hail the conquering hero (preston sturges, usa 1944)

Veröffentlicht: Dezember 18, 2012 in Film
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Der Plan des jungen Woodrow Truesmith (Eddie Bracken), im Zweiten Weltkrieg in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, eines Marines und Kriegshelden, scheitern an einem läppischen Heuschnupfen, der ihn untauglich macht. Beschämt über sein vermeintliches Versagen versteckt er sich fernab der Heimat und beschwindelt seine Mutter mit Geschichten über seine soldatischen Aktivitäten. Eine Gruppe von Marines, angeführt von Sergeant Heppelfinger (William Demarest), der Woodrows Vater aus dem Krieg kennt, überredet den Jungen schließlich, nach Hause zurückzukehren. Damit seine Heimkehr nicht zu schmachvoll wird, stecken sie ihn in eine Uniform, leihen ihm einige ihrer Orden und geben sich als seine Kameraden aus. Die Kunde von der Rückkehr des vermeintlichen Kriegshelden verbreitet sich in seiner Heimat wie ein Lauffeuer: Woodrow wird festlich empfangen, mit Geschenken und Ehrungen förmlich überschüttet. Seine Versuche, den Menschen den peinlichen Irrtum zu erklären, scheitern an ihrer Begeisterung. Die Situation spitzt sich endgültig zu, als die Bürger ihn zu ihrem Bürgermeister machen wollen …

Herrlich! Sturges nimmt in diesem Film ebenso das sich auch durch Fakten nicht besänftigen lassende Verlangen der Menschen nach Helden aufs Korn, wie auch den zu seiner Zeit wohl noch verbreiteteren Glauben junger Männer, sich im Krieg beweisen zu müssen, um „jemand“ zu sein. Die Euphorie der Bewohner von Oak Ridge, die „ihren“ Kriegshelden blind abfeiern, ihn im weiteren Verlauf des Films gar zu einer Art Messias stilisieren, der alle Probleme kraft seiner bloßen Anwesenheit löst, ist kaum weniger neurotisch als Woodrows Scham: Lieber lügt er seine Mutter an, zieht gar in Erwägung, sie nie wieder zu sehen, als dass er ohne Kriegserfahrung zu ihr nach Hause kommt. Dem Jungen kann man mangelnde Lebenserfahrung zugute halten: Er will seine Mutter stolz machen und kommt nicht auf die Idee, dass man dazu nicht unbedingt ein Kriegsheld sein muss. Er ist da eher Opfer seiner Zeit. Was das bedeutet, sieht man in dem Irrsinn, den die Bevölkerung seiner Heimatstadt anstellt und den man fast schon als Massenpsychose bezeichnen muss. Vor allem die ersten zwei Drittel des Films, in denen sich der von den Bürgern auf Woodrow ausgeübte Druck stetig erhöht, er wie in einem Albtraum tatenlos zusehen muss, wie ihm immer mehr Auswege verbaut werden, zeigen die Meisterschaft Sturges‘ sein unnachahmliches Timing und sein dramaturgisches Geschick, das ich fast mit Architektur vergleichen möchte. Schon die Szene um Woodrows Ankunft am Bahnhof von Oak Ridge, eine lange elaboriert choreografierte Sequenz mit zahlreichen Pointen, bietet mehr Action, Bewegung und Dialogwitz als mancher Film in 90 Minuten. Meisterlich auch – wieder einmal – die Besetzung: Milchgesicht Eddie Bracken ist ein wunderbares Opfer und Sturges bezieht einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Witzes einfach daraus, den sich immer stärker in Brackens eingrabenden Schrecken einzufangen. Seine Hysterie findet ihren idealen Widerpart in der stoischen Miene William Demarests, der das ganze Elend ganz entscheidend zu verantworten hat, aber Woodrow mit größter (gespielter) Überzeugung und nicht zu trübendem Zweckoptimismus versichert, dass das ja alles gar nicht so schlimm sei und morgen schon wieder vergessen. Ich bin auf diesen Dauergast in Sturges Filmen bislang kaum eingegangen (er spielt in allen bislang von mir gesehenen Sturges-Filmen mit), aber er hat selbst, wenn er nur kleinere Rollen bekleidet, großen Anteil an ihrem Gelingen.

HAIL THE CONQUERING HERO ist einfach wunderbar, ein bissiger, aber immer auch warmherziger Film, der die stilistische Armut zeitgenössischer Komödien gnadenlos bloßlegt. Trotz seines Sujets, trotz seines Alters von knapp 70 Jahren ist Sturges‘ Film immer noch frisch, immer noch relevant, immer noch zum Schreien komisch. Ob man das über die Filme von meinetwegen Judd Apatow im Jahr 2080 auch noch sagen wird? Ich habe meine Zweifel.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Habe diesen Sturges Film leider noch nicht gesehen. Aber es ist immer wieder grossartig zu sehen, das Sturges
    nicht nur bissiger Satiriker war, sondern immer auch grosser Menschenfreund. Sturges war seinen Figuren ja
    immer verbunden, egal welchen Blödsinn sie gerade wieder ausbrüten.
    In meinem (momentanen) lieblings Sturges, dem unverschämten „Miracle of Morgans Creek“, lernen wir z.b.
    das manchmal auch ein korrupter Politiker (McGinty) und sein Gangsterfreund, die richtigen Leute, zur richtigen
    Zeit, am richtigen Ort sein können.

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