the amazing spider-man (marc webb, usa 2012)

Veröffentlicht: Februar 16, 2013 in Film
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Als vor ein paar Jahren die Nachricht umging, dass Sam Raimi seine SPIDER-MAN-Reihe nicht fortsetzen würde, weil ein Reboot anstünde, war das Unverständnis groß. Nun hatte es ein Comicheld endlich mal auf ansprechendem Niveau bis zum dritten Teil geschafft, war der Boden für kommende Abenteuer, für die Arbeit an den Details und den akribischen Ausbau des Helden-Universums, bestellt worden, da machten ihm irgendwelche Studiofuzzis schon wieder ein Ende, nur um – mal wieder – von vorn zu beginnen. Dass SPIDER-MAN 3 insgesamt eine milde Enttäuschung war, schien kein ausreichender Grund für die Entscheidung, bei null anzufangen.

Wenn man sich die Kommentare der Nerds durchliest, etwa auf den Seiten ihres Zentralorgans Ain’t it cool news, wird man schnell auf stichhaltige Beweise gestoßen, warum THE AMAZING SPIDER-MAN Schrott ist, der es nicht verdient at, das Erbe Raimis anzutreten: er werde – wie immer – den Comics nicht gerecht und er sei ein Schnellschuss, von der Universal nur gemacht, um die Rechte an der Figur (die ein nomineller Protagonist für den nächsten AVENGERS-Film wäre) zu behalten, auf die Paramount schon ein Auge geworfen habe. Und dann ist da natürlich das absolut kriegsentscheidende Detail: die Sneakers, die zum Spider-Man-Kostüm gehören.

Ohne die fundamentalistische Verblendung des Comicfans betrachtet, ist THE AMAZING SPIDER-MAN ein wunderbar runder Film, der Raimis Serie tatsächlich relativ schnell vergessen macht, weil er ein ganz ähnliches Geschick und Herz in der Zeichnung seiner Charaktere zeigt. Spider-Man ist wahrscheinlich der menschlichste und zugänglichste Held des Marvel-Universums und daran ändern auch die etwas düsterere Ausrichtung und Garfields rebellischerer Peter Parker nichts. Orientierte sich Raimi eher am klassischen Silver-Era-Spiderman der 60er-Jahre, mit einem moralisch reinen Protagonisten, bekommt er in der Interpretation von Webb ein paar mehr Ecken und Kanten ab: Seine Jagd auf Verbrecher wird nicht zuletzt von einer fast selbstmörderischen Lust am Adrenalinkick angetrieben, in seinem selbstsicheren Autreten und seiner großmäuligen Art kommt der Narziss zum Vorschein, der bisher von seiner eigenen Minderwertigkeit gehemmt worden war. Die sprücheklopfende, biegsame Inkarnation des Helden, die man etwa aus den McFarlane-Comics kennt, findet ohne Reibungsverlust vom Comic auf die Leinwand. Die Kluft zwischen dem abtrünnigen Vigilanten und diesem Superhelden, sie ist sehr viel schmaler als bei Raimi. Im Versuch, Spider-Mans Fähigkeiten wissenschaftlich zu unterfüttern, liegt ein weiterer großer Unterschied zu den Vorgängern –  abgesehen natürlich von den Details der Origin-Story. Aus dem Fotografen ist ein angehender Naturwissenschaftler mit genialischen Zügen geworden, der nicht nur Kostüm und Ausrüstung nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konstruiert, sondern auch die Gleichung liefert, der der Forscher Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) seine Wandlung zum Lizard verdankt.

