the cabin in the woods (drew goddard, usa 2011)

Veröffentlicht: März 20, 2013 in Film
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Das als „postmodern“ apostrophierte Kino, wie es in den Neunzigerjahren vor allem durch den kometenhaften Aufstieg Tarantinos zum Trendthema wurde, hatte seine Credibility schon wenig später fast vollständig verloren: Weil zu viele einfältige Pendants es lediglich für hohle Witzchen und das unproduktive Zurschaustellen des vorgeblichen Popkultur-Wissens missbrauchten, war der anfänglich noch vorhandene Witz bald dahin. Der Rückzug in eine durch und durch künstliche Welt, in der nichts so gemeint war, wie es schien, und selbst das ironische Augenzwinkern noch ironisch gebrochen wurde, führte geradwegs in die moralische Obdachlosigkeit. Der Horrorfilm (der sein postmodernes Coming-out möglicherweise 1997 mit Wes Cravens SCREAM hatte) litt besonders unter dieser Entwicklung: Weil sein Erfolg von der vollständigen emotionalen Immersion des Zuschauers abhängt, davon, dass der sich darauf verlassen kann, nicht verschaukelt zu werden, musste er in eine schwere Krise geraten, wenn die Gräueltaten, die er abbildete, in Gänsefüßchen gesetzt wurden. All die Splatterkomödien, die seit den späten Achtzigerjahren die Videotheken und Festivalleinwände fluteten, bezogen sich nicht mehr auf eine wie auch immer geartete Wirklichkeit und die Angst vor ihr, sondern nur noch auf andere Filme. Es stand nichts mehr auf dem Spiel, weder für die Protagonisten noch für den Zuschauer: Der Todesstoß für ein Genre, das seinen Zuschauern eigentlich Angst machen will.

THE CABIN IN THE WOODS ist auf den ersten Blick ein mustergültiges Beispiel  dieses postmodernen Horrorkinos und demnach auch anfällig für obige Kritik. Aber dann doch wieder nicht. Dass der von Genrespezialist und Popkultur-Nerd Joss Whedon produzierte und geschriebene Film deutlich ambitionierter, cleverer und aufwändiger daherkommt als der spießige Kinderkram, der das Fantasy-Filmfest-Publikum sonst zuverlässig frühzeitig ejakulieren lässt, ist dabei nicht der einzige Grund für seinen Erfolg. Whedon und sein Regisseur, Debütant Drew Goddard, begnügen sich nämlich nicht damit, lediglich fingerfertiges Nerdjerking zu betreiben. Natürlich richtet sich der Film an Horrorfilm-Fans, an Geeks, die sofort wissen, dass Sam Raimis epochemachender THE EVIL DEAD Pate bei der Prämisse stand, die wissen, dass es nichts Gutes bedeuten kann, wenn in einem finsteren Keller aus einem Buch mit kryptischen lateinischen Formeln vorgelesen wird. Der Unterschied zu jenen Legionen unbedarfter Horrorkomödien, deren Macher lediglich ihren Lieblingsfilmen huldigen wollen, ohne deren visionäre Kraft jedoch nur annähernd zu erreichen, besteht darin, dass Goddard und Whedon, ganz selbstverständlich mit jenen Reminiszenzen umgehen. Wenn sie sich die Rahmenhandlung bei THE EVIL DEAD borgen, dann nicht, um sich als Kenner zu gerieren und sich mit ihrem Publikum zu verbrüdern, sondern weil jener Film nun einmal die Blaupause für zahlreiche Epigonen lieferte. Es geht ihnen nicht um Expertenwissen, sondern genau um das Gegenteil: Sie refrenzieren popkulturelles Allgemeingut. Hinter dieser Strategie verbirgt sich eben nicht jene müde „Von-Fans-für-Fans“-Huldigung: THE CABIN IN THE WOODS zitiert sich nicht selbstzweckhaft und regressiv durch die jüngere Horrorfilmgeschichte. Er reflektiert auf der Handlungsebene, worin der kulturelle Mehrwert des modernen Horrorfilms besteht, welche soziale Funktion ihm zukommt.

Die Gruppe bunt gemischter Freunde – die „Jungfrau“, die Schlampe, der Sportler, das „Gehirn“ und der Clown – ahnt nicht, dass ihr Ausflug in eine einsame Waldhütte einem größeren Zweck dient. Beobachtet von Staatsbeamten, die das sich entspinnende Blutbad mit derselben amüsierten Routine betrachten, mit der auch Splatterfans sich durch die neueste Genrekost arbeiten, treten sie einen Mechanismus in Gang, der sie das Leben kosten wird. Doch ihr Tod dient nicht bloß dem Amüsement: Wie das Menschenopfer in weniger zivilisierten Zeiten sterben sie, um die Götter zu besänftigen, die im Zentrum der Erde hausen. Die Beamten sorgen mit ständigem Nachschub dafür, dass das so bleibt.

Der Witz von THE CABIN IN THE WOODS besteht – abseits von seinem Twist, der jedoch bereits mit der ersten Szene des Films telegrafiert wird und eigentlich kein Twist im eigentlichen Sinne ist – darin, dass er suggeriert, dass alle Horrorfilme, die wir kennen, letztlich Dokumentationen realer Ereignisse sind. Das Horrorgenre dokumentiert, was den Fortbestand der Menschheit überhaupt erst sichert. Das ist nicht nur eine sehr hübsche Idee, es ist auch eine größere Ehrerbietung als jeder dumpfbackige Kettensägenwitz es je sein könnte.

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