bunny lake is missing (otto preminger, großbritannien 1965)

Veröffentlicht: Januar 4, 2013 in Film
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Richtig gern hätte ich BUNNY LAKE IS MISSING richtig gut gefunden, leider ist es mir bis heute nicht gelungen, das Gefühl der Enttäuschung loszuwerden, das mich schon im letzten Drittel des Films beschlichen hatte. Dabei bringt der britische Schwarzweiß-Thriller Premingers – deutlich von den psychologischen Hochspannungsfilmen Hitchcocks inspiriert – eigentlich alles mit, was es zur Begeisterung braucht: Die von Saul Bass gestaltete Title-Sequenz, in der eine Hand Stücke des schwarzen Bildschirms „wegreißt“ und darunter dann immer einen Teil der Credits freilegt, ist grandios, ebenso wie Denys Coops kontrastreiche und spannungsgeladene Kameraarbeit. Auch die Geschichte um eine Frau, deren Tochter Bunny plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist und die deshalb mehr und mehr in Verdacht gerät, sich diese Tochter nur ausgedacht zu haben, nimmt den Betrachter sofort gefangen. Und Preminger erzählt sie mit jener mühelos wirkenden Leichtigkeit, die einen Meister des Fachs auszeichnet.

Die Amerikanerin Ann Lake (Carol Lynley) ist vor wenigen Tagen auf Geheiß ihres älteren Bruders Steven (Keir Dullea) nach England übergesiedelt. Als sie ihre Tochter am ersten Tag aus dem ersten Kindergarten abholen will, ist diese nirgendwo aufzufinden. Mehr noch: Keine der in dem Kindergarten arbeitenden Frauen kann sich überhaupt an das kleine Mädchen erinnern. Um eine Vermisstenmeldung aufzugeben, bittet der ermittelnde Superintendent Newhouse (Lawrence Olivier) um Fotos des Mädchens, doch alle Gegenstände, die auf ihre Existenz hinweisen könnten, sind aus Anns Wohnung verschwunden. Der Verdacht, dass Bunny nur in der Einbildung der jungen Frau existieren könnte, erhärtet sich, als Newhouse von ihrem besorgten Bruder erfährt, dass sie bereits als Kind eine ausgedachte Freundin namens „Bunny“ hatte …

Raffiniert zieht Preminger dieses Schreckensszenario auf: Sehr nachdrücklich zeigt er das Leid der jungen Mutter, die in zweierlei Hinsicht um die Existenz ihrer Tochter bangen muss. Nicht nur, dass Bunny wie vom Erdboden verschluckt ist: Nun wird sie auch noch mit dem Verdacht konfrontiert, dass sie nie existiert haben könnte. Verzweifelt klammert sie sich an jeden Strohhalm, doch je hartnäckiger sie nach vermeintlichen Beweise sucht, die belegen sollen, dass es Bunny gibt, umso mehr scheint sie damit genau das Gegenteil zu beweisen. Die Empathie des Zuschauers verlagert sich im Verlauf des Films immer mehr: Leidet man zu Beginn des Films mit Ann, weil man die Sorge um ihr Kind und ihren Schmerz teilt, so sieht man später hilflos dabei zu, wie ihre „Fantasie“ zerschlagen wird. Für Ann ist Bunny ohne Zweifel so real wie ein „echter“ Mensch, aber sie wird gnadenlos damit konfrontiert, dass ihren Mitmenschen ihre „stichhaltigen“ Beweise nicht genügen. Was ist schmerzhafter: In einer Illusion zu leben oder aber darauf gestoßen zu werden, in einer Illusion zu leben? Wie beweist man die Existenz eines Menschen, der nur für einen selbst existiert?

Das sind faszinierende Fragen. Leider geht BUNNY LAKE IS MISSING einen anderen Weg. Und hier fangen dann meine Probleme mit dem Film an. Denn Preminger baut seine Spannung auf einer ganz gezielten und wie ich finde unaufrichtigen Manipulation auf, ohne die er sein Spiel unmöglich spielen könnte. Er führt ganz bewusst auf eine falsche Fährte. Das gehört natürlich zum modus operandi eines jeden Thrillers, nur finde ich seine Form der Manipulation eher plump – vor allem gemessen an der Subtilität, die er sonst an den Tag legt. Ich möchte hier nicht spoilern, auch wenn ich von der im Netz verbreiteten Spoilerparanoia eigentlich nichts halte. Es ist sogar durchaus denkbar, dass BUNNY LAKE IS MISSING erheblich davon profitiert, wenn man nicht auf seine Auflösung hinfiebert, sondern sich ganz auf seinen unnachahmlichen Flow konzentriert. Es gibt genug faszinierende und seltsame Szenen: Der britische Bonvivant Noel Coward hat eine großartige Nebenrolle als unheimlicher Vermieter abbekommen, von dem man gern mehr sehen würde, und eine späte Szene in einem „Puppenhospital“ ist von fast märchenhafter Qualität. Diese großen Qualitäten des Films wurden für mich am Ende leider überlagert. Ich fühlte mich an die Plotwistereien moderner Thriller erinnert, die ich von diesem Klassiker eher nicht erwartet hatte. Aber für inkompetente Nachahmer kann Preminger ja eigentlich nichts. Nur eine Zweitsichtung kann hier also Gewissheit bringen.

Kommentare
  1. Alex sagt:

    Die Puppenhospital-Szene hat sich bei mir auch regelrecht ins Gedächtnis eingebrannt, die ist vollkommen großartig. Fand den Film auch grundsätzlich toll, kann deine Probleme mit ihm aber nachvollziehen. Mag aber auch Carol Lynley sehr, wie auch Hayley Mills und andere ehemalige Kinderstars, die später auf Lolita machten – die Kombination aus Unschuld und Erotik hatte wohl in den Sixties ihren ästhetischen Höhepunkt.

    • Oliver sagt:

      Habe gestern noch einmal mit Leena über meine „Probleme“ bzgl. BUNNY LAKE diskutiert. Sie sieht das ganz anders, findet es durchaus legitim, dass der Film diese Auslassung zu Beginn vornimmt. Ich denke nach wie vor, Preminger wäre besser damit gefahren (und es wäre aufrichtiger gewesen), wenn er Newhouse zur eigentlichen Hauptfigur gemacht hätte und den Film damit hätte beginnen lassen, dass der in den Kindergarten gerufen wird, um den Fall eines verlorenen Kindes aufzuklären.

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