forbidden planet (fred m. wilcox, usa 1956)

Veröffentlicht: Januar 2, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Zwei Aussagen zu FORBIDDEN PLANET: A) Der Film ist ein gottverdammtes Meisterwerk und als solches Inspirationsquelle für Dutzende von Filmklassikern von SOLARIS bis ALIEN gewesen. Die Geschichte des Science-Fiction-Films wäre ohne ihn nicht dieselbe. B) Er ist formelhaftes Genrekino von einem Regisseur, der zuvor vor allem mit kitschigen Lassie-Filmen in Erscheinung getreten war. Beide Sätze sind wahr: An FORBIDDEN PLANET zeigt sich, was innerhalb des B-Films Genrefilms möglich ist, wenn alles an seinen Platz fällt. Eine originelle Grundidee, ein fantastisches Produktionsdesign und ein Filmemacher, der der Fantasie der Zuschauer nicht in die Quere kommt, reichen aus, um aus einem kleinen, vermeintlich generischen Science-Fiction-Film Kino für die Ewigkeit zu machen.

Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es gerade dieser Zusammenprall des Generischen und des Einzigartigen ist, der FORBIDDEN PLANET erst zu dem macht, was er ist. Der Film scheint kein Bewusstsein von seiner eigenen Größe zu haben, steigert sich gegen jede Wahrscheinlichkeit zu einem neue Maßstäbe setzenden Werk. Wilcox steht mit seiner unbedarften, steifen Regie der Besatzung des Raumschiffs zur Seite, stolpert quasi mit ihnen über die Relikte einer Zivilisation, die sie mit ihren beschränkten menschlichen Mitteln nicht einmal ansatzweise verstehen können. Ihr Schaudern im Angesicht des Unbegreiflichen spiegelt sich in der ganzen Komposition des Films wider, im Nebeneinander dieser typischen Fünfzigerjahre-Steifheit und dem großartigen Dekor des Films, das ständig über seinen eigenen Rahmen hinausweist, etwas andeutet, was nicht greifbar ist. In FORBIDDEN PLANET gelingt auf diese Art und Weise etwas, woran schon weitaus größere Filmemacher gescheitert sind: die Darstellung einer Welt, die jenseits menschlicher Intepretationsmuster liegt. Der Film wirkt auf eine Art und Weise fremd und befremdlich, die sich dem begrifflichen Zugriff entzieht.

Eine Szene bzw. Sequenz finde ich hinsichtlich dieser Sichtweise besonders toll und wichtig. Es ist jene, in der der auf dem Planeten Altair-4 gestrandete Wissenschaftler Dr. Edward Morbius (Walter Pidgeon) dem Kommandanten des Raumschiffes (Leslie Nielsen), das ihn retten soll, und dem Schiffsarzt einen Einblick in die Überreste der Zivilisation jener seit Millionen von Jahren ausgestorbenen Ureinwohner des Planeten gewährt. Zunächst führt er ihnen eine Maschine vor, die nach dem Anlegen dreier Sonden die Gehirnströme der jeweiligen Person anzeigt: Morbius, laut eigenem Bekunden mit einem IQ von 183 ausgestattet, rangiert auf der von Außerirdischen geschaffenen Skala im unteren Drittel, die beiden Astronauten noch deutlich unter ihm. Auch die folgende Besichtigung eines gigantischen, in seiner Größe kaum noch erfassbaren Kraftwerks dient vor allem dazu, die menschlichen Protagonisten zu Zwergen zu machen. (Die mithilfe von Matte Paintings realisierten Szenen lassen erahnen, wo sich George Lucas zur Architektur des Todessterns inspirieren ließ.) Es ist nicht nur ziemlich erstaunlich, dass der Film seine eigenen Protagonisten als Geisteszwerge denunziert: In einem Genre, das sich nicht selten durch seinen Imperialismus und ein radikal anthropozentrisches Weltbild auszeichnete, mahnt er zur Demut vor dem, was „da draußen“ liegt, warnt vor der unermesslichen Zerstörungswut des Menschen, die als Einziges keinen Vergleich mit einer sonst in allen Belangen überlegenen Spezies zu scheuen braucht. Die hoffnungslose intellektuelle Minderbemitteltheit seiner Helden, die in vielen Science-Fiction-Filmen jener Zeit in erster Linie die ihrer Macher spiegelte und darüber hinaus eben nicht reflektiert wurde, wird hier zum wichtigen erzählerischen Bestandteil des Films. Wenn der tölpelhafte Schiffskoch (mit Schürze und Käppi auch optisch als Einfaltspinsel gekennzeichnet) die unfassbaren Fähigkeiten von Morbius‘ Roboter Robby dazu ausnutzt, sich einen Riesenvorrat an Schnaps zuzulegen, ist das mehr als nur Comic Relief: Es zeigt, dass die Menschheit für bestimmte Erkenntnisse und Errungenschaften noch nicht reif genug ist. Auf dem verbotenen Planeten stoßen sie an ihre Grenzen – ironischerweise gerade deshalb, weil sie mit Mitteln ausgestattet werden, die es ihnen ermöglichen, diese Grenzen zu überschreiten.

Das alle macht FORBIDDEN PLANET zu einem großen Film. Aber da ist noch etwas, etwas, das ich nicht anders als mit dem reichlich schwammigen Begriff „Atmosphäre“ beschreiben kann. Dieses Gefühl, dass sich in der Magengrube festsetzt, wenn man zum ersten Mal diese desolate Planetenoberfläche unter dem grünen Himmel sieht. Dass einen beschleicht, wenn man beginnt, zu erahnen, dass auf diesem Planeten etwas verborgen ist, das sich mit dem menschlichen Verstand nicht begreifen lässt. Ich weiß nicht, wie man dieses Gefühl benennen kann. Es ist wahrscheinlich älter als die Sprache.

EDIT: Bei Facebook führte der Einstieg zu diesem Text zu einer kleinen Diskussion über meine Behauptung, FORBIDDEN PLANET sei ein „B-Film“. Das ist schlicht falsch, selbst dann, wenn man den Begriff großzügig auslegt. Ich habe ihn hier etwas schwammig als Synonym für „Genrefilm“ gewählt, weil ich eine sprachliche Wiederholung vermeiden wollte. Und enstprechend korrigiert.

Kommentare
  1. Die unwirkliche Atmosphäre beruht natürlich zu einem beträchtlichen Teil auf dem elektronischen Soundtrack von Louis und Bebe Barron. Im Gegenstz zum Handwerker Wilcox waren das Avantgardisten, und sie verstanden sich auch so. Erstaunlicherweise war es MGMs Studiochef Dore Schary persönlich, der diese kühne Entscheidung traf. Und die Barrons nutzten die Chance, auch mal ein großes Publikum zu erreichen und richtig Geld zu verdienen. Außer in FORBIDDEN PLANET hört man ihre Arbeit nur noch einigen kurzen Avantgardefilmen, wie Shirley Clarkes BRIDGES-GO-ROUND. Sie hätten durchaus noch mehr Mainstream-Filme vertont, bekamen aber keine Aufträge mehr. So ist es FORBIDDEN PLANET zu verdanken, dass sie nicht nur einem sehr kleinen Häuflein von Eingeweihten bekannt sind.

    • Oliver sagt:

      Gebe dir völlig Recht, was die Bedeutung der Musik angeht. Ein Fehler, dass ich darauf nicht eingegangen bin. Passiert mir oft, komischerweise.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.