phenomena (dario argento, italien 1985)

Veröffentlicht: Januar 22, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

Mit PHENOMENA ist Dario Argento mit knapp fünfjähriger Verspätung in den Achtzigerjahren angekommen: Vom Soundtrack wummern Metal-Tracks von Iron Maiden – damals auf dem Zenith ihrer Popularität – und Motörhead, um den Synthiebeats von Simon Boswell und Goblin ab und zu eine Pause zu gönnen, die damals 15-jährige Jennifer Connelly betritt – ein Jahr vor LABYRINTH – zum ersten Mal eine unerklärliche Märchenwelt und die Vorfahren dessen, was wir heute als CGI bezeichnen, halten Einzug. Der Film markiert unverkennbar einen ersten kleinen Bruch in Argentos Werk – ganz unabhängig davon, ob man ihn toll findet oder, wie viele, als ersten Schwächeanfall des Meisters betrachtet. PHENOMENA wirkt, anders als die Vorgänger, zum ersten Mal nicht mehr wie ein mit den Mitteln des Horrorfilms formulierter philosophischer Essay. Weitestgehend verflogen ist diese eigenartige Strenge, die Argentos Filme aller kreativen Wildheit zum Trotz charakterisierte und die sich sowohl in ihrer kubistischen Architektur und der Musik Goblins, mit ihren komplizierten mathematischen Formeln folgenden Melodiebögen und treibenden Rhythmen, niederschlug. PHENOMENA ist emotionaler, auch zärtlicher, märchenhafter und verträumter. Einige dieser Attribute treffen auch auf SUSPIRIA zu, aber da fungierte Argento noch als strenger Dirigent, der den Rausch mit den Mitteln der Vernunft in Bann schlug. Hier lässt er die Zügel schleifen. Oder besser: Er verfällt selbst dem Zauber seines Films.

Jennifer Corvino (Jennifer Connelly), Tochter eines amerikanischen Filmstars, wird auf eine Mädchenschule in der Schweiz geschickt, in deren Umgebung ein Serienmörder umgeht. Während einer somnambulen Episode wird das Mädchen, das über eine besondere Beziehung zu Insekten verfügt, Zeuge eines Mordes und findet wenig später einen madenbefallenen Handschuh des Killers. Sie freundet sich mit dem Entomologen Prof. John McGregor (Donald Pleasence) an und kommt dem Mörder schließlich auf die Spur …

Die Story will sich nicht wirklich zu einem homogenen Ganzen fügen, scheint aus zwei nur lose verbundenen Elementen – der märchenhaften Geschichte eines jungen Mädchens mit besonderer Begabung und einem klassischen Giallo-Plot –  eher willkürlich als zwingend zusammengesetzt. Der rote Faden geht dann auch mit zunehmender Spieldauer immer mehr verloren. Dem Vergnügen tut das indes keinen Abbruch, weil PHENOMENA über zahlreiche faszinierende Bilder, Momente und eben diesen außerweltlichen, mal betörenden, dann wieder eiskalten und furchteinflößenden Score verfügt. Der Film ist ein Stimmungsbild, ein wunderschönes, rätselhaftes Gemälde, mehr als alles andere. Warum der entstellte Killer nun umgeht, welche Beziehung seine Mutter zu ihm hat und wie sich Jennifer mit ihrem besonderen Talent ins Bild fügt, lässt sich am Ende kaum noch sagen. Aber wer will nach einem geilen Albtraum schon nach dem lästigen Sinn fragen? Was im Gedächtnis bleibt, sind im Alpenföhn ebenso bedrohlich wie berückend rauschende Bäume, die die Beseeltheit der Natur suggerieren (wohl eines der Leitmotive, die man aus dem Film herausfiltern könnte), die Schönheit der jugendlichen Hauptdarstellerin, die ein magisches Gravitationsfeld um sich aufbaut und jedes Bild an sich reißt. Jennifer, die Abertausenden von Käfern zuruft „I love you all!“, während ihr dunklen Haare im Wind wehen. Jennifer im von tiefer Intimität geprägten Gespräch mit dem schrulligen McGregor. Jennifer, die von dem Schimpansen an der Hand genommen und aus dem Wald geführt wird. Jennifer und das Glühwürmchen. Jennifer, wie sie über diese riesige Bergwiese rennt. Dann natürlich die eher horriblen Szenen: Der unglaubliche Auftakt mit der über die Bäume fliegenden Kamera, der Jagd durch eine enge Gebirgsklamm und dem anschließenden Zeitlupenmord. Die berühmte Leichengruben-Sequenz, die die vergleichbare Szene aus POLTERGEIST wie Wassergymnastik erscheinen lässt. Der Kampf auf dem See, der auf positivste Art und Weise an diverse FRIDAY THE 13TH-Filme denken lässt. Und dann schließlich dieser komplett irrsinnige Schluss mit dem Schimpansen, wohl einer der bizarrsten Schlussgags, die je ersonnen wurden. Bemerkenswert auch, mit welchem Einfühlungsvermögen der vermeintliche Frauenfeind Argento das Gespräch der beiden jugendlichen Zimmergenossinnen eingefangen hat. Banalität ist nur selten so reizvoll. (Auch hier wieder: Jennifer, auf dem Bett sitzend, mit festem, offenem Blick zuhörend und antwortend.)

Der Regisseur selbst hat PHENOMENA wohl einmal als seinen liebsten und persönlichsten Film bezeichnet. Das finde ich zunächst einmal ziemlich erstaunlich, weil er überhaupt nicht mit den erkennbaren Markern des persönlichen Ausdrucks versehen ist. PHENOMENA wirkt, wie ich oben sagte, entspannt, flüchtig, frei fließend, streckenweise banal und impulsiv, vielleicht sogar unausgereift. Das alles gereicht ihm zum größten Vorteil – und es lässt den genialischen Meisterregisseur in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ein toller, unterschätzter Film. I think I’m falling in love again.

PS Erwähnte ich die Musik schon?

Advertisements
Kommentare
  1. Alex sagt:

    D’accord! Mag und mochte den auch immer sehr gerne wegen seiner irrealer Stimmungen. Und natürlich auch wegen Jennifer.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Ist mein liebster Argento. War auch mein erster. Und die kleine Jennifer war grandios.
    Was für ein einstieg ins Filmgeschäft ! Mit Argento und Leone.

    • Oliver sagt:

      Stimmt! Dass sie bei ONCE UPON A TIME IN AMERICA mitspeilt habe ich total vergessen. Danke für die Erinnerung. Den müsste ich eh mal wieder sehen.

      Mein Lieblings-Argento ist wahrscheinlich INFERNO.

  3. maniact666 sagt:

    Feines Filmchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s