heaven can wait (ernst lubitsch, usa 1943)

Veröffentlicht: Dezember 20, 2012 in Film
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Üblicherweise fangen meine Texte hier mit einer kurzen Inhaltsangabe an. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich diese  ziemlich langweilige und konservative Struktur gewählt habe. Ich vermute, dass es eine Verlegenheitsentscheidung war: Eine kurze Zusammenfassung kann man immer schreiben, man umgeht so ganz leicht die Hemmschwelle des schwierigen ersten Satzes, hat ohne viel Mühe den Grundstein für einen Text gelegt. Nicht bei jedem Film habe ich das Bedürfnis, einen kreativen Text zu schreiben, will manchmal einfach nur meiner selbstauferlegten Chronistenpflicht genüge tun, da hilft so eine Schablone sehr. Und bei anderen Filmen kann es durchaus ganz hilfreich sein, sich noch einmal vor Augen zu führen, was eigentlich der Grundkonflikt war, 90 bis 120 Minuten Handlung auf ein paar Sätze zu reduzieren. Manchmal stößt man dabei auch auf Besonderheiten der Dramaturgie, die einem sonst gar nicht so aufgefallen wären. (Ich erinnere mich etwa noch gut daran, wie schwer es mir gefallen ist, Verhoevens ROBOCOP für das Himmelhunde-Blog zusammenzufassen, einen Film, dessen Geschichte man nun nicht gerade als besonders komplex bezeichnen würde: Aber in diesem Film passiert unglaublich viel in unglaublich kurzer Zeit.)

Warum schreibe ich das alles? Normalerweise beginne ich schon während der Filmsichtung, Ideen für meinen Text zu sammeln, zu überlegen, was ich bemerkens- und hervorhebenswert finde, wie ich ihn am besten zu fassen bekomme. So auch gestern bei Lubitschs HEAVEN CAN WAIT, in dem ein eben Verstorbener dem Teufel an der Rezeption der Hölle Bericht über sein vergangenes Leben erstattet. Diese Konstellation – ein Toter resümiert über sein Leben – ist seit Lubitschs Film mehrfach aufgegriffen worden, schon fast so etwas wie ein Standard geworden, und insofern knüpfte ich auch bestimmte Erwartungen an den Fort- und Ausgang von HEAVEN CAN WAIT: Der Rückblick auf das eigene Leben leitete einen Erkenntnisprozess beim Verstorbenen ein, an dessen Ende er in die Lage versetzt worden wäre, sein Leben neu bewerten und tatsächlich in Frieden ruhen zu können. Einen Einfluss auf meine Erwartungshaltung hatte außerdem die Tatsache, dass ich Warren Beattys gleichnamigen Film für ein Remake des Lubitsch-Klassikers hielt. Je länger der Film dauerte, umso klarer wurde mir, dass Beattys HEAVEN CAN WAIT kaum mehr als den Titel mit dem Lubitsch-Film teilt und dieser keineswegs so leicht in das bekannte Raster fällt. Lubitsch vermittelt durchaus eine Art „Moral von der Geschicht“, die zudem kaum überrascht, wenn man sich mit seinem Gesamtwerk auskennt (oder auch nur DESIGN FOR LIVING gesehen hat), aber sie steht nicht am Ende, quasi als Synthese der vorangegangenen „wertfreien“ Ereignisse, als großer überraschender Clou oder unerwartete Pointe. Sie prägt vielmehr den ganzen Film, seinen Ton, die Art, wie die Charaktere miteinander umgehen. HEAVEN CAN WAIT läuft nicht auf ein Ziel zu, das dann die Summe der Addition seiner einzelnen Szenen ist. Er ist immer schon ganz da.

