shockproof (douglas sirk, usa 1949)

Veröffentlicht: Januar 9, 2013 in Film
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Samuel Fuller geht bei mir eigentlich immer. Weshalb ich meine vor rund zwei Jahren begangene Quasi-Werkschau im Rahmen meiner Qualitätsoffensive jetzt gut fortsetzen kann. Fuller-Kenner werden wissen, dass es sich bei SHOCKPROOF nicht um eine seiner Regiearbeiten handelt, sondern um den sechsten US-Film von Douglas Sirk (den siebten, wenn man THE STRANGE WOMAN mitzählt, der eigentlich Edgar G. Ulmer zugeschrieben wird), zu dem Fuller gemeinsam mit Helen Deutsch das Drehbuch verfasste. Wenig später inszenierte Fuller seinen ersten eigenen Film, das Western-Masterpiece I SHOT JESSE JAMES, Douglas Sirk hingegen zog sich kurzzeitig wieder nach Europa zurück, weil sowohl Dreh als auch Rezeption von SHOCKPROOF mehr als enttäuschend für ihn verlaufen waren. Das von Fuller geschriebene Ende wurde auf Geheiß des Studios durch ein reichlich abruptes und wenig glaubwürdiges (aber irgendwie auch sehr süßes) Happy End ersetzt und natürlich floppte der solchermaßen verunstaltete Film bei Kritik und Publikum. Erst 2007 wurde er zum ersten Mal in New York im Kino gezeigt. (Der Artikel, der zu diesem Anlass in der New York Times veröffentlicht wurde, ist sehr lesenswert und beantwortet einige Fragen, auf die auch ich gern eingegangen wäre, nun aber keinen Grund mehr dafür sehe.)

Der Bewährungshelfer Griff Marat (Cornel Wilde) bekommt die nach fünf Jahren aus der Haft entlassene Mörderin Jenny Marsh (Patricia Knight) zugeteilt. Mit großem Ehrgeiz und auffälligem persönlichen Interesse beginnt er, sich um die Resozialisierung der Frau zu kümmern, die den Mord vor allem beging, um ihren Liebhaber, den zwielichtigen Harry Wesson (John Baragrey), zu schützen. Der will seine Jenny natürlich zurück, doch Griff ist unerbittlich: Um sie genau im Auge zu behalten, stellt er sie gar als Pflegerin für seine blinde Mutter ein. Als zwischen Griff und Jenny die Liebe aufkeimt, beschließen die beiden zu heiraten, was einen wissentlichen Verstoß gegen ihre Bewährungsauflagen bedeutet, der auch Griff teuer zu stehen kommen kann. Wesson ist verständlicherweise wenig erfreut und will einen Keil zwischen die Liebenden treiben: Das bezahlt er mit einer von Jenny abgefeuerten Kugel. Von nun an sind Griff und Jenny auf der Flucht. Doch schnell geht ihnen das Geld aus …

Der Meister des Melodrams und der Meister des pointierten Pulps scheinen auf dem Papier kaum zusammenzupassen. Aber vielleicht funktioniert SHOCKPROOF gerade wegen dieser unwahrscheinlichen Konstellation so gut. Griff Marat und Jenny Marsh sind typische Fuller-Helden: Er entschlossen, kernig, rechtschaffen und straight, sie innerlich zerrissen, attraktiv – und eine handvoll Ärger für jeden Mann. Klassischer Noir-Stoff, der vor allem in der ersten Hälfte von dezenten Sirkismen unterlaufen wird. Ein so bürgerliches Leben, wie es Griff führt, komplett mit blinder Mama und keckem, gut 20 Jahre jüngerem Bruder, ist in Fullers Werk eher die Ausnahme. Im Ausbruch des Protagonisten-Paares aus den gesellschaftlichen Regeln findet sich interessanterweise die Schnittmenge zwischen den beiden Autoren. Sirks Helden sehen sich bei der Verwirklichung ihres Lebenstraums immer dem Dünkel der Masse gegenüber, die sie in eine Außenseiterrolle drängt, obwohl sie doch einfach nur dazugehören möchten. Fullers Charaktere sind da weniger harmoniebedürftig: Sie gehen unbeirrt ihren Weg, ganz egal, wo er sie letztlich hinführt. Tragischerweise werden sowohl Sirk als auch Fuller vom Happy End um einen adäquaten Ausgang ihrer Geschichte betrogen. Der Deus ex Machina kommt herabgestiegen und löst den Konflikt in Luft auf.

Sehenswert ist SHOCKPROOF trotzdem, längst nicht nur als Kuriosität oder als gemeinsamer Baustein im Werk zweier großer Filmemacher. Die Geschichte ist auf eine schwer zu benennende Art und Weise kinky und abseitig, die Dialoge knallen ebenso Wham-Bang wie die tolle Oldschool-Prügelei zwischen Griff und Harry. Dazu kommt die Fotografie von Charles Lawton jr. (u. a. THE LADY FROM SHANGHAI, 3:10 TO YUMA oder John Fords TWO RODE TOGETHER): enorm spannungsreich und voller dräuender Schatten, vor allem in den Szenen in Griffs Haus und im fast schon surrealen Finale. Völlig pleite und ohne Ausweg heuert Griff als Arbeiter an einer Ölförderanlage an. Im Schatten der unentwegt pumpenden Türme bewohnt er mit seiner Jenny eine winzige, schäbige Holzbaracke. Ihr Fall ist so tief, dass er beinahe wie eine Karikatur scheint. Zu ihrem Glück werden die beiden von einem gutmütigen Drehbuch-„Doktor“ gerettet. Dabei war ihr Fall doch so schön anzusehen. Leidende Liebende haben etwas enorm Vereinnahmendes. Aber ich gönne ihnen das Happy End von Herzen. Ist schon OK.

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