bluebeard’s eighth wife (ernst lubitsch, usa 1932)

Veröffentlicht: Dezember 26, 2012 in Film
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Heiligabend! Zeit, den Lieben seine Wertschätzung mitzuteilen, in sich zu gehen und das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, gut zu speisen und zu trinken, Geschenke auszupacken, es sich bei einem guten, nicht zu aufwühlenden Film  gemütlich zu machen – und dann gnadenlos wegzupennen. Zugegeben: Es braucht kein Weihnachtsfest und keine Bescherung, damit ich vor dem Fernseher einschlafe, aber es war eine meiner weniger  guten Ideen dieses Jahres, nach einem nicht nur für unsere Tochter aufregenden Abend um 24 Uhr noch Ernst Lubitschs BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE anzufangen. Nach ca. der Hälfte des Films beschlossen meine Frau und ich, die Sichtung abzubrechen und uns schlafen zu legen. Bis dahin hatte uns Lubitschs Ehekomödie ausgezeichnet gefallen, uns mit dem Schwung und Esprit verzaubert, die wir mittlerweile von dem deutschen Meisterregisseur gewöhnt waren. 24 Stunden später, als wir uns vor dem heimischen Fernseher wiederfanden, um den Film nun zu Ende zu sehen, war die Magie irgendwie verflogen, schleppte sich der Film seltsam angestrengt seinem Ende entgegen und ließ uns dabei außen vor. Und ich bin mir nicht sicher, ob das nun an der unfreiwilligen Unterbrechung lag, die uns den Anschluss verpassen ließ, oder nicht doch daran, dass die zweite Hälfte von BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE an das Niveau der ersten nicht heranreicht. Eine Antwort auf diese Frage wird bis zur nächsten Betrachtung vertagt werden müssen. Oder doch nicht?

Lubitsch befasst sich in BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE – benannt nach dem französischen Kunstmärchen von Claude Perrault um einen notorischen Frauenmörder, das später auch Eingang in die Sammlung der Gebrüder Grimm fand – wieder einmal mit der gesellschaftlichen Konvention der Ehe, darum, wie seine Protagonisten sich diesem Beziehungsmodell unterwerfen, obwohl es offensichtlich nicht das ihre ist. Aber es geht um noch mehr: Lubitsch zeigt auf gewohnt hellsichtig-bissige, aber niemals gehässige Art und Weise, wie  gesellschaftliche Konventionen unhinterfragt übernommen werden, auch wenn sie dem eigenen Glück offensichtlich im Weg stehen. Seine beiden Hauptfiguren hängen an einem Bild vom moralisch „richtigen“ Leben, anstatt sich zu fragen, ob es auch für sie richtig ist.  BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE erzählt die Geschichte des mürrischen Millionärs Michael Brandon (Gary Cooper), der an der Riviera die selbstbewusste Nicole De Loiselle (Claudette Colbert) kennenlernt und sich in sie verliebt. Mit seiner unfreundlichen und misstrauischen Art – er befürchtet stets, um sein Geld geprellt zu werden –  stößt er zunächst nicht auf Zuneigung, doch schließlich erobert er sie doch. Unmittelbar vor ihrer Hochzeit erfährt sie aber, dass sie nicht die erste Frau in seinem Leben ist – und noch nicht einmal die zweite: Er war bereits siebenmal verheiratet. Eine Ehe mit Brandon steht für sie damit zwar außer Frage – wie kann sie ihm mit diesem Wissen noch vertrauen? –  doch ein Rückzieher ist auch nicht mehr möglich, weil er gesellschaftliche Stigmatisierung bedeuten würde. Ebenso wenig ist sie gewillt, von sich aus von ihrem Eheversprechen zurückzutreten, schließlich geht es auch um finanzielle Interessen und sie ist ohne Frage die Betrogene. Also treffen beide eine Vereinbarung: Sie führen nach außen eine normale Ehe, die aber privat nicht vollzogen wird. Er verspricht ihr Treue und Liebe und 100.00 Dollar, falls er doch irgendwann die Lust an ihr verlieren und die Scheidung einreichen sollte. Fortan wird er von ihr geschnitten, gegängelt und hingehalten: eine Schmach für den Mann, der es sonst gewohnt ist, alles zu bekommen, was er haben will.  Gleichzeitig verbietet es ihm sein Ehrgeiz, das Spiel zu beenden …

