the merry widow (ernst lubitsch, usa 1934)

Veröffentlicht: Dezember 24, 2012 in Film
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Nach der berühmten Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Léhar inszenierte Ernst Lubitsch diese dritte Verfilmung des Stoffes (nach Michael Curtiz und Erich von Stroheim), deren Handlung mit der Vorlage aber kaum noch etwas zu tun hat – zumindest nicht, wenn man dieser Wikipedia-Zusammenfassung vertrauen darf. Dieser Absatz über die damalige Wirkung des Stückes lässt aber sofort an Lubitsch denken und prädestiniert ihn gewissermaßen als Regisseur einer Filmadaption:

„Die Operette besticht durch die für die Zeit der Entstehung völlig neue und erotisierende Instrumentierung wie durch ein neues Sujet: Eine selbstbewusste und starke Frau setzt sich in der Männerwelt durch. Bei der Handlung hält Hanna das Heft in der Hand. Erotische und politische Anspielungen der Zeit machen die Operette übernational interessant.“

Im Unterschied zu Léhars Stück, in dem der Graf Danilo vor dem Geständnis seiner Liebe für die reiche Witwe Hanna zurückschreckt, weil er befürchtet, als Mitgiftjäger angesehen zu werden, und es eines Tricks Hannas bedarf, – sie gibt vor, all ihr Geld verloren zu haben –, um die beiden zusammenzubringen, steht Lubitschs Danilo (Maurice Chevalier) vor einem anderen Problem: Er soll der reichen, vor ihrer Trauer ins Ausland geflohenen Witwe Sonia (Jeanette MacDonald) seine Liebe vorspielen, sie so zur Heirat überreden, um sie zurück in ihre Heimat zu bringen, die osteuropäische Zwergnation Marshovia, die dringend auf ihr Geld angewiesen ist. Bei diesem Plan kommen dem berühmten Womanizer dummerweise echte Gefühle in die Quere: Er, der die Frauen sonst reihenweise um den Finger wickelt und nie eine echte Beziehung eingegangen ist, ist nicht in der Lage, sie über die politischen Beweggründe, die hinter seinen Avancen stehen, hinwegzutäuschen. Wegen Landesverrats wird er zum Tode verurteilt, doch der König unternimmt einen letzten Versuch, die unglücklich Verliebten zu vereinen.

Der unverwechselbare Lubitsch-Touch adelt auch THE MERRY WIDOW. Das Timing seiner Pointen und Dialoge ist unnachahmlich, die wichtigsten Rollen – neben Chevalier glänzt erneut Edward Everett Horton als gestresster Diplomat, der die Mission „Witwenheirat“ überwacht, und George Barbier ist als König an einer der komischsten Szenen des Films maßgeblich beteiligt – sind perfekt besetzt, der Film ist, wie zu erwarten war, von einer geradezu befreienden Frivolität. Dennoch ist es von den zuletzt gesehenen Werken des Meisters der schwächste. Das liegt zum einen an ästhetischen Oberflächenreizen wie der Musik begründet: Die von Jeanette MacDonald im Glasscheiben aufs Äußerste strapazierenden Sopran intonierten Lieder motivieren heute vor allem zum Vorspulen. Zum anderen lässt THE MERRY WIDOW die perfekte Balance zwischen Leichtigkeit und Tiefgang vermissen, die die besten Filme Lubitschs auszeichnet. Thematisch bleibt er auf vertrautem Terrain, wenn er die Vielweiberei Danilos nicht als charakterlichen Mangel, sondern als Zeichen einer überbordenden Liebe für alle Frauen zeichnet, ihn mit einem Charme ausstattet, den alle anderen „standesgemäß“ agierenden Männer schmerzlich vermissen lassen. Und immer wieder gesellschaftliche Konventionen zur Zielscheibe seines Spottes macht, bloßlegt, wie sie die Menschen einengen, anstatt sie zu befreien. Die Schlussszene, in der Danilo und Sonia den Bund der Ehe unter dem Druck der Politiker in Danilos Todeszelle schließen, legt Zeugnis ab von Lubitschs feiner, ketzerischer Ironie, aber diese Kritik bleibt in THE MERRY WIDOW vergleichweise subliminal. Während DESIGN FOR LIVING, HEAVEN CAN WAIT oder TROUBLE IN PARADISE wie direkter filmgewordener Ausdruck von Lubitschs Überzeugungen wirkten, erscheint er hier eher als um Sabotage bemühter, aber letztlich in Ketten gelegter Auftragsarbeiter. Feine Ironie des Schicksals oder aber echte Subversion.

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