opera (dario argento, italien 1987)

Veröffentlicht: Januar 26, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

Auch wenn OPERA nach dem Horrormärchen PHENOMENA wieder eine Rückbesinnung auf die Giallostoffe bedeutet, mit denen Argento sich Anfang der Siebziger einen Namen machte: Ich meine, die Entspanntheit, mit der er Letzteren eher „laufen ließ“, als ihn mit strenger Hand zu dirigieren, ist auch in OPERA am Werk. Und dennoch kommt am Ende ein ganz anderer Film dabei heraus, nämlich vielleicht der kompakteste Argento.

OPERA hat mit Hauptdarstellerin Cristina Marsillach ein ganz klares emotionales Zentrum und funktioniert daher vor allem als mitreißender Thriller. Dass der letztlich nur „Tarnung“ für Argentos Meditation über das Spannungsverhältnis von Sehen-Müssen und Sehen-Wollen – sein Leib- und Magenthema sozusagen – ist, fällt kaum auf. Für Irritationen sorgt erst der bizarre und sich in bester Giallo-Tradition eher mittelprächtig ins Gesamtbild einfügende Schluss. Der lässt dann auch erkennen, dass es Argento wohl doch nur in zweiter Linie darum ging, einen spannenden Krimi zu servieren.

Die junge Opernsängerin Betty (Cristina Marsillach) erhält die Chance, die Rolle der Lady Macbeth in einer Inszenierung der Verdi-Oper durch den Horrorfilm-Regisseur Marco (Ian Charleson) zu übernehmen, als die eigentlich Hauptdarstellerin einem Unfall zum Opfer fällt. Ihre Befürchtungen, zu jung für die Rolle zu sein, und die Angst vor dem „Fluch“, der der Legende nach auf den Inszenierungen von „Macbeth“ liegt, erweisen sich  als durchaus begründet. Schon bald fallen die ersten Mitarbeiter einem Mörder zum Opfer, der überdies eine besondere Beziehung zu Betty aufbaut: Er zwingt sie dazu, seine Taten mitanzusehen, indem er sie fesselt und sie mittels unter die Augen geklebter Stecknadeln daran hindert, wegzuschauen …

Von Anfang an stellt Argento die Wahrnehmung des Zuschauers auf die Probe und testet – wie einst in PROFONDO ROSSO – seine Aufmerksamkeit. Die Aussage eines Zeugen, die Sängerin sei von einem Auto überfahren worden, stellt sich bei genauer Betrachtung als ebenso falsch heraus, wie Bettys Befürchtung „zu jung“ zu sein. (Ein wohlmeinender Kollege klärt sie sogleich darüber auf, dass Verdis Lady Macbeth erst 17 war.) Der teuflische Modus Operandi des des Killers, offensichtlich von der Ludovico-Methode aus Kubricks A CLOCKWORK ORANGE inspiriert, wird im Film durch die Technik unterwandert. Was Betty sieht, sieht der Zuschauer nämlich nicht: Ihre Subjektiven zeigen die vor ihren Augen klebenden Stecknadeln und einen dadurch vollkommen unscharfen Hintergrund. (In der Realität würde unsere Wahrnehmung entsprechend korrigieren: Die Stecknadeln würden „ausgeblendet“.) Bei der Ermordung der Kostümbildnerin spielt sich die grausame Tat jenseits des Bildrahmens ab und der Ton übernimmt die Funktion, uns darüber aufzuklären, was genau passiert. In einer anderen wichtigen Sequenz ist Bettys Wahrnehmung durch die Verwendung von Augentropfen getrübt. Es gibt immer wieder seltsam „falsche“ Kamerasubjektiven, denen entweder gar kein Blick zugeordnet wird oder einer, der sich körperlich nicht erklären lässt (wie am Anfang, als die Opernsängerin den kompletten Weg aus dem Opernhaus rückwärts zurückzulegen scheint). Die Attacken auf das Auge nehmen fast Fulcieske Züge an: In einer der grandios komponierten Mordszenen wird Bettys Agentin Mira (Daria Nicolodi) beim Blick durch einen Türspion durch das Auge erschossen. Die Kugel schlägt nach dem Weg durch ihren Kopf in einem Telefon ein: Die Kommunikation ist vollständig gestört. Der Blick der Raben, die zum lebenden Inventar der Operninszenierung gehören, ist es schließlich, der den Killer enttarnt. Und der Angriff der Vögel gilt welchem seiner Körperteile? Natürlich dem Auge.