Der große Clou an Lubitschs Film, das, was seiner Geschichte Ambivalenz, Deutbarkeit, aber auch das Herz verleiht, ist, dass nie geklärt wird, was Brandons bisherige Ehen eigentlich scheitern ließ. Wenn der Zuschauer ihm zum ersten Mal begegnet, liegen diese Erfahrungen bereits weit hinter ihm und es ist ebenso denkbar, dass dieser unfreundlich-unnahbare Typ seine Frauen, denen er sich als Millionär nie wirklich verpflichtet fühlen musste, mit seiner Art in die Flucht geschlagen hatte, wie auch, dass seine harte Schale nur ein Panzer ist, den er sich über die Jahre als Schutzschild vor Enttäuschungen zugelegt hat; weil nämlich seine Frauen stets nur das eine von ihm wollten: Geld. BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE lässt sich so gleichermaßen als Märchen über die „Zähmung des Widerspenstigen“ verstehen (Shakespeares Stück wird einmal von Brandon gelesen und dient ihm als Inspiration, Nicole – ebenfalls eine Widerspenstige, wenigstens in seinen Augen – zur Vernunft zu bringen, allerdings erfolglos), als Geschichte über die Vermenschlichung eines „Unmenschen“, aber auch als hintersinnige Komödie über die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern, die keinesfalls so klar zugunsten der Männer ausgerichtet sind, wie es vordergründig den Anschein hat. Schon in der Eröffnungsszene, zeigt Lubitsch sehr deutlich, wer seiner Meinung nach die Hosen anhat: Brandon will einen neuen Pyjama kaufen, ist aber nicht bereit, 100 Dollar für das ganze Kleidungsstück auszugeben, da er nur das Oberteil haben will. Seinem Wunsch, nur die Hälfte zu bezahlen und auf die Hose zu verzichten, möchte man aber nicht nachkommen. Die Lösung des Problems naht mit Nicole, die wiederum nur die Hose, aber kein Oberteil braucht – und zwar für ihren Vater (einmal mehr Lubitschs Dauerdarsteller Edward Everett Horton). Der männliche Macher Brandon wird hier gleich mehrfach zurechtgestutzt: damit, dass man ihm seinen Wunsch abschlägt, dass es einer Frau bedarf, um ihm zu helfen, sie sowohl über das Pyjamamodell entscheidet (er will den dunkelblauen, sie wählt den gestreiften) als auch den geringeren Anteil des Preises bezahlt und er in Folge schließlich dem Mann begegnet, der „seine“ Pyjamahose trägt. Andererseits geht mit dieser symbolischen Kastration eben auch eine Problemlösung einher: Er bekommt sein Pyjamaoberteil. Das Leben ist voller Kompromisse.

Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Brandon bei diesen Kompromissen schlechter wegkommt. Am Ende des Films ist er so entnervt, dass er sogar in einer Zwangsjacke landet. Aber vielleicht ist das das Opfer, dass nötig ist, um endlich die klaffende Lücke in seinem Leben zu schließen. Nicole, so ahnt man, ist wohl die richtige Frau, um es mit diesem Chauvi aufnehmen zu können. Wahrscheinlich braucht er genau diese Frau, eine, die sich ihm widersetzt, über die er nicht verfügen kann, die ihn in den Wahnsinn treibt, ihm den Spiegel vorhält und den Spieß herumdreht (mir kommt das übrigens auch nicht ganz unbekannt vor). Jetzt, wo ich so über den Film nachdenke, bin ich mir übrigens ziemlich sicher, dass es an der genannten Unterbrechung lag, dass er uns am Ende etwas enttäuscht hat. Er ist schon ziemlich toll und keineswegs nur leichtes, heiteres Lustspiel. Ich will hier nicht den immergleichen Sermon herunterbeten, darüber wie modern, fortschrittlich und provokant Lubitschs Filme sind. Die Entdeckung hier war für mich Gary Cooper, der fast Cary Grant’schen Charme aufbietet und mitleiderregend gut ist als an den Rand des Nervenzusammenbruchs getriebener Machtmensch. Es ist auch seiner Darstellung zu verdanken, dass man Michael Brandon zu den vielschichtigsten, interessantesten und sympathischsten (Männer-)Figuren in Lubitschs Werk zählen darf. Dass BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE saukomisch ist … das ist ja eh klar.

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