il cinico, l’infame, il violento (umberto lenzi, italien 1977)

Veröffentlicht: Dezember 8, 2012 in Film
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Weil „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Knast fliehen konnte, schwebt Ex-Kommissar Leonardo Tanzi (Maurizio Merli), der den Gangster einst hinter Gitter brachte, in Lebensgefahr. Der folgende vom Cinesen in Auftrag gegebene Mordanschlag auf ihn schlägt zwar fehl, doch um ihn zu schützen, wird Tanzi für tot erklärt. Natürlich denkt der ehemalige Cop gar nicht daran, sich zurückzuziehen: Er macht sich auf den Weg nach Rom, wo der Chinese den Machtkampf mit dem amerikanischen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) begonnen hat. Tanzi nutzt die Situation, um beide gegeneinander auszuspielen …

Italien, was ist nur aus dir geworden? Handtaschenräuber überfallen arglose Damen und gewissenlose Unholde rauben am hellichten Tag Juweliere aus. In solchen Zeiten wiegt es besonders schwer, dass ein überzeugter Hardliner wie Tanzi sich vom Polizeidienst zurückgezogen hat. Man bekommt recht schnell den Eindruck, dass das weniger mit den Rahmenbedingungen des Berufs zu tun hat, als damit, dass Tanzi seine Vorstellungen von Polizeiarbeit als Privatmann noch besser umsetzen kann. Selbst sein ehemaliger Vorgesetzter scheint nicht so richtig böse darüber, dass sich da ein Vigilant rumtreibt, wie weiland Paul Kersey in DEATH WISH darf auch Tanzi mit Duldung von oben schalten und walten. Lenzi, dessen beste Arbeiten dem Polizei- und Gansgterfilm zuzurechnen sind weckt mit dem Titel Assoziationen zu Leones IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO, orientiert sich inhaltlich aber eher am Auftakt der Dollar-Trilogie mit PER UN PUGNO DI DOLLARI. Das Intrigenspiel Tanzis ist – passend zum Auftreten Merlis, der mich immer an einen italienischen Chuck Norris ohne Karatekunst, dafür aber mit schmierigem Schlagersänger-Charme erinnert – zwar weitaus weniger raffiniert, wird dafür aber mit der doppelten Portion feurigem Eifer von ihm inszeniert. Merli, der wie sein amerikanischer Kollege immer etwas hölzern wirkt, ist durchaus eine komische Figur: Wenn er seinen Zorn unter blonder Scheitelfrisur durch perlweiße Zähne presst, sodass sich der akkurate gestutzte Schnäuzer kräuselt, sieht man die ganze emotionale und kognitive Armut des Reaktionären. Irgendwie passt es, dass er von Chevy-Chase-Synchronsprecher Michael Brennicke gesprochen wird.

Merli stehen mit Milian und Saxon zwei exquisit besetzte Kollegen gegenüber, deren großes Spiel kleinere Drehbuchschwächen ausbügelt. Milian gibt mal wieder den Gossenproleten, der sich hier aber mit seinen Schurkereien einen gewissen Wohlstand ergaunert hat, der sich in scheußlichen Hemden, goldenen Uhren und anderen Geschmacklosigkeiten niederschlägt. Saxon ist als amerikanischer Gangster etwas zivilisierter, schreckt aber auch vor brutalen Foltermethoden nicht zurück: Einen Verräter beschießt er aus kürzester Distanz mit Golfbällen, sodass sogar die Männer vom Chinesen das Gesicht verziehen. Es ist dieses Männerdreieck, das dem Film seine Spannung bewahrt, wenn er in der zweiten Hälfte etwas die Linie verliert. Ganz plötzlich gibt es eine Heist-Movie-Einlage, bei der Tanzi mit einem alten Safeknacker ein Hochhaus erklimmt. Die an MISSION: IMPOSSIBLE erinnernde Szene mit den obligatorischen unsichtbaren Lichtschranken ist sehr putzig, weil man in den Infrarot-Subjektiven deutlich erkennen kann, dass es sich bei den „Lichtstrahlen“ um Seile oder aber um Gardinenstangen handelt, den beiden Einbrechern in den Objektiven als Bonus dabei zusehen kann, wie sie durch einen anscheinend leeren Flur kriechen. Plötzlich sitzt Di Maggio auch noch im Knast, ohne dass je erwähnt worden wäre, warum, und am Schluss geht alles sehr schnell und leider auch unspektakulär zu Ende. IL CINICO, L’INFAME, IL VIOLENTO hält am Ende nicht ganz das, was er in der ersten halben Sunde verspricht, gute Italo-Unterhaltung mit einem mal wieder tollen Score von Franco Micalizzi ist es aber trotzdem.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Irgend jemand hat mal geschrieben, Lenzi sei politisch etwas rechts von Mussolini zu verordnen.
    Das fand ich ganz witzig. Diesen Film hier kenne ich nicht, aber „Napoli Violenta“ und „Roma a mano armata“
    fand ich klasse. Und ja, der Merli ist schon ein komischer Kautz.

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