shame (steve mcqueen, großbritannien 2011)

Veröffentlicht: Februar 18, 2013 in Film
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Die Schublade, die ich für SHAME nach dem Lesen einiger Rezensionen vorgesehen hatte, lautete auf den Namen: „AMERICAN PSYCHO mit Sex statt Morden“. Ich befürchtete einen dieser zeitgeistigen Filme, in denen die Welt zwar vollgestellt ist mit attraktiven Menschen in teurem Zwirn und schicken Designermöbeln, aber dafür jedes Sinnes, jeder Emotion beraubt. Einen jener Filme, in dem diese beziehungs- und liebesunfähigen, materialistischen Menschen sich in irgendwelche absurden Obsessionen stürzen, in denen ihre ganze Verkommenheit zum Ausdruck kommt. Hier eben: Sex. Und mit dem Sex ist das ja so eine Sache: Obwohl seine soziale Funktion kaum unterschätzt werden kann, er bestimmendes Thema zwischenmenschlicher Beziehungen ist und der Köder, mit dem Werke der Populärkultur immer noch erfolgreich ihr Publikum locken, hat Sex immer auch etwas Anrüchiges, sobald ein gewisses Maß – qualitativ oder quantitativ – überschritten wird. Und so ahnt man ja schon, dass ein Film, der sich mit einem „Sexsüchtigen“ befasst, kaum zu dem Schluss kommen wird, dass der mit seiner Sucht besser dran ist als ein Drogenabhängiger. Natürlich führt die Obsession den Protagonisten von SHAME in Grenzbereiche, natürlich leidet sein Leben an der Sucht, natürlich vernachlässigt er für sie die Dinge, die wichtiger scheinen. Natürlich muss er einen Ausweg aus der Sackgasse finden, bevor es zu spät ist. Immerhin lässt SHAME das Thema Aids außen vor. Fast ein Wunder, möchte man meinen.

Dennoch ist SHAME nicht die moralinsaure Lehrstunde in Sachen Oberklassen-Zynismus, die ich befürchtet hatte. Über weite Strecken, vor allem während der ersten beiden Drittel, bemüht sich McQueen um Differenzierung. Der erfolgreiche, allein lebende Geschäftsmann Brandon (Michael Fassbender) ist kein gefühlskaltes Raubtier (auch wenn er in der Anfangssequenz, in der eine Frau durch eine U-Bahn-Station verfolgt, so erscheint) und auch kein Frauenhasser wie es Patrick Bateman war. Er ist ein sympathischer Mann, charmant und gewinnend im Umgang mit Frauen, eher still und zurückhaltend, als forsch und offensiv. Man merkt, dass seine Isolation selbst gewählt ist: Tief verletzt und voller Misstrauen hat er sich zurückgezogen. Sein Hobby wäre unproblematisch, wenn es nicht seinen Alltag komplett dominierte: Auf seinem Bürocomputer hat man Unmengen an Pornografie gefunden, mehrfach am Tag muss er eine Toilette zum Onanieren aufsuchen, auch zu Hause wird als erstes Internetpornografie konsultiert, wenn nicht gerade eine Prostituierte da ist. Mit diesem ausgefüllten Alltag hat es ein Ende, als Brandons Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm Unterschlupf sucht. Die sensible, mittellose Sängerin hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich und die Tendenz, den falschen Männern hinterherzurennen. Sie behindert den Bruder in der Ausübung seines Hobbys und zieht deshalb immer mehr seinen Zorn auf sich. Und wohl auch, weil sie ihn daran erinnert, was mit ihnen einst passiert ist – der Film deutet das wirklich nur kurz an, aber es drängt sich der Verdacht auf, dass beide als Kinder missbraucht wurden. Sissy erstickt alle Menschen, die ihr nahekommen mit ihrer Anhänglichkeit, Brandon kann zu niemandem ein Beziehung aufbauen, die länger als ein paar Wochen dauert. Da leben zwei Menschen auf engstem Raum zusammen, deren Traumatisierung sich in  genau entgegengesetzte Richtungen auswirkt.

