thieves‘ highway (jules dassin, usa 1949)

Veröffentlicht: Januar 2, 2013 in Film
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Jules Dassin verbindet man vor allem mit DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES, jenem Heist Movie, der auch heute noch Vorbild ist, wenn es darum geht, elaborierte Einbruchssequenzen zu inszenieren. Der Film, den der US-Amerikaner Dassin im französischen Exil inszenierte, nachdem er als Kommunist verleumdet worden war und in seiner Heimat keine Arbeit mehr fand, war so einflussreich, dass der Regisseur selbst ein paar Jahre später mit TOPKAPI noch ein Update vorlegen musste. Ich kenne aus Dassins Werk leider sonst nichts, aber eines kann ich nach der Sichtung von THIEVES‘ HIGHWAY mit Geissheit sagen: Er schlägt DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES um Längen.

Als der Ingenieur Nick Garcos (Richard Conte) nach einer langen Schiffsreise zurück nach Hause kommt, erfährt er, dass sein Vater querschnittsgelähmt ist. Der vermutet, dass der Gemüsegroßhändler Mike Figlia (Lee J. Cobb) dahintersteckt: Er hatte dem Vater auf Kommission eine Wagenladung Tomaten abgenommen und wollte sich möglicherweise mit einem Mordanschlag um die Bezahlung drücken. Nick ist entsetzt darüber, dass sein Vater dieses Unrecht einfach so hinnimmt und beschließt, etwas zu unternehmen. Er verdingt sich kurzerhand als Apfelhändler und versucht, mit Figlia ins Geschäft zu kommen, um so etwas über dessen eventuelle Involvierung in den Unfall seines Vaters zu erfahren. Doch als Nick nach 1.000 Meilen auf der Straße und einem nach etlichen Schwierigkeiten doch noch geglückten Geschäft einen dicken Gewinn in den Händen hält, vergisst er seine ursprünglichen Motive. Bis er zwei von Figlias Schlägern zum Opfer fällt …

Dassin entführt den Zuschauer mit THIEVES‘ HIGHWAY in eine Welt, die ebenso banal wie enigmatisch ist: Das nächtliche Treiben auf dem Großmarkt zeichnet er als eine ganz eigenen Codes folgende Subkultur. Es geht nur an der Oberfläche um Obst, Gemüse und den besten Deal: Dahinter verbirgt sich ein verlockendes Spiel, in dem es jede Nacht um nicht weniger als die Existenz geht. Es ist eine fremde Welt voller Verheißungen, die sich Nick eröffnet, voller Geheimnisse und Möglichkeiten, und er erliegt ihr, ohne den eigenen Kontrollverlust zu bemerken. Die Kategorisierung des Films als Noir macht auf den ersten Blick keinen Sinn, ist aber auf den zweiten völlig logisch: Dassin ersetzt lediglich die üblichen Räume des Noirs – etwa das Detektivbüro oder das Hinterzimmer, in dem man dem Glücksspiel frönt – durch die Markthallen und das Büro eines Gemüsehändlers. Die Schatten, die sie durchziehen (die dunklen, regennassen Straßen des Hafenviertels von San Francisco sind eine wunderbar stimmungsvolle Kulisse), die Stolperfallen, die sie bereithalten, die Sinnestäuschungen, denen der Protagonist unterliegt, sind dieselben. Der Held des Noir muss ja am Ende seines Weges meist erkennen, dass er mitnichten die Fäden in der Hand hatte, sondern wie ein Blinder durchs Dunkel getappt und nur durch eine Laune des Schicksals noch am Leben ist. Genauso verhält es sich mit Nick, der Figlia immer einen Schritt hinterherhechelt, während er noch denkt, ihm einen Schritt voraus zu sein. Sein Leben – der kranke Vater, die wartende Verlobte – ist schnell vergessen, als ihn erst die verführerische Rica (Valentina Cortese) auf ihr Zimmer einlädt, er dann einen Streit mit Figlia für sich entscheiden und dem Mann sein Geld abringen kann: Auf einmal scheint er der König dieser Welt, die ihm wenige Stunden zuvor noch völlig fremd war. Das Erwachen aus dem Traum muss schmerzhaft sein.

