cluny brown (ernst lubitsch, usa 1946)

Veröffentlicht: Dezember 29, 2012 in Film

Cluny Brown (Jennifer Jones), eine junge, aus einfachen Verhältnissen stammende und als Waisenkind bei ihrem klempnernden Onkel aufgewachsene Frau, begegnet zum ersten Mal ihren künftigen Arbeitgebern: Sir Henry Carmel (Reginald Owen) und Lady Alice Carmel (Margaret Bannerman), wohlhabenden englischen Landhausbesitzern, für die Cluny demnächst als Hausmädchen tätig sein soll. Ganz entgegen der Etikette, nach der Bedienstete ihre Arbeitgeber nie direkt und unaufgefordert ansprechen dürfen und sich zu verhalten haben, als seien sie Luft, entspinnt sich durch ein Missverständnis – das Ehepaar ahnt nicht, dass es sich bei der Frau, die ihnen von einem Bekannten vorgestellt wird, um ihr künftiges Hausmädchen handelt – ein freundliches Gespräch, in dessen Verlauf es zum folgenden Austausch zwischen der hübschen, unschuldig wirkenden Cluny und dem distinguierten Ehepaar kommt:

Cluny (zu Lady Alice): „I will do anything to please you. Even some extra things. (Zu Sir Henry) How is your plumbing?“Sir Henry (erstaunt): „Plumbing? There’s nothing wrong with our plumbing, is there, Alice?“
Lady Alice: Schaut fragend und ratlos, nicht wissend, welchen Verlauf das Gespräch nehmen wird.
Cluny: (wieder zu Sir Henry) „I almost wished some of your pipes leaked. I could fix it.“
Sir Henry: „You mean to tell me young girls go in for plumbing nowadays?“
Cluny: „It’s great fun, and does everybody so much good.“
Sir Henry (irrirtiert): „My George, when I was a young man we never ever discussed plumbing. As a matter of fact we didnt’t have any.“

Lubitsch widmet sich in CLUNY BROWN wieder seinem Lieblingsthema: den Hindernissen, die die Gesellschaft dem Individuum auf der Suche nach dem persönlichen Glück in den Weg stellt. In diesem Film ist es nicht so sehr die Konvention der Ehe, mit dem dazugehörenden Versprechen der Treue, die seinen Protagonisten zu schaffen macht, es ist das strenge britische Klassensystem, das für Cluny Brown einen festen Platz vorsieht, an dem sie nicht glücklich werden kann. Für das eher abstrakte Problem findet Lubitsch ein sehr griffiges Bild: Cluny ist begeisterte Klempnerin, seit sie ihrem Onkel als Kind bei der Arbeit zusah. In der Welt, in der sie lebt, ist es jedoch undenkbar, dass sich eine Frau handwerklich – also in einer dem Mann vorbehaltenen Domäne – behauptet. Es ist unschicklich; umso mehr, als Lubitsch dieses Handwerk wie in dem Dialog oben eindeutig sexuell konnotiert. Es spielt keine Rolle, dass Cluny es nicht so meint, wenn sie dem Lord die Rohre durchblasen will, sich nicht darüber im Klaren ist, dass es sich für eine Frau „nicht gehört“ mit Hammer und Rohrzange unter dem Abfluss zu knien: Ihr Verhalten beschämt und verprellt ihre Mitmenschen – die es natürlich auch nicht besser wissen. Ausnahme ist der tschechische Philosoph und Literat Adam Belinski (Charles Boyer), der ebenfalls im Hause der Carmels wohnt, von Clunys besonderen Talenten bereits vorher durch Zufall erfahren hat und der Meinung ist, dass jeder ein Recht darauf hat, sein Leben so zu leben, wie er es wünscht. Er hat sich gleich in die unkonventionelle junge Frau verliebt. Nachdem er sie auf ihrem Dienstmädchenzimmer besucht hat, um sie nach einem pannenreichen ersten Arbeitstag zu trösten, und sie ihn herausgeleitet, wird ihre kurze Verabschiedung vom Butler und der Ober-Haushälterin belauscht:

