shop around the corner (ernst lubitsch, usa 1940)

Veröffentlicht: Dezember 28, 2012 in Film
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Morgens, vor Beginn des Arbeitstages, versammeln sich die Angestellten eines kleinen Geschäfts im Zentrum Budapests vor dessen Eingangstür und warten auf die Ankunft ihres Chefsn Hugo Matuschek (Frank Morgan), damit er die Tür aufschließt und sie hereinlässt. Bis dahin bilden sie kleine Grüppchen, unterhalten sich, diskutieren angeregt oder streiten. Da ist der Verkaufsleiter Alfred Kralik (James Stewart) ein rechtschaffener und kultivierter Mann, der sich nach nichts mehr als nach der richtigen Frau sehnt. Auf der Suche ist er über eine Zeitungsannonce gestolpert und steht nun in reger schriftlicher Korrespondenz mit einer Dame, die ganz nach seinem Geschmack scheint. Aber das Treffen mit ihr könnte natürlich auch eine herbe ENttäuschung bringen. Sein Vertrauter ist der ältere Herr Pirovitch (Felix Bresser), Ehemann und Vater zweier Kinder und eine Seele von Mensch. Ganz anders der aalglatte Vadas (Joseph Schildkraut), ein intriganter Geck und gandenloser Opportunist, der jedem nach dem Mund redet, um Informationen aus ihnen herauszulocken, die er dann beim Chef gegen sie einsetzen kann. Die Belegschaft wird ergänzt durch eine Kassiererin und eine weitere Verkäuferin sowie den kecken Botenjungen Pepi (William Tracy). Und natürlich Matuschek selbst: einem manchmal etwas polterigen Patriarchen mit gutem Herzen. Gemeinsam bilden sie eine Gemeinschaft, die zwar in erster Linie zufällig zusammengewürfelt wurde, aber deren Mitglieder dennoch in einer Weise am Leben des anderen teilhaben, die den Begriff der „Zweckgemeinschaft“ unpassend erscheinen lässt.

Lubitsch zeichnet in seinem Weihnachtsfilm eine kleine Sozialutopie: Das Geschäft Matuscheks ist die Gesellschaft in der Nussschale, seine Mitarbeiter haben all die Probleme und Konflikte „normaler“ Bürger  – aber eben auch die Vertrautheit und Empathie, die nötig ist, dem anderen bei seinen Sorgen beizustehen und ihm zu helfen. Natürlich stehen hinter ihrer Arbeit handfeste wirtschaftliche Interessen – sie alle müssen ein Leben finanzieren, haben Familien zu versorgen, wollen weiterkommen im Leben –, aber ihr Engagement erschöpft sich nicht im nackten „Geldverdienen“: Sie arbeiten gerne für ihren Chef und ja, sie mögen einander. Natürlich bleiben Probleme nicht aus und es wunder kaum, dass die ihren Ursprung in den emotionalen Tumulten der Liebe haben: Die verschworene Gemeinschaft droht zu zerbrechen, als Matuschek erfährt, dass einer seiner Angestellten ein Verhältnis mit seiner Gattin hat. Und die Idealisierung ihres jeweiligen Brieffreunds lässt Alfred und seine neue Kollegin Klara (Margaret Sullavan) blind gegenüber dem anderen werden: Sie sind es, die sich einander poetische, emotionale, überschwängliche Briefe schreiben, sich im echten Leben, das sie als Kollegen miteinander verbringen, nicht ausstehen können.

SHOP AROUND THE CORNER erinnert nicht zuletzt wegen James Stewart etwas an das humanistisch-märchenhafte Kino Capras. Er ist etwas weniger mutig und progressiv als ein DESIGN FOR LIVING oder TROUBLE IN PARADISE, aber von den Lubitschs, die ich bisher gesehen habe, dafür der wärmste, harmonischste und schönste. Es ist nichts Spöttisches an ihm: Der Film ruht in sich – und in der Gemeinschaft der Angestellten von Matuschek, als habe Lubitsch es diesen liebenswerten Menschen gegenüber nicht mehr geschafft, die Rolle des zynischen Beziehungsskeptikers aufrechtzuerhalten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Lubitsch dem Charme seines Hauptdarstellers erlegen ist: Es ist unmöglich, Stewarts Kralik nicht das Beste zu wünschen, ihm nicht die Daumen zu drücken, dass er Klara am Ende in den Arm nehmen kann. Vielleicht mutet das Ende des Films auch deswegen wie das Negativ von BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE an. Bekam Claudette Colbert dort Gelegenheit, Gary Cooper all das zurückzuzahlen, was er – ihrer Meinung nach – den Frauen angetan hatte, so ist es hier Kralik, der seine Klara ein wenig quälen darf, bevor er sie letztlich mit der Enthüllung erlöst, dass er der Schreiber jener romantischen, geistreichen Briefe ist. Sie war es zuvor, die dem armen Kerl mit unverhohlener Ablehnung und nur leicht verborgenen Beleidigungen zugesetzt hatte. SHOP AROUND THE CORNER ist thematisch weniger stark auf das Thema „Ehe“ gemünzt, er ist allgemeiner in seinem Ansatz. Die Menschen stehen sich mit ihren Ansprüchen allzu oft selbst im Weg, versperren sich den Zugang zum Glück, das oft so nahe liegt, mit absurden Vorstellungen darüber, wie dieses Glück auszusehen habe. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Das klingt nur dann banal, wenn man nicht gesehen hat, was für einen wunderbaren Film Lubitsch aus dieser abgegriffenen Redensart gemacht hat – oder wenn man selbst ein ausgesprochener Miesepeter ist.

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