ben-hur (william wyler, usa 1959)

Veröffentlicht: Januar 6, 2013 in Film
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Judah Ben-Hur (Charlton Heston) kehrt nach Jahren als römischer Galeerensklave nach Hause zurück und muss erfahren, dass seine Mutter und Schwester als Leprakranke ausgestoßen in einem Tal außerhalb Jerusalems ein trauriges Dasein fristen. Zwar hatten sie Esther (Hay Harareet), Judahs Verlobte, gebeten, ihm nichts von ihrem Schicksal zu erzählen, ihn in dem Glauben zu lassen, dass sie beide verstorben sind, doch Judahs Sehnsucht ist zu groß, um ihren Wunsch zu respektieren. Kurz bevor er sie konfrontieren kann, wird er von Esther, die ihnen regelmäßige Nahrung bringt, aufgehalten. Wenn er sie liebe, dürfe er ihnen nicht gegenübertreten, sie würden es nicht ertragen, so von ihm gesehen zu werden. Er lenkt ein, versteckt sich hinter einem Felsbrocken, vor dem Esther den beiden schwerkranken und vermummten Frauen das Essen überreicht. Während sie sich bei ihr nach dem Befinden ihres Sohns und Bruders erkundigen, zerreißt es Judah keine zwei Meter von ihnen entfernt. Was muss er noch alles ertragen?

Wylers BEN-HUR, vielleicht der größte aller großen Monumentalfilme, mit denen Hollywood sich über gut zwei, drei Jahrzehnte als Wirtschaftsmacht und Traumfabrik präsentierte, ist vor allem wegen des Wagenrennens berühmt: einer irrwitzigen, rasanten Actionsequenz, die auch heute den Vergleich mit ähnlichen Szenen keinesfalls zu scheuen braucht und zu Recht als eine der größten überhaupt gilt. Dass es meines Erachtens nach aber die oben beschriebene Szenen ist, die den eigentlichen Höhepunkt des Films markiert, sagt viel über Wylers Regie aus. Wann immer ich mich in den letzten Jahren mit Monumentalfilmen beschäftigt habe, war ich am Ende vor allem seltsam unterwältigt. Ein Film wie QUO VADIS ergeht sich in überwältigendem Pomp, fährt unfassbare Kulissen und Kostüme auf, weiß damit aber kaum mehr anzufangen, als seine Darsteller darin hölzerne Dialoge aufsagen zu lassen. Der Monumentalfilm, der auf Größe aus ist, wirkt oft seltsam klein: wie Theater, aber auf einer größenwahnsinnig überdimensionierten Bühne, auf der die Menschen verschwinden. Dieses Problem hat BEN-HUR nicht, weil es die Charaktere und ihre Konflikte sind, die den Film monumental werden lassen, ihn antreiben und füllen. Es ist mitnichten ein untypischer Monumentalfilm: Es gibt wenig Raum für die leisen Zwischentöne oder gar kleine Sorgen. Alles ist gewaltig, geschichtsträchtig – sowohl inhaltlich als auch in der Umsetzung –, pathetisch, melodramatisch. Das Spiel der Darsteller ist theatralisch, die Dialoge auf größtmögliche Wirkung hin verdichtet: Niemand unterhält sich einfach nur, alles wird deklamiert. Aber Wyler gelingt es bei all dieser Epik trotzdem, den Zuschauer zu involvieren, indem er bei den Menschen bleibt, anstatt sie nur zum Medium zu machen, an dem sich Geschichte abzeichnet.

