scandal sheet (phil karlson, usa 1952)

Veröffentlicht: Januar 12, 2013 in Film
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SCANDAL SHEET, basierend auf Samuel Fullers 1944 erschienenem und äußerst erfolgreichem Roman „The Dark Page“, greift viele Elemente auf, die zuvor schon im von Fuller mitgeschriebenen POWER OF THE PRESS allgegenwärtig waren: In beiden Filmen geht es um den Konflikt zwischen wirtschaftlichen und journalistischen Interessen einer Zeitung. In beiden führt die einseitige Ausrichtung nach Auflagenstärke zu einem schmutzigen, unehrlichen Journalismus und letztlich zu mehreren Toten. Erhellend sind die Unterschiede zwischen beiden Filmen, die m. E. bekräftigen, was ich zu POWER OF THE PRESS geschrieben habe: SCANDAL SHEET erzählt eine spannende, pulpige Crime-Story, nutzt sein Sujet in erster Linie als interessanten, außergewöhnlichen Hintergrund, verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und sagt am Ende dennoch mehr über die Bedeutung der Presse aus als POWER OF THE PRESS in seinen ellenlangen Monologen. Auch inszenatorisch trennen beide Filme Welten: Burnett Guffeys fantastische Fotografie betont die Abgründe der Geschichte, setzt Schatten und Totalen zu großem Effekt einund kontrastiert die „saubere“ Welt der Presse mit dem Elend und Schmutz auf den Straßen. SCANDAL SHEET geht seinen Weg ganz unbeirrt: Es gibt keine überflüssigen Szenen, sondern einen unaufhaltsamen Flow bis zum unvermeidlichen Finale. Und Broderick Crawford gibt einen großartigen Schurken ab.

Die Aktionäre einer großen New Yorker Zeitung sind erbost über den Qualitätsverfall ihres sich einst an Intellektuelle richtenden Blattes. Unter der Aufsicht des Chefredakteurs Mark Chapman (Broderick Crawford) hat es sich in ein Boulevard-Blatt mit reißerischen Schlagzeilen verwandelt – und dabei seine Auflage mehr als verdoppelt. Seine Angestellten hat er gut auf den neuen Kurs eingestellt: Dem talentierten jungen Journalisten Steve McCleary (John Derek) ist kein Trick mehr zu mies, um an seine Storys zu kommen. Als die beiden auf einem von der Zeitung ausgerichteten „Ball der einsamen Herzen“ auf der Suche nach einem heiratswilligen Pärchen sind, das sie präsentieren können, trifft Chapman auf seine Ehefrau, die er vor 20 Jahren einfach sitzenließ und eine neue Identität annahm. Im wenig später folgenden Gerangel kommt die Frau ums Leben. Chapman setzt alles daran, seine Beteiligung zu vertuschen, begeht jedoch einen Fehler, der den ehemaligen Reporter und jetzigen Alkoholiker Charlie Barnes auf seine Fährte bringt. Doch der kommt nicht mehr dazu, sein Wissen zu teilen …

Phil Karlson kannte ich bisher vor allem von seinen beiden letzten Filmen: dem großartigen WALKING TALL, der dem damals 68-jährigen Veteranen mit seiner 59. Regiearbeit noch einmal einen Riesenhit bescherte, und dem unvermeidlichen Nachzieher FRAMED. SCANDAL SHEET macht klar, dass es in seiner umfangreichen Filmografie wohl noch einiges mehr zu entdecken gibt, denn er ist schlicht makelloses, rundum gelungenes Spannungskino. Ich habe seine Stärken oben schon im Wesentlichen beschrieben: Ihn zeichnet seine düstere Fotografie aus, ein grimmiger Realismus sowie eine fast körperlich spürbare Unmittelbarkeit. Einen großen Anteil daran hat Hauptdarsteller Crawford, ein bulliger Typ mit herunterhängenden Mundwinkeln, jemand, der sich binnen Sekundenbruchteilen vom gemütlichen, väterlichen Freund in einen reißenden Bullterrier verwandeln kann. Trotzdem leidet man mit ihm: Der Druck, der immer stärker auf ihm lastet, der zunehmende Kontrollverlust, der ihn zum passiven Warten verdammt, werden für den Zuschauer absolut nachvollziehbar. Es gibt ein paar tolle Szenen, die aus dem Film noch herausstechen: der Auftakt in der Bowery, in der McCleary die aufgelöste Augenzeugin eines eben geschehenen Axtmordes unter Vorspielung falscher Tatsachen dazu bringt, ihm die schreckliche Tat noch einmal zu schildern; die Konfrontation zwischen Chapman und dem armen Charlie in einer nächtlichen, regennassen Gasse; schließlich die Szene, in der McCleary auf der Suche nach einem Zeugen in einer miesen Pinte voller Säufer landet, die bereit sind, für einen Schnaps alles zu erzählen. Man sieht den Autor Fuller hinter diesen Bildern, sein großes visuelles Gespür, sein Geschick, beeindruckende Bilder mit Worten zu zeichnen. Ein größeres Kompliment kann man Karlson kaum machen. Ein toller Film.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich kann von Karlson den tollen Western „Gunmans Walk“ und den Noir „Kansas City Confidential“ empfehlen.
    Ausserdem ist ein Film von ihm, den ich schon ewig sehen wollte, nämlich „99 River Street“, jetzt endlich auf
    Youtube zu finden. Viel gutes gehört habe ich auch von „The Phenix City Story“, den viele für sein Meisterwerk
    halten. Den habe ich leider nie gesehen. Auf jeden fall ein toller Regisseur.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Über Phil Karlson im allgemeinen und „The Phenix City Story“ im besonderen. Das scheint ein wirklich unglaublich harter Film zu sein. Und das nicht nur für seine Zeit.

    http://www.destructibleman.com/

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