love is a many-splendored thing (henry king, usa 1955)

Veröffentlicht: Januar 7, 2013 in Film
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Am seltsamsten an LOVE IS A MANY-SPLENDORED THING – einem jener tragisch verlaufenden, gleichermaßen von Herzschmerz und Liebesglück zerrissenen Cinemascope-Melodramen, die man sofort in den Fünfzigerjahren verorten kann –, ist dass man ihn überhaupt seltsam findet. Üblicherweise lassen diese Filme keine Fragen offen – und wenn doch, dann kennt man auch diese offenen Fragen bereits, weil sie zum Genre dazugehören. In Henry Kings Film hingegen werden viele Themen angerissen und ausgeführt und am Ende ist doch alles hinfällig. Wenn die Protagonistin zum Schluss den Tod ihres Geliebten betrauern muss, scheint sein Schicksal nicht nur als unerwartete, harte Zäsur in ihrem Leben, sondern auch im Film selbst, der plötzlich enden muss, obwohl er doch noch so viel zu erzählen hatte.

Auf einer Party in Hongkong lernen sich die Ärztin Dr. Han Suyin (Jennifer Jones) und der Journalist Mark Elliott (William Holden) kennen. Er verliebt sich sofort in sie und beginnt ihr im Folgenden den Hof zu machen. Zwar genießt Suyin die Aufmerksamkeit des höflichen Mannes, doch allzu große Hoffnungen möchte sie ihm nicht machen. Dem Liebesglück steht zunächst vor allem ihr Status als „Eurasierin“ im Weg: Die Tochter eines chinesischen Soldaten und einer Engländerin fühlt sich ihrem kulturellen Erbe, ihrem Heimatland, in dem gerade die kommunistische Revolution tobt, ihrem Volk und den strengen Traditionen ihrer Familie immer noch stark verbunden, will diese Verbindung nicht einfach aufgeben. Zwar setzt sich die Liebe schließlich gegen alle Widerstände durch, doch dann wird Mark als Kriegsberichterstatter nach Südkorea gerufen …

LOVE IS A MANY-SPLENDORED THING ist einer von zahlreichen US-amerikanischen Filmen, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg mit dem Fernen Osten auseinandergesetzt haben, in einer Mischung aus Faszination und Respekt, aber auch einer gewissen Befremdung für eine von tiefer Spiritualität und Begriffen wie „Ehre“, „Tugend“ und „Tradition“ geprägte Kultur. Ein gewisser, mal mehr, mal weniger ausgeprägter (und nicht immer böser) Rassismus war dabei selten von der Hand zu weisen. Das ist hier nicht anders. Suyins Zweifel und Befürchtungen werden für den Zuschauer kaum nachvollziehbar: Auf Mark – den Verbündeten des Zuschauers – wirken sie immer mehr frustrierend und unverständlich, als stünde sich die Frau bei ihrem Glück selbst im Weg. Und dass die Chinesin von Jennifer Jones, einer amerikanischen Schauspielerin (heute fast vergessen, aber in den Vierziger- und Fünfzigerjahren mehrfach Oscar-nominiert und 1949 für THE SONG OF BERNADETTE mit der Trophäe ausgezeichnet), verkörpert wird, mindert die Probleme kaum. Ihre doch ganz realen Probleme scheinen im Film auch und nicht zuletzt Ausdruck einer „typisch“ asiatischen Entrücktheit und Askese, einer exotischen Mystik, die der Frau – immerhin Ärztin und durchaus mitten im Leben stehend – einen Teil ihrer erotischen Anziehungskraft verleihen soll. Als Suyin und Mark sich zum ersten Mal näherkommen, trennen zwei Zigarettenlängen ihre Lippen voneinander: Ihr erster „Kuss“ dient dazu, ihre Zigarette an seiner anzuzünden.

Doch die Erwartungen, die der Zuschauer an diese Konstellation knüpft, werden von Henry King nur teilweise erfüllt. Mehrfach wird der Aberglaube der Chinesen thematisiert, aber keine der zahlreichen Weissagungen erfüllt sich. Die chinesische Familie Suyins heißt ihre Entscheidung, einen Ausländer zu heiraten, zwar nicht gut, aber sie stellen sich ihr auch nicht in den Weg. Und auch die gesellschaftlichen Widerstände sind kein dauerhaftes Hindernis für Mark und Suyin. Letztlich kommt der Liebe der beiden Protagonisten das Schicksal in Form eines Zufalls in die Quere. Der Kriegsberichterstatter Mark wird bei einem Bombenangriff der Nordkoreaner getötet, für Suyin bleibt nur noch, sich der Zeit mit ihm zu erinnern. Es gibt keinen Fehler, den sie beklagen könnte, kein Versäumnis, das sie zu bedauern hätte, keinen Wendepunkt, an dem das Glück in Unglück umgeschlagen wäre, keinen schurkischen Widersacher, dem sie die Schuld geben könnte. Das Schicksal schlägt auf geradezu grotesk-banale Weise zu. William Holden stirbt einen absurd unheldischen Tod, so als wäre sein Mark nur eine Nebenfigur dieses Films und nicht ihr Protagonist.