OPERA war zu diesem Zeitpunkt Argentos aufwändigster und teuerster Film. Man sieht das unter anderem an der fantastischen Kamerafahrt während des berühmten Rabenflugs durchs Opernhaus: eine Sequenz die ich während der Argento-Retro auf den Fantasy Filmfest 1997 im Kino bewundern durfte und die auf großer Leinwand ein wahrhaft rauschhaftes Erlebnis darstellt. Der ganze Film profitiert natürlich immens von dem barocken Opernhaus-Setting wie auch von der Originalmusik, die immer wieder von den theatralischen, rasend schnellen Metal-Songs aufgelockert wird – eine stilistische Fortsetzung von PHENOMENA. Ich bin ein bisschen ratlos, was OPERA angeht: Ich liebe den Film sehr, aber ich bekomme ihn trotzdem nicht wirklich zu fassen. Vielleicht beende ich diesen Text einfach mit dem Hinweis auf eine meiner Lieblingsszenen. Es ist keine wichtige Szene. Sie gehört zu einem kleinen Nebenstrang des Films, dessen Sinn sich mir immer noch nicht ganz erschlossen hat. (OPERA, den ich oben als „kompakt“ bezeichnet hatte, ist voll mit solchen Details, die wie Fragmente eines anderen Films wirken, ohne jedoch jemals deplatziert zu wirken.) In der Szene, die ich meine, hört Betty – kurz nachdem sie den ersten Mord mitansehen musste – Stimmen aus dem Hausflur vor ihrer Wohnungstür. Sie schaut durch den Spion und sieht ein Pärchen im Gespräch. Die Kamera wechselt nun in ihre Subjektive: Der Zuschauer sieht das Pärchen auf dem Flur, leicht verzerrt durch den Spion, und hört Betty mit unangemessener Panik durch die Tür fragen, wer die beiden seien und was sie wollen. Der Mann verschwindet sofort und ohne Reaktion. Die Frau hingegen blickt Richtung Tür, so als könne sie Betty tatsächlich dahinter sehen, und antwortet dann genervt, dass sie nur eine Nachbarin sei. Dann verschwindet sie mit einer divenhaften Drehung und beendet die Szene. Ich habe die Szene während meiner aktuellen Sichtung zweimal gesehen: Beide Male musste ich kichern, beide Male fragte mich meine Gattin, was ich an der Szene so lustig fände. Die Wahrheit ist, dass ich es nicht genau sagen kann. Sie wirkt auf mich einfach urkomisch, umso mehr, als ihr Kontext überhaupt nicht witzig ist. Bettys Angst ist schließlich echt und absolut nachvollziehbar. Argentos artifizielle Regie, die zusätzlich entfremdende Synchronisation des Films und die affektierte Reaktion der Nachbarin werfen jedoch ein grelles Licht auf sie, heben sie seltsam hervor, obwohl sie eigentlich ganz und gar unbedeutend ist. Vielleicht erklärt sie ganz gut, was man aus OPERA mitnehmen kann – und was es nahezu unmöglich macht, etwas Definitives über den Film zu sagen: Die Wahrheit liegt nämlich immer im Auge des Betrachters.

EDIT April 2015: Anlässlich meiner Kinosichtung beim Terza Visione-Filmfestival habe ich einen neuen, kurzen Text zu OPERA geschrieben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s