Die Handlung von HEAVEN CAN WAIT zusammenzufassen, geht an der Poesie des Films weit vorbei. Zwar kann man einen Grundkonflikt aus ihm herauskristallisieren – sein Protagonist Henry (Don Ameche) liebt und verehrt seine Gattin Martha (Gene Tierney), aber eben auch andere Frauen –, nur bestimmt dieser Konflikt eher seine Charaktere als dass er eine Handlung formen würde. Es liegt wohl auch an Lubitschs Technik der diskreten Indiskretion, dass die Themen „Untreue“ und „Eifersucht“ sich nie in dem Maße in den Vordergrund drängen, wie man das aus modernen RomComs kennt. Seine Protagonisten haben bestimmte Eigenschaften, die ihre Handlungen beeinflussen. Es bedarf keiner extremen Zuspitzungen oder konstruierter Drehbuch-Volten, um sein Thema als solches herauszustellen. So mäandert der Film streckenweise – aber immer amüsant und stilvoll – vor sich hin, wie es das Leben auch tut, kristallisiert sich erst ganz allmählich der genannte Konflikt heraus, dem die Charaktere aber nie zur Gänze unterworfen werden. HEAVEN CAN WAIT wird nie zum Problem- oder Thesenfilm. Er betrachtet ein Ehepaar, das seine Kämpfe auszutragen hatte, aber insgesamt ein glückliches gemeinsames Leben führte. Das aus den Voraussetzungen, die beide Partner mit in die Ehe brachten, das Beste gemacht hat. Dessen Hälften es gelernt haben, ihr persönliches Glück nicht an einem objektiven gesellschaftlichen Ideal zu messen, sondern an ihren eigenen, ihnen angemessenen Maßstäben. „Der Himmel kann warten“ – das bezieht sich eigentlich überhaupt nicht auf die Situation des Protagonisten zu Beginn des Films (anders als in Beattys Film). Es bedeutet, dass der Mensch sich nicht so sehr um willkürlich aufgestellte Idealzustände scheren sollte, deren zwangsläufiges Verfehlen ihn nur unglücklich macht. Er muss lernen, seinen eigenen Weg zu finden, das Leben zu leben, das ihn glücklich macht, auch wenn die Gesellschaft ihn dafür vielleicht als unmoralisch abstempelt. Der Teufel schickt den reumütigen Henry am Ende des Films mit dem Fahrstuhl nach oben. Entscheidend ist nicht, dass er ein paar Seitensprünge und Affären hatte, sondern dass er seine Martha liebte – und sie ihn, mit allen seinen Fehlern. Für die langweilige Tugend ist im Himmel immer noch genug Zeit.

Kommentare
  1. […] Filme von Lubitsch und vor allem Preston Sturges. Exemplarisch hier die Reviews des wunderschönen „Heaven Can Wait“ von Lubitsch und „The Great McGinty“ von Sturges. Ansonsten einfach mal auch die anderen Reviews […]

  2. Sehr schöner Text. HEAVEN CAN WAIT war der erste Lubitsch, den ich als Kind oder Jugendlicher im Fernsehen sah, und er hat mich sofort restlos gefangengenommen mit seinem epischen Ansatz, mit seinem grenzenlosen Charme, mit Gene Tierneys Schönheit (eine der schönsten Frauen, die Hollywood hervorgebracht hat), und was weiß ich noch alles. Seitdem sehe ich jeden Lubitsch, der mir über den Weg läuft, inzwischen ungefähr 15. Nebenbei kann auch ein Film mit Charles Coburn sowieso nicht schlecht sein.

    Deine „Qualitätsoffensive“ finde ich erfreulich. Mir wurde es hier in den letzten Monaten etwas zu eintönig. Wäre auch schön, wenn Du die „filmische Weltreise“ wieder mal fortsetzt.

    • Oliver sagt:

      Ja, der Flop mit der filmischen Weltreise nagt auch etwas an mir. Aber nach drei Pakistanis war die Luft raus und ich brauchte was „einfaches“. Mal sehen, ob ich das ganze im kommenden Jahr mal fortsetze.

      Den Vorwurf der Einönigkeit kann ich gut nachvollziehen. Mir ging es selbst wohl auch so, nur habe ich das nicht so richtig gemerkt. Es war eben bequem, nach Feierabend was reinzuschmeißen, was nicht zu viel Aufmerksamkeit erforderte. Das hat sich dann so eingeschliffen. Mir geht es total gut mit den Sturges und Lubitschs. Ich merke das am Kopf, dass sich da wieder was bewegt, wo vorher alles in eingefahrenen Rastern steckte. Und ich habe zum Glück noch jede Menge andere Klassiker in der Hinterhand, die hier seit Ewigkeiten darauf warten, endlich geschaut zu werden. 🙂

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