Es bleibt ein Film voller betörend-schöner Momente – auf dem Hügel hoch über Hongkong, gemeinsam am Strand – die sich nur schwerlich zu einem großen Ganzen zusammenfügen wollen. Das ist gar nicht negativ gemeint. Kings LOVE IS A MANY-SPLENDORED THING bleibt wunderbar ziellos, im positiven Sinne pointless, ganz anders als es diese Filme sonst zu sein pflegen. Es gibt keine große Erkenntnis zu gewinnen. Am Ende bleiben Eindrücke aus dem Leben zweier Menschen, die ein kurzes Stück Wegstrecke gemeinsam gegangen sind. Einige davon werden hängenbleiben, andere irgendwann weggespült werden.

Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    hm, aber tatsächlich endet der film ausgesprochen tragisch für sie!!! sie hat für diese liebe ihre familie in china aufgegeben, ihren job hat sie auch verloren, weil sie sich als eurasierin noch dazu mit einem immer noch verheirateten mann eingelassen hat – und sie hat ihre mühevoll aufgebaute emotionale schutzmauer zerstört, nur um schon wieder „witwe“ zu werden. sie steht mit ihrer adoptivtochter so ziemlich vor dem nichts… ja, sie hat die schönen erinnerungen, aber alle opfer, die sie gebracht hat für die liebe sind nun hinfällig, weil die liebe sich nicht mehr leben lässt! also, aus der perspektive der zurückgebliebenen frau so ziemlich das armageddon… (der einzige lichtlick ist, dass in macau eine chance als weibliche frei praktizierende ärztin für sie besteht, wie es angedeutet wird.)

    • Oliver sagt:

      Dass das Ende tragisch ist, bestreite ich ja auch nicht. Es ist immer tragisch, wenn eine Liebesgeschichte so jäh unterbrochen wird. Aber ich weiß nicht, ob die Probleme, die du beschreibst, tatsächlich so schwer wiegen: Ihren Job hätte sie so oder so verloren, da ihr Hongkong-Pass abläuft. Dem kommunistischen Regime stand auch vorher schon sie ablehnend gegenüber, eine Rückkehr nach China wäre für sie sowieso nicht in Frage gekommen. Den Problemen, denen sie sich nun stellen muss, hätte sie sich auch stellen müssen, hätte sie Mark nicht kennengelernt. (Ich denke sogar, dass sie die Trennung von ihrer Familie rückgängig machen könnte, da sie den Ausländer ja nicht geheiratet hat, aber da bin ich mir nicht so sicher.) Das alles verstärkt m. E. den Eindruck, dass die Beziehung zu Mark kaum mehr als eine Zäsur in ihrem Leben ist, eine Episode, die ebenso unverhofft endet wie sie begonnen hatte und letztlich eigentlich nichts verändert, außer ihrem Gefühl.

      Kann aber durchaus sein, dass ich da was missverstehe. Man müsste mal recherchieren: Der Film basiert auf der Autobiografie der echten Han Suyin. Vielleicht erfährt man, was aus ihr geworden ist.

      • zorafeldman sagt:

        hm, ich kenne mich mit den chinesischen traditionen auch nicht aus, hatte aber den eindruck, dass ihr eine rückkehr zur familie in jedem fall verwehrt bleiben wird (die jadesteine, die sie von ihrer familie zum abschied bekommt, sagen ja auch: das ist das ende unserer beziehung). und sie hat ihren job ja nicht „nur“ wegen ihres auslaufenden passes verloren, sie hat vor allem ihr ansehen, ihr gutes image verloren – weshalb ihr ja kein anderes krankenhaus ein stelle anbietet. und sie sagt am anfang, sie überlege, nach china zurückzugehen, um ihrem volk zu helfen, diese einstellung ändert sich durch mark erst.
        mag sein, dass ich das ganze aus einer eher skeptischen perspektive sehe, und ich sehe ja auch den positiven ausblick, dass ihr in macau gesagt wird, sie könne dort jederzeit viel geld verdienen. nichtsdestotrotz ist sie am ende des films wegen ihres eingehens auf die beziehung schlechter dran als am anfang – zumindest, was die äußeren umstände angeht.
        vielleicht sehe ich das aber auch zu pragmatisch. du kennst mich. ^_^

      • Oliver sagt:

        OK, mal angenommen, das stimmt alles so: Was will uns der Film dann sagen?

        Dass eine Liebe manchmal tragisch endet und man vom Schicksal gefickt wird? Dass das Leben hart sein kann? Das ist nicht wirklich eine „Botschaft“, oder?

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