Aber es gibt dennoch einen wesentlichen Unterschied zum Noir: Wenn Dassin die Welt des Großmarkts als dunkles Schattenreich zeichnet, ist das weniger eine Allegorie auf die allgemeine Absurdität der menschlichen Existenz, als Ausruck einer ganz konkreten politischen Überzeugung, die man als „links“ oder genauer als „marxistisch“ bezeichnen kann (hier ahnt man dann, wie Dassin auf der schwarzen Liste landen konnte). Der Großmarkt ist der Ort, an dem sich die Besitzlosen verkaufen, in einen erbitterten Kampf gegeneinander treten, wo sie sich eigentlich gemeinsam gegen ihre Unterdrücker auflehnen sollten. Kaum hat Nick ein paar Scheine in der Tasche, hat er bereits vergessen, dass sein Vater im Ringen um die eigene Existenz seine Beine verloren hatte. Kinney fährt sich lieber in einer Schrottmühle zu Tode, als sich helfen zu lassen und dafür auf einen Teil seines Gewinns zu verzichten, seine potenziellen Helfer schauen ihm lieber dabei zu, als ihm unentgeltlich zu helfen. In der Welt von THIEVES‘ HIGHWAY kämpft jeder für sich, jede Nacht aufs Neue. Jeder Sinn für Solidarität bröckelt, sobald von außen Geld ins Spiel gebracht wird. Jeder, auch der Wohlmeinendste, ist käuflich. Dassin macht sich nicht des Zynismus schuldig. Man erkennt den Humanisten in jeder Sekunde des Films, den Mann, der daran verzweifelt, wie der Kapitalismus die Nöte des Individuums auszunutzen weiß.

Ein Meisterwerk, ohne jede Frage. Ein nach meinem jetzigen Kenntnisstand zudem in Hollywood völlig singulärer Film, originell, ohne in irgendeiner Form abgehoben oder verschroben zu sein. THIEVES‘ HIGHWAY ist ebenso magisch wie schmerzhaft luzide, schön und abstoßend zuleich. Mich hat er ein bisschen an Lynchs BLUE VELVET erinnert, mit dem er vordergründig nur wenig teilt. Aber wie Nick dem Zauber des nächtlichen Marktes erliegt, rief mir unweigerlich Jeffrey Beaumonts Abstieg in die Unterwelt seines Heimatstädtchens ins Gedächtnis.

 

Kommentare
  1. Dassins Drehbuchautor (und dann langjähriger Freund) A.I. Bezzerides kannte das Milieu der Fernfahrer und Großmarkthändler aus eigener Anschauung. Er hatte als LKW-Fahrer gearbeitet, um sein Studium zu finanzieren, und sein griechischstämmiger Vater war zeitweise Obsthändler. Bezzerides‘ erster Roman „The Long Haul“ war die Grundlage für den Fernfahrer-Klassiker THEY DRIVE BY NIGHT von Raoul Walsh, und auch THIEVES‘ HIGHWAY beruht auf einem Roman, in dem Bezzerides von seinen eigenen Erfahrungen zehrt.

    Bezzerides ist heute hauptsächlich für den fulminanten KISS ME DEADLY von Aldrich bekannt, aber er war an viel mehr Filmen beteiligt, als es sein dürrer IMDb-Eintrag (nach Abzug von TV-Folgen nur 15 Filme) nahelegt. Er war bei Warner Brothers unter Vertrag und wurde bei vielen Drehbüchern beschäftigt, ohne dann genannt zu werden. Im Gegensatz zu Dassin kam er nicht auf die schwarze, aber immerhin auf eine (noch weniger offizielle) graue Liste, wodurch seine Lage jahrelang prekär war. 2005 erschienen gleich zwei Dokus über und mit ihm (in beiden trat auch Dassin auf), wodurch er ein bisschen der Obskurität entrissen wurde. Er starb mit 98 und wurde damit noch zwei Jahre älter als Dassin.

    Von Dassins amerikanischen Filmen lohnen sich auf jeden Fall noch der ruppige BRUTE FORCE und der semidokumentarische THE NAKED CITY, in dem New York der eigentliche Star ist.