Cluny: „I can’t thank you enough. (Erleichtert) Aaaaah, I feel so much better.“
Belinski: „Have a good night’s sleep, Cluny!“
Cluny: „I think I will. How lucky that we met in that flat. I wish I were back there right now. Wish I could roll up my sleeves and roll down my stockings and loosen the joint (seufzt verträumt) and then bang, bang, bang.“
Belinski: „Well, I think I’ll go to my room now … (konsterniert) and let the nightingale bang me to sleep.“

Man kann sich diesen Dialog in leicht abgewandelter Form durchaus in einer Komödie jüngeren Datums vorstellen, aber es ist zu bezweifeln, dass der frivol-schlüpfrige Witz heute ähnlich stilvoll und diskret wirkte. Ich weiß nicht, was es genau ist, aber Lubitschs doppeldeutigen Dialoge erscheinen niemals forciert, sie sind so deutlich und explizit wie nötig, bleiben dabei aber so diskret wie möglich. Eher fühlt man sich als Zuschauer dabei ertappt, die eigentlich harmlosen Zeilen in so unverschämter Weise interpretiert zu haben, als dass man den Protagonisten ein loses Mundwerk nachsagen könnte. Vor allem Cluny ist so frei von jedem bösen Hintergedanken, dass man ihr nichts unterstellen kann. Sie redet von nichts anderem als vom Klempnerhandwerk. Genau das ist das Zentrum von Lubitschs Kritik: Er nimmt die Verlogenheit des gehobenen Bürgertums aufs Korn, das ein moralisch reines Leben vortäuscht, aber überall den „Schmutz“ sieht und sich davon bedroht fühlt. Der Gipfel dieser moralischen Heuchelei ist der Apotheker Wilson (Richard Haydn), in den sich Cluny – beeindruckt von der Sicherheit, die ein Leben mit ihm verspricht – verliebt und der sie zu heiraten gedenkt. Stolz berichtet er, nie von seinem Geburtsort weggezogen zu sein, er lebt mit seiner nur Keuchlaute von sich gebenden Mutter in einem Haus, in beinahe sklavischer Askese einem rigiden, jeder Spontaneität beraubten Alltag hingegeben. Als Cluny just in dem Moment, als Wilson seinen Gästen seine künftige Gattin vorstellen will, das Klempnerwerkzeug auspackt,um sein Waschbecken zu reparieren, ist es vorbei mit ihrer Beziehung. Für eine solche Person ist in seinem fein säuberlich arrangierten Leben doch kein Platz.

Cluny Brown hat noch das Glück, dass ihr ein weltoffener Intellektueller über den Weg läuft, der sich nicht für Konventionen interessiert und sie im Stile romantischer Komödien aus ihrem Leben entführt. Betty Cream (Helen Walker), die Andrew (Peter Lawford), den Sohn der Carmels heiraten soll, und sich dem Druck durch zickiges Verhaltenzu entziehen sucht, gelingt diese Flucht nicht. Wenn sie von ihrer künftigen Schwiegermutter freundlich, aber keinen Widerspruch duldend zur „Vernunft“ gebracht wird, die vorher aufmüpfige junge Frau plötzlich zum devoten Mäuschen wird, das keine Meinung haben darf, ist das einer der dunkleren Momente des Films, der zeigt, welche Opfer das von Lubitsch aufs Korn genommene Klassensystem forderte.

Der „Lubitsch Touch“, das ist wohl eine Verbindung unterschiedlichster Merkmale, die keiner vor oder nach ihm so hinbekommen hat wie eben Lubitsch: Indiskretion diskret zu verpacken (man muss immer bedenken, dass die oben zitierten Dialoge aus einem Hollywoodfilm der Vierzigerjahre – post-Hayes‘ Code also – stammen), dem Zuschauer ungeliebte Wahrheiten so darzubieten, dass er sich für ihren Erhalt noch bedankte, anstatt sie abzulehnen, Leichtfüßigkeit und Charme mit unmissverständlicher, scharfer und seinerzeit wohl auch mutiger Kritik zu vereinen und seinen Witz dabei niemals überzustrapazieren. Um dieses Talent richtig einzuschätzen, stelle man sich nur mal vor, welche Zote Hollywood heute aus der Prämisse der klempnernden Frau machen würde, um zu erkennen, was für ein Genie Lubitsch war. Ich kann meiner Bewunderung gar nicht deutlich genug machen. Ich bin froh, mich seinem Schaffen endlich einmal gewidmet zu haben.

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