherkommt. Die drei Stars des Films – Yonne DeCarlo als Mama, Cameron Mitchell als ermittelnder Polizist und Barbara Steele in von mir spoilervorbeugend nicht näher beschriebener Rolle – waren wahrscheinlich nur ein paar Tage am Set waren, wie es sich für einen echten Exploiter gehört: Doch gerade letztere wertet THE SILENT SCREAM immens auf. Genrefreunde sollten dem Film allein wegen ihr mal eine Chance geben.

Nach dem Unfalltod seiner Frau beginnt sich der Psychologe Cal Jamison (Martin Sheen) mit seinem Sohn Chris (Harley Cross) eben wieder im Leben einzurichten, da wird er von Lieutenant Sean McTaggert (Robert Loggia) zur Ermittlung in einem Mordfall hinzugezogen: Ein Kind wurde in einem hispanischen Brujeria-Ritual abgeschlachtet, am Tatort zurückgeblieben ist ein vollkommen aufgelöster, verängstigter spanischer Polizist (Jimmy Smits). Je tiefer Jamison in den Fall hineingezogen wird, umso mehr muss er erkennen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, für die die Wissenschaft keine Erklärung findet – und dass auch sein Sohn in tödlicher Gefahr schwebt …

Zuerst: Ich mag diesen Film sehr, habe ihn jetzt zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder-, davor aber bereits etliche Male gesehen. Er repräsentiert für mich eine Art von Film, die leider fast völlig von der Bildfläche verschwunden ist: Professionell gefertigtes, erwachsenes Spannungskino auf der Schwelle zwischen mainstreamiger Thriller- und saftiger Genreware, das sich damit begnügt, seine Zuschauer zwei Stunden ernsthaft und gut zu unterhalten, ohne sich dabei um Gimmicks, aufgesetzte Relevanz oder besondere Zeitgeistigkeit zu kümmern. THE BELIEVERS funktioniert heute noch genauso gut wie vor 25 Jahren: Er ist auf angenehm unprätentiöse Art und Weise zeitlos, einfach durch und durch hochklassiges Erzählkino.

Die Geschichte – vom späteren TWIN PEAKS-Mitverfasser Mark Frost gescriptet – um den Rationalisten Jamison, dessen Vertrauen in die Ordnung der Dinge durch den plötzlichen Tod der Frau erschüttert und durch die Konfrontation mit schwarzer Magie noch zusätzlich auf die Probe gestellt wird, mag ein Standard sein: Aber diese Konstellation funktioniert hier ausgezeichnet, auch weil mit Sheen ein Darsteller zur Verfügung steht, der diese Parts mit großer Authentizität und ohne Hollywood-Starpatina interpretiert. Der Konflikt zwischen Kopf und Bauch, der gewissermaßen im Zentrum von THE BELIEVERS steht, drängt sich dankenswerterweise niemals zu sehr in den Vordergrund: THE BELIEVERS bleibt in erster Linie ein Film über Menschen, die mit dem Unerklärlichen konfrontiert werden, es bezwingen und danach irgendwie weitermachen müssen. Schlesinger begeht nicht den Fehler, den so viele modernere „Thementhriller“ machen: Er weckt hier nicht die Erwartung, eine bahnbrechende Erkenntnis zu vermitteln, nur um sie dann mit der Verabreichung des bekannten Kintopps zu enttäuschen. Auch wenn er auf drastische Bilder – die aus der Wange schlüpfenden Spinnen sind ein Klassiker! – und Klischees, wie den bösen Multimillionär (eine klare Trump-Anspielung), der mit schwarzer Magie spielt, um seine Macht zu vergrößern, nicht ganz verzichten mag , wird THE BELIEVERS dennoch nie ganz offensichtlich. Das übliche offene Ende ist hier tatsächlich beunruhigend, gerade weil es interpretierbar bleibt. Und auf Plumpheiten wie den Witwer, der am Schluss endlich den Tod seiner Ehefrau überwunden hat und glücklich in ein neues Leben gehen kann, verzichtet er auch.

Ich kann mir sehr lebhaft die Argumente der Gegenseite vorstellen: Ja, vielleicht ist THE BELIEVERS rassistisch mit seinen dunklen hispanischen Bräuchen und dem gruseligen Schwarzen, der sich zu afrikanischem Trommelsound in augenrollende Trance tanzt. Ich halte von solchen Vorwürfen nichts: Das Horrorkino, das immer von der Angst vor dem Fremden erzählt, ist im Kern reaktionär, weil der Mensch es nunmal auch ist. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Schlesinger ist intelligent genug, auf diese Tendenz nicht hereinzufallen. Übeltäter gibt es auf beiden Seiten. Für mich ist THE BELIEVERS noch heute einer der absolut herausragenden Vertreter des Mainstream-Thrillers, der doch selten mehr als heiße Luft produziert hat.