Das zeigt sich nicht zuletzt in der Darstellung von Jesus, dessen Geschichte quasi „nebenbei“, parallel zu Judahs Leidensweg, erzählt wird. Die Figur selbst beschäftigt ihn nur hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Protagonisten – und als historische Figur. Weder sieht man das Gesicht des vermeintlichen Messias noch hört man seine Stimme auch nur ein einziges Mal – alles, was Wyler einfängt, sind die Reaktion der Menschen auf ihn. Die „göttliche Macht“, die ihn durchdringt, wird so zu einer diskursiven: Es liegt alles im Auge des Betrachters. Jesus‘ Kraft, ist das, was seine Jünger darin sehen. Auch wenn Wyler zu Beginn ein göttliches Licht auf die Krippe in Bethlehem scheinen lässt, ist dieser Jesus bei ihm durch und durch menschlich. Er ist ein Mann mit großem Charisma und Überzeugungskraft, einer der in einer Zeit zahlreicher drängender Fragen Antworten bereithält, die seinen Zuhörern aus em Herzen sprechen. Natürlich ist es kitschig, wenn der reine Glaube Judahs Mutter und Tochter am Ende von der Lepra befreit, sich die ganze Familie wieder in die Arme schließen kann, nachdem es keine Hoffnung für sie mehr zu geben schien. Natürlich ist das eine Botschaft, die man schwerlich für bare Münze nehmen kann: Wenn du ganz fest an etwas glaubst, wird es irgendwann wahr. Aber Wylers Regie macht diese Botschaft goutierbar, holt sie – soweit es geht – aus den Wolken und auf den Boden der Tatsachen zurück. So wie das Blut des Messias am Ende vom Regen in den Boden Judäas gespült wird, auf dass es von seinen Jüngern aufgenommen werde.

BEN-HUR ist fest in seiner Zeit verwurzelt: 210 Minuten lang, eingeleitet von einer langen Overtüre, nach gut zwei Stunden von einer Intermission unterbrochen, voller Massen- und Schlachtszenen, schmachtender Liebesbekenntnisse, großen Leids und flammenden Hasses. In der Mitte Charlton Heston, der mit seinen Haifischzähnen immer ein bisschen so aussieht, als müsste er sich fürchterlich anstrengen, den Guten zu spielen. Er baute eine Karriere darauf auf, unermesslich leiden zu können und dabei nicht zusammenzubrechen, sondern immer sehniger und zäher zu werden. Sein Spiel ist nicht Leichtigkeit, sondern harte Arbeit: Das passt zu Judah Ben-Hur wie die Faust aufs Auge. Miklos Roszas Musik lässt die Gefühle wallen, die Kamera von Robert Surtees erkundet die üppigen Settings und findet immer wieder erstaunliche Blickwinkel. BEN-HUR ist weniger ein künstlerischer als ein logistischer Triumph, eher auf Überwältigung, Eroberungund Unterwerfung statt auf sanfte Verführung angelegt. Es ist leicht, BEN-HUR als frühen Vertreter jenes Kinos geringzuschätzen, das einen heute so furchtbar langweilt und anödet. Aber dann sitzt man am Ende doch da und ringt mit den Tränen.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Es ist ja eh erstaunlich, mit welcher Verachtung Wyler von seiten der elitären Filmkritik gestraft wurde.
    Weil er nun mal nicht in ihre „Auteur“ Schublade passte. Gut „Ben Hur“ ist jetzt auch nicht so meins, aber wie
    verbohrt musste man sein, um die Klasse von „The Best Years of our Lives“ oder „The Big Country“ nicht schätzen zu können.
    Um nur mal meine beiden Wyler Favoriten zu nennen.

    • Sano sagt:

      Der beste Film von William Wyler – oder nur einer von vielen. Ich glaube es ist nur einer von vielen Meisterwerken in Wylers langer Karriere – wenn auch mein Liebster.

      Und in der Tat. Die schönsten Momente sind für mich in Ben-Hur diejenigen, wenn die Menschen schweigen, und selbst nur Beobachter sind. Wie die von dir beschriebene Szene hinter der Säule. Der ewig gequälte Gesichtsausdruck von Heston, die monumentale Musik von Rozsa, und die Orte die allesamt unbewohnbar sind, immer schon vergangen. Heimat findet der Heimatlose nur in den Menschen.

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