Die Schwächen von THE AMAZING SPIDER-MAN kennt man hingegen schon aus etlichen anderen Superhelden-Comicverfilmungen: Webb braucht so lang für seine Origin-Story, dass der Lizard am Ende zwangsläufig zu kurz kommt. Der Showdown wirkt übereilt und kann nicht mehr wirklich einen oben drauf setzen. Verschmerzbar, da Webb Spideys Fähigkeiten mit genau jenem sense of wonder ablichtet, der uns die Comics überhaupt erst ans Herz wachsen ließ. Wenn die Kranfahrer ihre Kräne am Ende so ausrichten, dass der verwundete und entkäftete Held sie benutzen kann, um sich entlang der Fifth Avenue zum Ziel zu hangeln, ist das einer eben jener wunderbar übertriebenen, pathetischen Momente, die in Heftform gleich eine  ganze prächtig gestaltete Seite abzubekommen pflegten. Nicht unwesentlichen Reiz bezieht Webb aus dem ausgiebigen Einsatz der Spinnenfäden: In einer kreativen Sequenz spinnt Spider-Man ein Netz in der Kanalisation, um darin auf ein Lebenszeichen vom Lizard zu warten. Wer gedacht hatte, Raimi habe alle bildlichen Möglichkeiten eines sich durch Manhattan schwingenden Helden ausgeschöpft, sieht sich schnell eines Besseren belehrt.

Angesichts dieses Ergebnisses kann man die Entscheidung der Universal, den Raimi-Spidey abzusetzen, kaum noch kritisieren. Man vermisst an THE AMAZING SPIDER-MAN vielleicht etwas die Unschuld, die typisch für die Silver-Era-Comics ist und die Raimis Film zu einem aller modernen Tricktechnik zum Trotz sehr nostalgischen Werk machte, aber die Möglichkeiten, die sich mit diesem Peter Parker eröffnen – und seine Liaison mit Gwen (Emma Stone) –, machen das mehr als verschmerzbar. Nice.

 

 

 

 

Kommentare
  1. Schlombie sagt:

    Nicht dass ich diesen Lizard nicht mögen würde, aber gerade bei ihm kann ich es gut verschmerzen, dass er in der quasi Entstehungsgeschichte Spider-Mans zu kurz kommt, fehlte mir bei seinem Aussehen doch nur noch der Auftritt von Captain Kirk, so charmant überholt wirkte dieser Gegner auf mich. Ich denke mal, dass den Verantwortlichen bewusst war, dass er im Vergleich mit anderen Gegnern eher schwächer ist und deshalb geradezu geeignet für einen Teil 1 ist.
    Was den Film im Allgemeinen betrifft sind wir übrigens auf einer Wellenlänge. Mir hat der Film ebenfalls gefallen, und gerade Deiner treffsicheren Formulierung stimme ich zu: ein wenig fehlt ihm die Unschuld von Raimis Version. Genau das empfand ich auch, ohne dass ich die passenden Worte dazu fand.

  2. Ich denke immer noch, daß diese Neuauflage durch einen guten zweiten Teil wachsen kann. Raimi hatte imho den besseren Auftakt seiner Reihe, weil alles besser ausgewogen war und einige Momente magischer ausfielen. Webb (Nomen est omen?) läßt sich mehr Zeit für andere Details, so daß der Film trotz des kurzfristigen Reboots noch interessant bleibt. Er überschlägt sich nicht, sondern läßt die Entwicklung Spider-Mans fließen, vielleicht abstrakt vergleichbar mit Batman Begins. Insgesamt fand ich beide Raimi Sequels nicht ganz so stark, insofern sehe ich Raum für weiteren Ausbau.
    Was den Spinnensinn angeht: Nicht mal den hat Spidey in den jüngeren Heften wohl noch. Hatte kürzlich mal was im Dunstkreis der Spider-Island Arc vor mir. Befremdlich.

    • Oliver sagt:

      Ich fand den AMAZING SPIDER-MAN deutlich schwungvoller als Raimis ersten Teil. Von seiner Trilogie halte ich den zweiten Teil für herausragend. Einer der besten „klassischen“ Comicverfilmungen imho.

      • Ich müßte vielleicht mal wieder die alte Zeichentrickserie sehen, die mich in Bezug auf Spidey sehr geprägt hat, denn es könnte durchaus sehr subjektiv sein, wenn ich behaupte, daß bei Raimis zweitem Teil etwas nicht stimmt. Vielleicht nimmt mich dieser Strudel um Harry und MJ einfach zu sehr mit. An Doc Ock kanns eigentlich nicht liegen. Tatsächlich fand ich Teil 3 dann noch wieder einen Tick (ca. 5%) besser.

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