  2. Der gehört zu meinen Lieblingsfilmen und ich freue mich, daß er hier eine neue Plattform bekommt. Obwohl die DVD in Deutschland nämlich in der Reihe Große Film Klassiker von Fox veröffentlicht wurde, hatte ich selbst nie von dem Film gehört, bis die Scheibe mal in einer Tedi-Aktion verramscht wurde. Sträflich.
    Besonders fruchtbar erwies sich auch, daß ich kurz zuvor Fords The Grapes of Wrath gesehen hatte und somit auf das goldene Kalifornien ganz besonders eingestimmt war.
    Auf eine gewisse Art ergänzen sich die Filme mit ihren Motiven.

    • Oliver sagt:

      An GRAPES OF WRATH musste ich auch sofort denken – obwohl ich den noch gar nicht gesehen habe.

      • Na dann los! 😀
        Gerade, wenn man nur seine Western kennt, verändert Grapes of Wrath zusammen mit How Green Was My Valley schon das Bild von John Ford und zudem haben mich diese beiden bisher von ihm am meisten beeindruckt. Ich weiß nicht, inwiefern das in deinem Interesse liegt, aber zur Rezeption seiner Werke ist es ungemein wichtig, sein Selbstempfinden nicht als Western- sondern als Regisseur von Americana nachzuspüren.
        Einen guten Grundstock aus der großen Filmographie bekommt man aus den USA mit den Ford at Fox Boxen und der John Ford Film Collection von Warner.
        Für 25 Dollar kann man hier wohl kaum meckern: http://www.amazon.com/Ford-Fox-Collection-Essential-Clementine/dp/B000WMA6HS
        Gibt aus der Reihe dann noch eine Comedy und eine Stummfilmbox.

      • Oliver sagt:

        Ich habe Ford schon länger im Auge und weiß auch, dass er viel mehr als Western gemacht hat. Dass dieses Genre seinem Interesse an Americana lediglich am nächsten kam. Bislang bin ich vor dem schieren Umfang seines Werks noch zurückgeschreckt. Da mir ein Umzug bevorsteht, nehme ich von filmischen Großprojekten (die ja auch immer mit finanziellem Aufwand verbunden sind) im Moment lieber Abstand. Irgendwann ist Ford aber mal fällig, ganz klar.

      • Kann ich mir gut vorstellen. Aufgrund Gegenüberstellungen/Vergleiche mancher Autoren will man dann eventuell auch noch was von anderen Regisseuren parallel sehen. Oder man will sich zunächst noch z.B. mehr mit Griffith beschäftigen. Da kann man bestimmt viel draus machen und ich weiß, daß du sowas durchzuziehen auch wesentlich konsequenter in der Lage bist als ich. Ich freue mich auf jeden Fall schonmal auf interessante Betrachtungen, wenn es denn so weit ist.
        Für den Umzug wünsche ich gutes Gelingen. Sowas steht mir möglicherweise auch noch bevor und mir graut es hauptsächlich vor dem Bewegen meiner Sammlung. Der Horror, oder?

      • Oliver sagt:

        Ja, fürchterlich. Noch schlimmer als das eigentliche Transportieren und Neueinrichten finde ich das „Wiederherstellen“ der alten Wohnung. Noch Zeit in etwas zu investieren, was man hinter sich lassen will, grausam. Und dann dieser ganze bürokratische Kram, der dann noch zu erledigen ist. Ärx. Naja, ich freue mich auf 30 qm mehr Platz und eine Wohnung ohne halbgare Provisorien und asoziale Nachbarn. 🙂

  3. Sano sagt:

    Lieblingsfilm. Und da Manfred ihn auch schon erwähnt hat, empfehle ich auch nochmal They Drive By Night der ebenfalls großartig ist. Überhaupt LKW-Filme. Sollte es mehr von geben.
    Und Bezzerides ist natürlich auch super: The Jayhawkers, The Angry Hills, und dann neben Aldrich auch noch für Wellman und Ray geschrieben. Ein Macho-auteur par excellence.
    Danke auch für die kompakten Infos Manfred. 🙂

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