Leider gelingt es McQueen trotz dieser guten Ansätze leider nicht gänzlich, Brandons Sucht zu entskandalisieren. Gerade im Showdown, in dem er sich nach einem heftigen Streit mit seiner Schwester auf eine Ficktour begibt, die der Regisseur zum Abstieg in die Hölle hochstilisiert, kippt der Ton des Films: Distanz und Neutralität werden zugunsten der dramatischen Pointierung und Skandalisierung aufgegeben. Völlig entfesselt fingert Brandon eine Frau am Tresen einer Bar, legt sich dann geradezu todessehnsüchtig mit ihrem schlagkräftigen Freund an und hetzt danach mit Schürfwunden im Gesicht und wie ein Junkie den nächsten Kick suchend durch die nächtlichen Straßen. Alles ist in ein infernalisches Rot getaucht, die Konturen des Bildes verschwimmen, Brandons ganze Identität scheint in Auflösung begriffen. Wie in Trance geht er einem Mann hinterher, folgt ihm in einen kargen Club, der von ohrenbetäubendem Techno erfüllt wird und lässt sich von diesem dann in einem dreckigen Kellerloch fellationieren. Das ist der Moment, in dem der Film seine Aufrichtigkeit aufgibt und stattdessen auf billigen shock value setzt. Als sei es so besonders verblüffend, dass ein Mann, der täglich mehrfach ejakulieren muss, sich im Notfall auch von einem Mann bedienen lässt. Schlimmer noch: Als sei daran irgendetwas per se schockierend. Er steckt seinen Pimmel einem anderen Mann in den Mund! Jetzt ist er wirklich am Ende. So zumindest wirkt diese Szene auf mich und sie verrät die bis dahin gemachten Bemühungen und seinen Protagonisten. Abgefedert wird sie durch eine weitere, sich anschließende Sexszene, in der sich Brandon mit zwei Traumfrauen und unter goldenem Licht in geradezu paradiesische Ekstase vögelt. In diesem Moment wird klar, dass dieser Mann mit seinem speziellen Hobby nicht nur überirdische Glückszustände erreicht, sondern dass er auch ziemlich gut ist in dem, was er da tut. Wahrscheinlich hatte McQueen Angst vor dieser Erkenntnis, weshalb Brandon pünktlich zum Orgasmus in tränenschwangere Verzweiflung verfällt.

In dieser Art taumelt der Film nun seinem Ende entgegen. Das Abgleiten ins Melodram wird immer wieder eben so verhindert, bevor die nächste kitschige Szene einen neuen Anlauf nimmt. Brandon begreift, dass seine Schwester sich umbringen wird, findet sie blutend auf dem Badezimmerboden. McQueen entscheidet sich dankenswerterweise dafür, sie nicht sterben zu lassen, beschert seinem Protagonisten dafür dann aber einen effektvollen Zusammenbruch im Regen. Und ein offenes Ende – hat Brandon sich geändert oder nicht? – suggeriert dann doch wieder das schlummernde Raubtier aus der U-Bahn-Sequenz. Ich weiß nicht. Einerseits hat mir SHAME deutlich besser gefallen, als ich das erwartet hatte, andererseits hat er einige meiner schlimmsten Vorurteile bestätigt. Es scheint einfach nicht möglich, Filme dieser Art ohne die große menschliche Katastrophe erzählen zu können. Die Überspitzung am Ende kollidiert heftig mit der Distanz, die McQueen über weite Strecken hält. Am Ende ist SHAME dann doch ein ziemlich herkömmlich strukturierter Film, dessen Thema „Sexsucht“ nahezu austauschbar ist. Gut gespielt und erlesen fotografiert ist er aber dennoch.

Kommentare
  1. […] auch meine Review hier. Oliver Nöding von Remember it for later hat ihn auch gesehen, hat aber eine etwas andere und gut nachvollziehbare Meinung […]

  2. Dalaruan sagt:

    Genau dieses Unbehagen habe ich auch empfunden.

    Chapeau: Exzellente Rezension, die das Scheitern des Films aufgrund seiner schlussendlichen Konventionalität bei aller Erlesenheit, allem herausragendem method acting, pointiert erfasst.

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